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„Am Ende - Die Macht der Kränkung“: Das passiert in der zweiten Staffel

17.05.2023 um 11:50 Uhr
    Die Macht der Kränkung Titelbild | © ZDF Doppeltes Spiel: Alle Personen werden von zwei Darstellern gespielt (v. l.): David jung (Philip Froissant), David als Erwachsener (Golo Euler) Rosa im Alter (Barbara Auer), Rosa jung (Henriette Richter-Röhl) Julia jung (Luise Hart), Julia erwachsen (Angelina Häntsch) | ©ZDF

    Verrat, Seitensprünge, dramatische Fehlentscheidungen: Der Sechsteiler „Am Ende: Die Macht der Kränkung“ mit Barbara Auer und Thomas Thieme entlarvt Lebenslügen.

    Ein Artikel von Redakteur Mike Powelz.

    Warum hat sich David (Golo Euler) das Leben genommen? Wieso ist der beliebte Familienvater mit seinem Auto gegen einen Stapel Baumstämme gefahren? Und weshalb hat er noch zu Lebzeiten verfügt, dass eine Fremde bei seiner Trauerfeier einen Brief verliest? Der Sechsteiler „Am Ende: Die Macht der Kränkung“ wirft viele Fragen auf. Nur so viel sei verraten: Antworten erhalten die Zuschauer erst peu à peu, das komplette Geschehen werden sie erst ganz am Schluss verstehen.

    Eskalation einer Trauerfeier

    Die Handlung der Miniserie steckt nämlich voller überraschender Wendungen: Beim emotionalen Begräbnis von David kommt eine Handvoll Menschen zusammen, die sich normalerweise am liebsten aus dem Weg gehen. Seine Ehefrau Julia (Angelina Häntsch) versprüht noch vor der Kapelle Gift gegen seine jüngere Schwester Mirjam (Antonia Bill). Seine Mutter Rosa (Barbara Auer) ringt um Fassung, sein Vater Josef (Thomas Thieme) ist wütend, sein bester Freund Roko (Mohamed Achour) hält eine betroffene, aber verlogene Rede. Und dann taucht auch noch wie aus dem Nichts Sascha (Michael Pink) auf, Davids Kumpel aus Kindheitstagen.

    Nicht die einzige Überraschung: Völlig unerwartet verliest eine Fremde (Margarethe Tiesel) einen Brief des Verstorbenen an die Hinterbliebenen. Dessen Inhalt? Eine Abrechnung über Lebenslügen, Seitensprünge, Verrat, Ignoranz, verhängnisvolle Zufälle und unbeabsichtigte Demütigungen. Als die Trauergemeinde die Kapelle verlässt, ist sie nicht mehr dieselbe. Und in jedem keimt die Frage auf, inwieweit er oder sie zu Davids Suizid beigetragen hat.

    Feindlich Gesonnen: Davids Kindheitskumpel Sascha (Michael Pink, r.) hat dessen ganze Familie gegen sich (v. l.): Julia (Angelina Häntsch), Rosa (Barbara Auer), Josef (Thomas Thieme), Ben (Clemens Berndorff), Mirjam (Antonia Bill)

    Fortan wird beleuchtet, wie das Verhalten seiner Eltern, seiner Frau, seiner Schwester, seines Freundes und seines Sohnes Einfluss auf sein Ableben hatte: Jede Folge zeigt dasselbe Geschehen aus einem anderen Blickwinkel. Ein multiperspektivisches Vorgehen, das an die sechsteilige Serie „Tod eines Schülers“ aus dem Jahr 1981 erinnert. Davids Vergangenheit und seine letzten Lebenswochen werden geschickt gespiegelt. Der heranwachsende David wird dargestellt von Philip Froissant. Da die Miniserie permanent auf zwei Zeitebenen spielt, sind alle Figuren doppelt besetzt – ein besonderer Kniff der Produktion. Dabei gelingt ihr das Kunststück, die Gegenwartshandlung komplett bei der Trauerfeier, der Beisetzung und der anschließenden Kaffeetafel zu entfalten.

    Desillusioniert: David (Golo Euler) hofft auf eine Beförderung in der Firma seines Vaters – wird aber bitter enttäuscht

    Barbara Auer erklärt: „Vielleicht bringt die Serie Zuschauer dazu, zu hinterfragen, ob es im eigenen Leben Kränkungen gibt, die nicht geklärt worden sind. Und ermutigt bestenfalls sogar, dem nachzugehen, bevor es keine Möglichkeit mehr gibt, den Konflikt aufzulösen. Es ist heilsam, um Vergebung zu bitten oder zu verzeihen – übrigens auch sich selbst.“

    Psychologisch raffiniert

    Wissenschaftlich basiert der Mehrteiler genau wie der 2021 ausgestrahlte Sechsteiler „Am Anschlag: Die Macht der Kränkung“ auf einem internationalen Bestseller des renommierten Psychiaters Prof. Reinhard Haller. Der 71-Jährige zählt zu Europas führenden Gerichtsgutachtern, zu seinen spektakulärsten Fällen gehört die psychiatrische Beurteilung des Prostituiertenmörders Jack Unterweger. In der neuen Serie steht vor allem der von Haller beobachtete „Welleneffekt“ im Fokus: „Alles, womit wir andere kränken, was wir sagen oder verschweigen, hat einen Effekt auf unsere Mitmenschen – ob wir es wollen oder nicht.“ Im Klartext heißt das: Aus Hallers Sicht wirkt sich jede Demütigung auf die gekränkten Menschen aus, bewirkt weiteres Fehlverhalten und kann Katastrophen auslösen. Eine feinsinnige Beobachtung, deren tieferer Sinn sich erst am Ende des Sechsteilers erschließt.

    Aus unserer Sicht verdient er das „Prädikat wertvoll“: Er erweitert nicht nur die Sicht auf Fehler und ihre Folgen, sondern ist auch schauspielerisch exzellent gestaltet. In den letzten 15 Minuten sollte man Taschentücher griffbereit halten.

    Am 17. Mai startet „Am Ende: Die Macht der Kränkung“ um 21.45 Uhr auf ZDF Neo.