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Porträt von William Shakespeare (1464-1516)
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Das sogenannte Chandos-Porträt gilt vielen als das einzig authentische Porträt William Shakespeare (1464-1516); Bild: © ZDF / Eike Schmitz

TV-Doku "Das Shakespeare-Rätsel"

William Shakespeare

  • Artikel vom 25. April 2011

Für viele ist er der bedeutendste Dichter aller Zeiten: William Shakespeare, ein Genie, der größte Star, den England je hervorbrachte. Seine Werke wurden in 80 Sprachen übersetzt, seine Dramen sind noch heute, etwa 400 Jahre nach seinem Tod, die meistgespielten Theaterstücke der Welt.

Forscher zweifeln an Shakespeare Urheberschaft

Aber Shakespeare ist zugleich das größte Rätsel der Literaturgeschichte: Hat er seine Werke wirklich alle selbst geschrieben? "Der göttliche William (…) ist der größte und erfolgreichste Betrug, der je an der geduldigen Menschheit begangen wurde", meinte der amerikanischen Schriftsteller Henry James schon 1903. War Shakespeare gar nicht der Schöpfer von "Hamlet", "Macbeth" und "Romeo und Julia"?

Forscher haben tatsächlich massive Zweifel. Wie konnte aus dem Sohn eines Handschuhmachers ohne Schulabschluss 1593 praktisch über Nacht ein Universalgenie werden? Ein Mann aus der Provinz soll Weltliteratur geschrieben haben?

TV-Doku "Das Shakespeare-Rätsel"

Dieser Frage geht auch Filmemacher Eike Schmitz in seiner TV-Doku "Das Shakespeare-Rätsel" (siehe Bildergalerie) nach (siehe auch TV-Tipp rechts). "Immer mehr Wissenschaftler glauben, dass sich Christopher Marlowe hinter Shakespeare verbirgt und dass er der wahre Autor der Werke ist", sagt Schmitz. "Damit öffnet sich eine Geschichte von Verrat, Verschwörung, Spionage und politischem Mord." Ein spannender Ansatz.

Ist Christopher Marlowe der wahre Autor?

Marlowe war nämlich nicht nur ein gefeierter Autor, sondern auch Geheimagent. Im Gegensatz zu Shakespeare machte er eine exzellente akademische Karriere, die ihm Zugang zu höchsten gesellschaftlichen Kreisen verschaffte. Als Schriftsteller bewies er mit "Doktor Faustus" außergewöhnliches Talent, war radikaler Erneuerer des Theaters.

Marlowe galt als Rebell und charismatischer Lebemann mit liederlichem Lebenswandel. Aber er war befreundet mit einem engen Berater von Elizabeth I. Die Königin führte einen Kampf gegen den Papst und ließ Katholiken in England verfolgen, weil der Vatikan sie entmachten wollte. Marlowe heuerte als Agent an, um Gegner der Monarchin auszuspionieren – bis er selbst denunziert wurde: Unter Folter bezichtigte ihn ein Freund der Ketzerei, ihm drohte die Hinrichtung. Doch dazu kam es nicht.

Der rätselhafte Tod von Christopher Marlowe

Im Mai 1593 starb Marlowe während einer Schlägerei in einem Wirtshaus – so jedenfalls lautet die offizielle Geschichtsschreibung. Die allerdings offenbart einige Ungereimtheiten: Die Zeugen erscheinen alle unglaubwürdig, der vermeintliche Mörder wurde ungewöhnlich schnell begnadigt. Einige Historiker glauben daher, Marlowes Tod sei nur vorgetäuscht worden, der Dichter heimlich ins Exil geflüchtet.

Die Marlowe-Theorie - eine Verschwörungstheorie?

Kurz nach Marlowes "Verschwinden" erschienen die ersten Werke Shakespeares, der bis dahin nie als Dichter in Erscheinung getreten war und von dem keinerlei handschriftliche Manuskripte überliefert sind. Experten, die an seiner Autorenschaft zweifeln, vertreten die These, Shakespeare habe sich lediglich bereit erklärt, Marlowes Werke unter seinem Namen zu veröffentlichen. "Eine lustige Idee", findet Prof. Tobias Döring, Shakespeare-Experte an der Universität München. Von derlei Verschwörungstheorien hält er nichts. Manche seiner Kollegen tun dies durchaus – in Sachen Shakespeare ist die Wissenschaft gespalten.

Ungelöstes Rätsel

Auch Roland Emmerichs jüngster Film "Anonymus", der am 13. Oktober im Kino anlaufen soll, greift die heftig umstrittene These auf. Der Starregisseur glaubt ebenfalls nicht daran, dass Shakespeare seine Werke selbst geschrieben hat. Bis zum Fund stichhaltiger Beweise bleibt das größte Rätsel der Literaturwelt jedoch ungelöst. Dabei wäre die Marlowe-Theorie bestimmt nach Shakespeares Geschmack. Der hatte schließlich viel Sinn für Dramatik.

Autor: Thomas Kunze; Bilder: © ZDF / Eike Schmitz