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Mit der Regentschaft von König Narmer (Malek Akhmiss) endete die Dynastie Null.
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"Terra X" lässt die Welt des Alten Ägypten in Spielszenen und aufwändigen Computeranimationen auferstehen. - Foto © ZDF / Guy Mertin

Im Reich der Pharaonen

"Terra X: Ägypten" - Vierteilige ZDF-Dokumentation

  • Artikel vom 10. April 2011

Terra X führt ins alte Ägypten

Es war eine der ersten Hochkulturen der Menschheit – und eine der beständigsten: Mehr als 3000 Jahre währte das alte Ägypten. Die Frage, wie ein Reich so lange überdauern konnte, fasziniert bis heute Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Eine vierteilige Dokumentation beschäftigt sich in der ZDF-Reihe "Terra X" (So. 10.4. ZDF 19.30 Uhr - "Terra X: Ägypten"; Teil 2, 3 u. 4: 17., 22. u. 24.4.) jetzt mit den Machtstrategien der Pharaonen und erklärt, wie das ägyptische Reich entstand, wie es durch kluge Kriegstaktik erweitert wurde und welchen Pakt die Herrscher mit den Göttern schlossen.

Dabei stellt der Film drei Pharaonen in den Mittelpunkt, deren Regierungszeit zwischen 3000 und 1350 vor Christus lag: Narmer, Thutmosis III. und Echnaton. "Bisher wurden die Rätsel Ägyptens nur in Einzelaspekten untersucht, etwa lediglich die Biografie eines einzelnen Pharaos beleuchtet", erklärt Regisseur Stephan Koester. "Wir hingegen zeigen, wie über 3000 Jahre ein stabiles Staatssystem entstand. Dabei ist die Frage nach den Erfolgsgeheimnissen unser roter Faden." Die Anfänge des großen Pharaonenreichs könnte eine kleine Steinplatte neu erklären, die sogenannte Narmer-Palette – nur 64 Zentimeter hoch, aber voll brisanter Darstellungen.

Neuinterpretation Narmer-Palette bei Terra X

Sie erschüttern die von vielen Ägyptologen favorisierte Theorie, allein der Strom Nil habe als fruchtbare Lebensader verschiedene Völker der Region friedlich vereint. Eine Neuinterpretation der Abbildungen auf der rund 5000 Jahre alten Narmer-Palette lässt den Schluss zu, dass die Gründung des alten Ägyptens nicht ganz so einträchtig verlief. "Narmer war ein Pharao der Dynastie Null", erklärt Susanne Utzt, Doku-Autorin und Mitarbeiterin der Gruppe 5 Filmproduktion. Das bedeutet: Er herrschte um das Jahr 3000 vor Christus über den Süden und die dort angesiedelten lang gestreckten Flussoasen Oberägyptens.

Der Pharao wollte sein Reich mit den Gebieten Unterägyptens vereinen, die im Norden lagen und zu dieser Zeit von den Stämmen des Nildeltas bevölkert waren. Auf der nach ihm benannten steinernen Palette ist zu sehen, wie er mit einer Keule einen Feind besiegt. Der Wissenschaftler Stan Hendrickx, ein Spezialist für prä- und frühdynastische Kunst, untersuchte die Narmer-Palette gemeinsam mit der Zeichnerin Merel Eyckerman und kam zu der Schlussfolgerung: Die Darstellung ist mehr als die schlichte Verherrlichung des Herrschers, sie dokumentiert reale Ereignisse.

Pharao Narmer unterwarf die Stämme des Nildeltas im Kampf

Diese Meinung wird gestützt durch eine Erkenntnis, die der Ägyptologe Günter Dreyer bei Ausgrabungen in Abydos gewonnen hat. Dreyer, von 1998 bis 2008 erster Direktor der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin, fand dort ein Schrifttäfelchen über eine Öllieferung, die auf ein ganz bestimmtes Jahr datiert wurde, das "Jahr des Sieges über die Papyrus-Feinde". Dreyer erklärt: "In dieser Zeit wurden Jahre nicht gezählt, sondern nach wesentlichen Ereignissen benannt. Das Täfelchen, das ich gefunden habe, ist das erste seiner Art und beweist, dass die Darstellungen von Gewalt aus der Dynastie Null nicht nur symbolischen Charakter haben." Mit anderen Worten: Pharao Narmer unterwarf die Stämme des Nildeltas im Kampf.

"Ägypten enstand in Wirklichkeit nicht nur durch das Zusammenwachsen der Völker Ober- und Unterägyptens durch ein natürliches Bindeglied wie den Nil“, so Dreyer, "sondern auch durch eine der ältesten Schlachten der Weltgeschichte, die Narmer-Schlacht." Auf der Vorderseite der Prunk-Palette trägt der Pharao die Krone Oberägyptens, auf der Rückseite jene Unterägyptens: Durch seinen Sieg wurde der erste Territorialstaat der Weltgeschichte geboren.

