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Das Apachenhäuptling Winnetou ist wohl Karl Mays beliebteste Romanfigur.
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Das Apachenhäuptling Winnetou (gespielt von Erol Sander) ist wohl Karl Mays beliebteste Romanfigur. / Foto: © picture alliance / dpa

Winnetous geistiger Vater

Mythos Karl May

  • Artikel vom 31. Juli 2010

Er ist der meistgelesene Autor deutscher Sprache mit einer Gesamtauflage von mehreren Hundert Millionen Büchern. Ein echter Volksschriftsteller. Dazu ein Fantast, der ferne Welten so plastisch schilderte, dass seine begierigen Leser sie für bare Münze nahmen: Karl May.

Der Sachse mit dem markanten Schnauzbart war der erste Popstar der deutschen Literatur. Als er 1897 auf dem Höhepunkt seines Ruhms in München Quartier nahm, spielten sich Szenen ab wie einige Jahrzehnte später bei den Beatles oder heutzutage bei der Teenieband Tokio Hotel: Damit die Trambahn wieder fahren konnte, musste die Feuerwehr den Menschenauflauf vor dem Hotel mit der Wasserspritze auseinandertreiben.

Der Jubel der Fans galt einem Mann, dessen abenteuerliches Leben jedes Kind aus seinen Büchern kannte: Im Wilden Westen war er als Old Shatterhand berühmt und hatte Blutsbrüderschaft mit dem Apachenhäuptling Winnetou geschlossen. Gemeinsam mit seinem Diener und Freund Hadschi Halef Omar hatte er als Kara Ben NemsiKarl May war nicht Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi. Karl May war der Augenarzt Dr. med. Heilig, der Plantagenbesitzer Albin Wadenbach oder der Polizeileutnant von Wolframsdorf aus Leipzig. Diese Namen freilich tauchten nicht in seinen Büchern auf, sondern in Gerichtsakten. May, geboren 1842 im sächsischen Ernstthal, war ein Hochstapler, ein Lügner, ein Betrüger – ein "sehr gefährlicher Verbrecher", wie es in einem Polizeibericht hieß.

Volksschullehrer hatte er werden wollen, doch schon früh kam der Spross einer armen Weberfamilie mit dem Gesetz in Konflikt. Er beging kleine Diebstähle, versetzte geliehene Pelzmäntel im Pfandhaus und erleichterte Krämer um angebliches Falschgeld. Die Quittung: Fast acht Jahre verbrachte er im Zuchthaus. Er überstand die Zeit mit der Kraft seiner Fantasie. May verschlang, was die Gefängnisbibliothek hergab, und träumte sich aus der kargen Kerkerzelle in ferne Welten. Und er entdeckte, dass er selbst Talent zum Schreiben hatte.

Nach der Entlassung ergatterte er einen Posten als Redakteur und schrieb wie am Fließband Erbauliches fürs Massenpublikum – Groschenromane, die "Sonnenschein in die Häuser und Herzen der Menschen" bringen sollten: Dorfgeschichten, historische Heldenstücke und abenteuerliche Reiseberichte. Letztere gerieten ihm so perfekt, dass selbst Schriftstellerkollegen wie Peter Rosegger beeindruckt waren: "Seiner ganzen Schreibweise nach halte ich ihn für einen vielerfahrenen Mann, der lange Zeit im Orient gelebt haben muß."

Autor: Guido Knopp