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Moderator und Bestsellerautor Frank Schätzing
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Bestsellerautor Frank Schätzing wagt sich für "Terra X" auf eine animierte Zeitreise und in die Tiefen der Ozeane. - Foto © ZDF / Martin Christ

Bestsellerautor Frank Schätzing

Die großen Rätsel der Meere

  • Artikel vom 10. Oktober 2010

Eine Fischfarm in Nordirland: Friedlich ziehen die Tiere ihre Bahnen. Es sind Öko-Lachse, die hier in Ruhe heranwachsen sollen. Doch plötzlich fangen sie an zu rasen – so, als stünde das Meer unter Strom. Von ihrer ungewöhnlichen Reaktion alarmiert, lassen die Züchter Spezialkameras in die Tiefe. Die Bilder, die ihnen an Land auf Monitore übertragen werden, sind schockierend: Die Lachse werden von Leuchtquallen attackiert! Ein 30 Quadratkilometer großer Schwarm hat sich formiert und greift mit seinen giftigen Nesselzellen an. Etwa 100.000 Lachse werden regelrecht zu Tode gequält. "Das war ein massiver Angriff. Ein Meer voller Quallen, das für die Lachse binnen Sekunden zu einem Meer voller Qualen wurde", sagt Frank Schätzing.

Der Bestsellerautor ("Der Schwarm", "Nachrichten aus einem unbekannten Universum") ist Experte für die See und die Tiefsee und präsentiert jetzt die Dokumentation "Terra X: Universum der Ozeane" (siehe TV-Tipp). Wie es zur Attacke der Quallen kommen konnte, erklärt er so: "Bisher trieben sie vor allem in wärmeren Gefilden ihr Unwesen. Doch seit einiger Zeit sind sie vermehrt auch in nördlichen Gewässern zu finden." Seine Theorie: Die gallertartigen Organismen, die bis zu 99 Prozent aus Wasser bestehen, gelangen aufgrund des Klimawandels zunehmend in nördliche Regionen, immer dorthin, wo sich das Wasser erwärmt hat und sie ideale Lebensbedingungen vorfinden.

Selbst schwimmen können sie nicht: Seit ihrer Entstehung im Kambrium vor rund 500 Millionen Jahren werden sie von Wellen, Strömungen und Stürmen getrieben. Bislang war das kein Problem – nun beginnt es, eines zu werden. Die Weltmeere – Reichtum und Risiko zugleich. Schon seit jeher haben die Menschen eine ambivalente Beziehung zu ihnen. Sie ziehen uns magisch an – und sind gleichzeitig Furcht einflößend. Große Tragödien fanden hier statt: Man denke nur an den Tsunami 2004, das Seebeben im Indischen Ozean, dessen Flutwellen rund 230.000 Menschen in den Tod rissen.

Noch immer verunglücken in Stürmen viele Seeleute, obwohl heute Bordcomputer die Unwetter immer präziser vorhersagen können. Die Meere sind aber auch unendliche Schatzkammern: Sie liefern uns wertvolle Nahrung – oder unvergessliche Erlebnisse und Entspannung. Küsten und Strände sind die beliebtesten Urlaubsziele, nicht nur für Surfer, die süchtig nach dem nächsten Kick auf meterhohen Wellen reiten. Die See symbolisiert die Sehnsucht der Menschen nach Weite und Unendlichkeit. Selbst Wissenschaftler animiert sie dazu, Grenzen zu überschreiten. Bis in die letzten Abgründe der Tiefsee wollen sie vordringen, um deren Geheimnisse zu lüften. "Alle Erkenntnisse über den Meeresgrund nützen letztlich auch uns selbst!, sagt Schätzing, "und zwar im psychologischen Sinn. Wann immer wir den Kopf unter Wasser stecken, fühlen wir den Drang, diese unbekannte Welt zu erforschen – und damit eine Reise ins eigene, dunkle Ich anzutreten. Tiefseeforschung ist, wie die Raumfahrt, immer auch ein Trip zu uns selbst, in unsere Seele."

Bei ihren Exkursionen in die Tiefe machten die Forscher erstaunliche Entdeckungen: Sie fanden skurrile Kreaturen. "Bizarre Lebewesen – so, als hätte die Evolution im Rausch gearbeitet", sagt Stefan Schneider, Regisseur der Doku "Universum der Ozeane." Seit zehn Jahren widmen sich Wissenschaftler einem gigantischen Projekt: der größten Volkszählung der Welt, dem "Census of Marine Life". Entstehen soll ein Katalog, der auflistet, welche und wie viele Tiere im Meer leben. Über 2000 Forscher aus mehr als 80 Ländern sind beteiligt, sie erfassen die Lebewesen von den Küsten Afrikas bis zu den Fidschi-Inseln, von der Antarktis bis zum Nordpol. Am Ende soll der Katalog rund 230.000 Einträge umfassen – vom Einzeller bis zum Blauwal.

Autor: Mike Powelz