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Hochintelligentes Kind, dass im Alter von drei Jahren bereits schreiben kann.
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Psychologe Laszlo Polgar behauptet: "Jedes Kind, das gesund zur Welt kommt, ist ein potenzielles Genie." - Foto © picture alliance

Entschlüsselt

Der Einstein-Code

  • Artikel vom 20. Mai 2011

Geistesgrößen, die die Welt veränderten

Manche Menschen sind einfach anders. Von Geburt an, so der Mythos, glimmt in ihnen der göttliche Funke der Genialität. Sie verblüffen mit überragender Schöpferkraft, sind ihrer Zeit voraus, beeinflussen Generationen. Ihre Leistungen auf wissenschaftlichem oder künstlerischem Gebiet setzen neue Maßstäbe – und scheinen schier unerreichbar! Wer sind die größten Genies aller Zeiten? Exklusiv für HÖRZU hat eine prominente Jury ihre Favoriten gewählt – egal ob aus Kunst oder Forschung, aus Altertum oder Neuzeit. Fünf der auserkorenen Geistesgrößen, die mit ihren revolutionären Ideen die Welt veränderten, sehen Sie hier: von Nobelpreisträger Albert Einstein über Universalgenie Leonardo da Vinci, Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe und Barockkomponist Johann Sebastian Bach bis zur Physikerin Marie Curie.

Ihre Genialität ist legendär. Aber denken oder dachten die hellsten Köpfe aller Zeiten wirklich anders? Seit Jahrzehnten versuchen Forscher, dieses Rätsel zu lösen. Irgendwo muss er doch stecken, jener Funke der sensationellen Schlauheit. Um das Unfassbare fassbar zu machen, stahl US-Pathologe Thomas Harvey 1955 sogar Einsteins Gehirn und teilte es in 240 Würfel. Das von Lenin schnitten Wissenschaftler in 30.000 hauchdünne Scheibchen. Das Denkorgan des Ausnahme-Mathematikers Carl Friedrich Gauß (1777–1855) legten sie in Formalin ein. Genialität im Einmachglas.

Alles wurde genauestens gewogen, vermessen, durchleuchtet, jede Beule betastet, jede Windung und Furche gezählt. Vergeblich. Mal schien ein Teil der vorderen Hirnrinde dichter vernetzt, mal tauchten in einigen Regionen besonders viele sogenannte Pyramidenzellen auf. Die Quelle der Geistesblitze jedoch blieb unauffindbar. Dabei muten solche Spurensuchen fast schon modern an im Vergleich zu früheren Ansätzen. Große Gedanken? Können nur aus großen Köpfen kommen! So naiv die Vermutung, so kläglich das Ergebnis: Das Kopfvolumen steht nachweislich in keinerlei Beziehung zur Genialität des Menschen. So soll Einsteins Gehirn nur 1230 Gramm gewogen haben, weniger als der Durchschnitt.

Genialität: wo sitzt sie?

Auch Versuche, das Genie an der Form des Kopfes oder gar der Nase zu erkennen, wirken eher kurios. Einstein, Goethe, Marie Curie, Isaac Newton – alle waren Linkshänder. Eine heiße Spur? Statistische Studien etwa am University College London ergaben tatsächlich einen erhöhten Anteil unter den Hochbegabten. Aber leider häuften sich Linkshänder auch am unteren Ende der Begabungsskala. Offenbar ist Genialität doch keine Formsache. Deshalb setzen viele Psychologen auf das Chaos im Kopf.

Normalerweise blenden wir Wahrnehmungen aus, die für unser Denken unwichtig scheinen. Diese Hemmung schützt vor einer Reizüberflutung. Genies hingegen denken freier, jonglieren mit vordergründig sinnlosen Informationen, kombinieren alles neu – bis zum großen Geistesblitz. Dazu gehört auch eine fast kindliche Offenheit für neue Lösungswege. Albert Einstein etwa war nie ein verknöcherter Theoretiker. "Der große Denker blieb zeitlebens neugierig wie ein Kind, offen für seine Mitmenschen und kämpfte für den Frieden in der Welt", erklärt Prof. Guido Knopp, Historiker und ZDF-Redaktionsleiter. Kein Wunder, dass wir Nobelpreisträger Einstein so respektlose Zitate verdanken wie "Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit".

