„Riesending – Jede Stunde zählt“: Was ist ein Leben wert?

28.12.2022 um 17:01 Uhr
    Der verletzte Höhlenforscher Häberle (Roland Silbernagl) wird für den Transport bereit gemacht. | © BR / ARD Degeto Der verletzte Höhlenforscher Häberle (Roland Silbernagl) wird für den Transport bereit gemacht. | ©BR / ARD Degeto

    Hochspannung zum Jahresende im Ersten: Das TV-Drama „Riesending – Jede Stunde zählt“ schildert bewegend und nach einer wahren Begebenheit die erfolgreiche Rettung eines am Kopf verletzten Höhlenforschers. Nix für Klaustrophobiker!

    Im Juni 2014 sorgte eine aufwendige Rettungsaktion in den Alpen für Schlagzeilen: Der Höhlenforscher Johann Westhauser wurde in der Riesending-Höhle, der längsten und tiefsten Höhle in Deutschland, von einem Stein getroffen. Obwohl er schwere Kopfverletzungen erlitt und mehrfach wiederbelebt werden musste, konnte er mit der Hilfe von über 700 Höhlenkletterern aus 1000 Metern Tiefe durch enge Schächte, eine mit Wasser gefüllte Lagune und über hohe Steilwände lebend geborgen werden. Der glückliche Ausgang des Films steht also von Anfang an fest, was der Spannung nicht im Geringsten schadet.  Die Frage, um die sich in dem Zweiteiler alles dreht, lautet: Was ist ein Menschenleben wert?  

    Der Höhlenforscher heißt Film Josef Häberle (Roland Silbernagl) und ist mit seinen Kameraden mehrere Tagesetappen vom Höhleneingang entfernt, als ihn der Klumpen trifft. Die Freunde leisten erste Hilfe. Doch sein Zustand ist schlecht. Schweres Schädel-Hirn-Trauma - ein Fall für die Intensivstation.

    Nur sehr wenige kennen sich aus in der Riesending-Höhle und verfügen über das notwendige Können, in die Tiefe zu steigen. Birgit Eberharter (Verena Altenberger, „Polizeiruf 110“) gehört dazu, eine Höhlenforscherin aus dem engen Kreis der Freunde um den Verunglückten. Sie will einen Arzt zu dem Verletzten führen - doch der muss aufgeben.

    Bertram Erhard, der Einsatzleiter der Bergwacht, gespielt von Maximilian Brückner („Tatort“) kommt immer mehr unter Druck. Darf er das Leben von Helfern riskieren? Kann der Verletzte in dem Zustand über Steilwände und Abgründe, Wasserfälle und Engstellen aus der Tiefe des Unterbergs geholt werden? Kann er den Transport überleben? Er zaudert, denn schon einmal starben bei einem von ihm geleiteten Einsatz zwei Kameraden. Wertvolle Zeit vergeht. Die Höhlenforscher reagieren wütend, wollen abreisen.

    Regisseur Jochen Alexander Freydank folgt im Wesentlichen dem damaligen Geschehen – gibt der Geschichte aber auch eine neue, fiktionale Wendung, die von der Realität abweicht. „Film ist Fiktion. In diesem Film geht es ja nicht nur um den Vorgang der Rettung dort unten. Es ist auch ein Film über menschliche Ängste, Bürokratie und darüber, dass wir in Europa mehr erreichen können, wenn wir uns auf Gemeinsamkeiten besinnen“, erklärt der Filmemacher, der nach einer Geschichte von Johannes Betz auch das Drehbuch schrieb.

    Ralf Sommer (Jan Messutat, links) schildert Erhardt (Maximilian Brückner) und Birgit (Verena Altenberger) die Lage in der Höhle.

    Überfordert gibt Bertram Erhard die Einsatzleitung an seine Kollegin Helene Rechlin (Anna Brüggemann) ab. Nun geht es vorwärts. Sie, die Höhlenforscherin Birgit Eberharter und eine italienische Ärztin (Sabine Timoteo) bringen die Rettung mutig voran. Weder die Einsatzleiterin noch die Ärztin gab es in der Realität und auch der Konflikt zwischen Bergwacht und Höhlenrettern ist erfunden.

    Wer bei der Rettung 2014 nicht persönlich dabei war, dürfte es schwer haben, Fiktion und Realität voneinander zu trennen. Der Film ist komplex, genau wie der zentrale Konflikt: Dürfen andere Menschenleben gefährdet werden, um einen Menschen zu retten? Der Film kann die Frage nicht grundsätzlich beantworten, zeigt aber, dass die Antwort nicht grundsätzlich Nein! heißen muss.

    „Riesending – Jede Stunde zählt“: Mi, 28. Dezember, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek