„Nichts, was uns passiert“: Wenn der Flirt zur Vergewaltigung wird

01.03.2023 um 17:38 Uhr
    Anna (Emma Drogunova) will kein Opfer sein.  | ©

    Die Verfilmung von Bettina Wilperts Debütroman "Nichts, was uns passiert" setzt sich intensiv mit den Folgen sexualisierter Gewalt auseinander und zeigt, wie Freunde, Angehörige und die Gesellschaft reagieren, wenn eine Vergewaltigung plötzlich öffentlich wird.

    Regisseurin Julia C. Kaiser hat den Roman von 2018 fürs Fernsehen verfilmt und die Handlung von Leipzig nach Bonn verlegt. Die ARD will mit dem Film ein jüngeres Zielpublikum in der Mediathek ansprechen, zeigt das Drama aber heute (1. März, 20.15) auch in der Primetime im Ersten – wo es absolut hingehört. In der raffiniert konstruierten Verfilmung des Bestsellers glänzt Hauptdarstellerin Emma Drogunova in der Rolle einer jungen Frau, die kein Opfer sein will.

    Über ihre Uni-Clique lernen sich die 27-jährige Anna (Emma Drogunova) und der ein Jahr ältere Jonas (Gustav Schmidt) kennen. Die beiden fühlen sich gegenseitig angezogen. Sie stamen aus dem gleichen Uni-Milieu, aber ihre Begegnungen sind auch von viel Reibung und Provokation geprägt.

    Dann passiert etwas, das das Leben der beiden vollkommen verändert: Nach einer Party mit viel Alkohol wird Anna von Jonas vergewaltigt, sagt sie. Anna ist traumatisiert, erinnert sich an ihr "Nein". Jonas dagegen erinnert sich an einvernehmlichen Sex. Ein Konflikt, der ihr Leben vollkommen verändert.

    Jonas und Anna provozieren sich gern gegenseitig.

    Anna vertraut sich ihrer Schwester Daria (Katja Hutko) an, die ihr zur Anzeige rät. Schließlich erfährt auch das Umfeld von dem Vorwurf und wird ploarisiert. Die Podcasterin Kelly (Shari Asha Crosson) recherchiert die Ereignisse und versucht Haltungen und Diskurse rund um den Fall und seine Auswirkungen auf Opfer, Täter und das Umfeld zu ergründen. Wem soll man glauben, Anna oder Jonas?

    Was sagen die beiden Hauptdarsteller zu dem Thema?

    "In vielen Fällen steht Aussage gegen Aussage", erklärt Emma Drogunova, die bei der Berlinale  2019 als European Shooting Star ausgezeichnet wurde. "Die Anklage wird dann oft fallen gelassen, weil einfach nicht genügend Beweise, Zeuginnen oder Zeugen existieren." Aus ihrer Sicht hat die Gesellschaft „die Tendenz, der Person, die von einer Vergewaltigung erzählt, nicht zu glauben, sondern die Schuld bei ihr zu suchen." 

    Auch Jonas-Darsteller Gustav Schmidt warnt vor einer Verharmlosung der Tat durch Außenstehende: "Als Betroffene oder Betroffener ist der Person etwas Fürchterliches unverschuldet zugestoßen. Für mich klingt "passiert" dafür einfach viel zu harmlos."

    Der Film ist eine clevere Gegenüberstellung von zwei unterschiedlichen Sichtweisen auf eine Nacht, in der zwei Leben für immer beschädigt werden - unabhängig davon, was wirklich passiert ist. Mit der lockeren Sprache des Films werden ältere Zuschauer wohl ihre Problem haben, aber umgekehrt ist das ja viel häufiger der Fall.  Also nicht wirklich ein Kritikpunkt. 

    "Nichts, was uns passiert": Mi, 1. März, 20.15 Uhr im Ersten