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Die „Tagesschau“ wird 70! Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen

von Mike Powelz,  26.12.2022
    70 Jahre Tagesschau | © Hendrik Lüders für HÖRZU Um 20 Uhr geht Julia Niharika Sen live. Herausfordernd: Per Knopf im Ohr erfährt sie während der Sendung, ob sich etwas am Ablauf verändert. | ©Hendrik Lüders für HÖRZU

    Neue Sprache, neues Studio, neue Technik: Beim exklusiven Redaktionsbesuch anlässlich des 70. Geburtstag der „Tagesschau“ erfuhren wir die Zukunftspläne für die 20-Uhr-Ausgabe.

    Guten Abend, meine Damen und Herren! Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der ‚Tagesschau‘. Zunächst eine Meldung in eigener Sache: Heute feiert unsere Sendung 70. Geburtstag!“ Eigentlich könnten die „Tagesschau“- Macher am 26. Dezember mit genau dieser Meldung starten. Stattdessen haben sie sich für eine andere Option entschieden. Für welche und warum, erfuhren wir am 17. November, als wir das „Tagesschau“-Team um den Ersten Chefredakteur Marcus Bornheim und die 20-Uhr-Sprecherin Julia Niharika Sen einen Tag begleiteten.

    In der Redaktion werden täglich die Aufmacher des Tages recherchiert.

    Anlass für den Blick hinter die Kulissen war nicht nur das große Jubiläum. Wir wollten auch wissen: Wie entsteht eine „Tagesschau“? Nach welchen Kriterien werden Berichte ausgewählt? Und vor allem: Welche Veränderungen sind geplant, um die „Nachrichten-Seniorin“ jung zu halten? Neu, nützlich und nahe an den Zuschauern Wie an jedem Arbeitstag sondiert die Crew um Marcus Bornheim auch heute Punkt 10.30 Uhr die Termine des Tages. Nach und nach teilen die Mitarbeiter ihre Pläne mit: Kollegen der In- und Auslandsplanung, aus dem Sport, von den Social Media und tagesschau.de sowie die Abteilung „Euro“, zuständig für Fremdmaterial von Agenturen. Bornheim: „Rund 75 bis 80 Prozent der um diese Uhrzeit besprochenen Themen schaffen es im Schnitt in die 20-Uhr-Ausgabe, vorausgesetzt, es gibt keine ‚Breaking News‘, also unvorhersehbare Ereignisse.“

    Nach welchen Kriterien sucht das Team die Nachrichten aus? „Für die 20-UhrAusgabe“, so Bornheim, „haben wir klare Relevanzkriterien: Was ist neu, was nützlich, wie nahe ist ein Thema räumlich oder emotional an unseren Zuschauern?“ Zudem, so der Nachrichtenmann, sei es wichtig, dass ein Stück „allgemeinen Gesprächswert“ habe. Und was empfiehlt sich als Hauptbericht? „Themen, bei denen es eine neue Wendung in einer politischen Diskussion gibt, oder eine neue weltweite Entwicklung. Und klar, wenn sich etwas völlig Neues ereignet, über das in Deutschland diskutiert wird, muss das auch bei uns vorne stattfinden. Themen, die Aspekte fortschreiben, fallen hingegen in den hinteren Teil der 20-Uhr-Ausgabe.“

    Die Redaktion um Marcus Bornheim, Erster Chefredakteur (M.), sondiert und sammelt die Termine des Tages.

    Passieren bei der Themengewichtung auch Fehler? Bornheim: „Ich würde selbstkritisch einräumen, dass wir in der Pandemie zu oft monothematisch über Corona berichtet haben, statt einen Überblick über die Nachrichtenlage in der ganzen Welt zu geben – obwohl wir damals die erfolgreichsten Jahre in unserer 70-jährigen Geschichte hatten: So hoch war die Quote noch nie.“

    Auf dem Weg zum Studio – intern auch „Hochsicherheitstrakt“ genannt, da sich während einer Livesendung dort nur der Sprecher und keine weitere Person aufhalten darf – erzählt Bornheim von drei Veränderungen, die jüngst umgesetzt wurden: „Erstens haben wir viel an unserer Sprache geändert: Jetzt ist sie ‚sprechsprachlicher‘ geworden. Konkret heißt das: Wir haben kürzere Sätze pro Meldung sowie weniger Substantive. Zweitens stellen unsere Sprecher seit einiger Zeit hin und wieder eine Nachfrage an die Korrespondenten. Drittens gibt es neue Kameraeinstellungen: Manchmal sieht man um 20 Uhr die Sprecher komplett auf dem Bildschirm.“ Die Veränderungen seien aber bewusst „homöopathisch dosiert“ worden.

    "BRISANT": 70 Jahre "Tagesschau"

    „Auch inhaltlich haben wir eine andere Themenauswahl“, berichtet Marcus Bornheim weiter. „Nicht in jeder Sendung, aber ziemlich häufig bringen wir etwa in der 20-Uhr-Ausgabe mittlerweile ein Wissenschaftsstück, ein Kulturthema oder einen lösungsorientierten Ansatz zu einem zuvor dargestellten Problem. Denn neben Krisen und Elend gibt es auch andere Aspekte im Leben, die für die Zuschauer wichtig sind.“

    Auf dem Flur der "Tagesschau": Julia Sen begegnet der „Tagesthemen“-Moderatorin Aline Abboud

    Im Nachrichtenstudio angekommen erklärt Bornheim uns die Vor- und Nachteile seiner jetzigen Form: „Ein Vorteil unseres Studios: Es ist komplett automatisiert. Jede Kameraposition ist fest einprogrammiert.“ Allerdings komme das Studio allmählich „in die Jahre“. Das Team müsse sich demnächst von seiner Beamer-Technologie verabschieden, um zu LED überzugehen: „Aktuell beginnen wir mit Überlegungen für die Planung eines neuen Studios und darüber, wie wir den Umbau umsetzen können, ohne den Sendebetrieb für ein halbes Jahr einstellen zu müssen.“

    Die Pläne der Macher für den 70. Geburtstag

    Um 17.30 Uhr trifft Julia Sen ein. Bevor sich die 55-Jährige in ihre Sprechertexte einliest, die Sendung dann einmal komplett probt und schwierige Begriffe und Namen mithilfe einer „Aussprachedatenbank“ durchgeht, steht sie uns Rede und Antwort: „Momentan sind wir sechs Sprecherinnen und Sprecher, und die Sendungen werden gerecht verteilt. Ich bin im Schnitt etwa einmal wöchentlich um 20 Uhr im Einsatz. Es kommt aber auch vor, dass wir in einer Woche nicht zu sehen sind und in einer anderen dafür mehrfach.“ Und ja, sie habe ein Ritual vor der Sendung: „Ich trinke gegen 19 Uhr oft noch einen späten Espresso. Und wenn die Zeit es zulässt, gehe ich kurz vor dem Einleuchten um 19.30 Uhr noch mal drei Minuten in mich.“ Den Grund dafür verrät uns Sen, als sie um 20.18 Uhr wieder aus dem Studio kommt: „Bei einer so großen Livesendung muss man jederzeit mit allem rechnen. Aber auch das macht diesen Job so spannend!“

    Während der Sendung im Regieraum: Filmbeiträge und „Schalten“, etwa Gespräche mit Reportern, werden bis zur letzten Sekunde aktualisiert. Kurios: Manche Korrespondenten stehen parat, ohne zu wissen, ob sie zugeschaltet werden.

    Letzte Frage: Was plant das Team denn nun zum 70. Geburtstag? Bornheim: „Eine normale Sendung ohne Hinweise auf das Jubiläum.“ Grund: Die „Tagesschau“ selbst sei keine Nachricht, sie „verpacke“ lediglich das Wichtigste vom Tage für bis zu elf Millionen Zuschauer. Worauf ist der Erste Chefredakteur stolz? „Dass uns viele Meinungsumfragen bestätigen: Die ‚Tagesschau‘ ist die Marke, der die Deutschen am meisten vertrauen. Das ist das wertvollste Gut, das wir haben.“

    Ganz ohne Feierlichkeiten geht es dann aber doch nicht: Zum 70. Geburtstag wird bei Tagesschau24 am 26. Dezember um 20.15 Uhr eine Sondersendung gezeigt. Die Zuschauer bekommen darin die zurückliegenden Sondersendungen zu den jeweiligen Jubiläen präsentiert.