3000 Jahre lang wurde das Reich zusammengehalten

3000 Jahre oder 31 Dynastien lang schafften es die auf Narmer folgenden Pharaonen, Ägyptens Herrschaftsbereich zu stabilisieren und das Reich zusammenzuhalten. Gegen Gegner von außen erwiesen sie sich immer wieder als überlegene Militärstrategen, wie sich auch am Konflikt mit dem König von Kadesch im Jahr 1457 vor Christus belegen lässt. Damals regierte Thutmosis III. die Großmacht am Nil mit ihrer Hauptstadt Theben, in der bereits 30.000 Einwohner lebten. Von seinen Heldentaten berichten bis heute erhaltene Zeugnisse, etwa die Ruinen des damals wichtigsten Tempels, des Heiligtums des Gottes Amun. Reliefs der Anlage stellen dar, wie Thutmosis III. Ägypten verteidigt. Die Maxime des Pharaos: Selbst bei zahlenmäßig überlegenen Feinden ging er nicht in die Defensive, sondern versuchte, sie offensiv mit modernsten Waffen zu schlagen.

Thutmosis III. ließ Pfeilspitzen aus Bronze schmieden und für seine Truppen jene leichtgängigen Streitwagen nachbauen, mit denen das Volk der Hyksos einst Ägypten angegriffen hatte. Die Kampfplattform der Fahrzeuge bestand aus geflochtenem Leder, das Stöße elastisch abfederte. Das gesamte Gefährt wurde nur durch Lederschnüre und Steckverbindungen zusammengehalten – was viele Vorteile hatte: Der Wagen ließ sich schnell reparieren und war mit nicht einmal 25 Kilogramm so leicht, dass ein einzelner Mann ihn ohne Mühe tragen konnte.

So hochgerüstet stand Ägyptens Armee bereit, als sich ein gefährlicher Konflikt anbahnte: Der König von Kadesch, eines damals wichtigen Handelszentrums auf dem Gebiet des heutigen Syriens, plante eine Invasion. Statt sich in Verteidigungsstellungen zu verschanzen, startete Thutmosis mit 12.000 Kämpfern einen Überraschungsangriff auf die Feinde, die ihr Lager jenseits des Karmelgebirges nahe der Stadt Megiddo aufgeschlagen hatten. Dabei entschied sich der Pharao mutig, die Berge nicht zu umgehen, sondern zu überqueren. Eine riskante Route, da seine Männer eine enge Schluchten passieren mussten und dem Gegner dort schutzlos ausgeliefert gewesen wären. Aber auch eine kluge Kriegslist: Thutmosis spekulierte darauf, dass die Feinde mit einer Attacke aus dieser Richtung am allerwenigsten rechneten.

Terra X erklärt die Erfolgsgeheimnisse der Pharaonen

Sein Plan ging auf – wie die in Stein gemeißelten Kriegstagebücher des Pharaos belegen: Während sich der König von Kadesch in absoluter Sicherheit wähnte, weil er Truppen nördlich und südlich des Gebirges in Stellung gebracht hatte, wurde er von den Ägyptern angegriffen und besiegt. Statt seinen Feind aber zu töten, entführte Thutmosis III. dessen Kinder. Er brachte sie nach Ägypten, erzog sie und ließ sie Jahre später als Vasallenkönige im Dienst Ägyptens zurückbringen. Sein Strategie war es, das Reich nur so weit zu vergrößern, wie es beherrschbar blieb. Statt endlos zu expandieren, installierte er an den Grenzen Vasallen, die bei Angriffen weiterer Gegner eine Pufferzone bildeten.

Auch darin lag eines der Erfolgsgeheimnisse der Pharaonen: Sie strebten nach absoluter Macht, nicht aber nach Weltherrschaft. Die innere Einheit ihres Reichs stabilisierten die Herrscher am Nil auch durch eine Staatsreligion. Priester fungierten als Bindeglied zwischen Dies- und Jenseits, sie hielten das Volk zusammen. In riesigen Tempeln wie jenem von Karnak, an dem einst 80.000 Menschen arbeiteten, huldigten sie den verschiedenen Gottheiten. Wie wichtig die Staatsreligion für Ägypten war, zeigte sich, als ein Pharao an ihr rührte: König Echnaton und seine Gattin Nofretete herrschten 1351 vor Christus im Land und versuchten, den Reichsgott Amun durch den Sonnengott Aton zu ersetzen. Eine Kulturrevolution, in deren Verlauf Priester gefangen genommen wurden und Echnaton 400 Kilometer nördlich von Theben die neue Hauptstadt Achet-Aton für 50.000 Untertanen errichten ließ.

Das Projekt sollte dem Herrscher zu ewigem Ruhm verhelfen – und scheiterte schon kurz nach seinem Tod im 17. Jahr seiner Regentschaft. Die Ägypter verließen die Stadt des Sonnengottes, der "Ketzerpharao" wurde sogar aus der Geschichtsschreibung verbannt. Das Volk hatte ohnehin heimlich weiter die alten Götter verehrt, Echnaton war der Fehler unterlaufen, deren Bedeutung grob zu unterschätzen: Sie waren das kulturelle Fundament eines Reiches, das Jahrtausende überdauerte.

Autor: Mike Powelz