Relativitätstheorie: E = mc²

Von abstrakter mathematischer Lehre war der freiheitsliebende Einstein genervt, herausfordernde Denkspielchen lagen ihm mehr. Er beschäftigte sich mit Quantenphysik, formulierte physikalische Grundlagen des Lasers, veränderte mit seiner Relativitätstheorie das Bild des Universums. E = mc². Die Formel kennt jeder. Energie ist gleich Masse multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Alles klar? Auf jeden Fall schrieb Albert Einstein Geschichte, als er 1905 die Arbeit "Zur Elektrodynamik bewegter Körper" verfasste. "Seine Relativitätstheorie erklärt die Zeit zur vierten Dimension und lässt sich deshalb mit der kopernikanischen Revolutionierung unserer Vorstellung von Raum vergleichen“, sagt ARD-Wissenschaftsmoderator Ranga Yogeshwar.

Den Nobelpreis erhielt der Physiker sogar für einen weiteren Geniestreich: Forschungen zum "photoelektrischen Effekt". Das ungehemmte Jonglieren mit Wissen und Ideen zeigt sich bei vielen Genies. Johann Wolfgang von Goethe ging nicht nur als Dichter in die Geschichte ein, sondern gilt als Universaltalent in Naturwissenschaft, Kunsttheorie und Politik. Von Leonardo da Vinci ganz zu schweigen. Sein ruheloser Geist, die Neugier und Experimentierfreude ließen sich durch nichts bremsen. Seine Arbeitsbücher, ursprünglich etwa 10.000 Seiten, füllte er sprunghaft mit Skizzen und Notizen.

Wer scheinbar so ziellos und ungeordnet arbeitet, würde wohl heute durch alle Prüfungen fallen. Und doch staunen wir über Entwürfe, die ihrer Zeit weit voraus waren „Seine wesentliche Leistung besteht darin, dass er geradezu demonstrativ den Blick für Naturphänomene schärfte und so die Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten legte“, erklärt Dr. Hermann Meier, der Vorsitzende des Hochbegabtenvereins Mensa in Deutschland.

In jedem steckt ein Genie

Neue Studien – etwa bei genialen Schachspielern – liefern eine weitere heiße Spur: Auf Fleiß kommt es an! Reifen unsere 100 Milliarden Hirnzellen heran, bringt jeder Anreiz mehr Verknüpfungen. Was nicht früh gefordert wird, verkümmert. Braucht man für meisterhafte Schöpferkraft tatsächlich eher Training als Talent? Der ungarische Psychologe Laszlo Polgar behauptet sogar: "Jedes Kind, das gesund zur Welt kommt, ist ein potenzielles Genie." Als Beweis brachte er seinen Töchtern früh das Schachspielen bei, ließ sie täglich sechs Stunden trainieren. Judith und Zsuzsa Polgar gelten inzwischen als beste Schachspielerinnen der Welt.

Und wie passt Albert Einstein in dieses Bild? Der Legende nach war er ein schlechter Schüler, schaffte nicht mal die Aufnahmeprüfung der Hochschule. Aber: Das ist eben nur eine Legende. Auf naturwissenschaftlichem Terrain glänzte das Genie schon früh, verschlang in der Freizeit Fachbücher. Und durch die Prüfung fiel er wegen Wissenslücken in anderen Fächern. Nicht genug gebüffelt! Bei Johann Sebastian Bach gehörte gemeinsames Musizieren schon als Kind zum Familienalltag. Geradezu besessen stürzte sich auch Marie Curie auf ihr Fachgebiet. In der polnischen Heimat durfte sie nicht studieren, also zog Marya Salomea Sklodowska nach Paris.

Familie und Karriere? Für die leidenschaftliche Forscherin kein Problem. Sie experimentierte gemeinsam mit ihrem Mann Pierre Curie, brachte 1897 ihre erste Tochter zur Welt, entdeckte 1898 zwei neue Elemente: Radium und Polonium. "Marie Curie befreite sich von den Zwängen ihrer zeitgemäßen Rolle als Frau und ging ihrer genialen Begabung nach“, erklärt die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich. "Sie bekam als erste Frau in zwei unterschiedlichen Disziplinen, die immer als männlich galten, den Nobelpreis – in Physik und Chemie." Als revolutionär gelten ihre Forschungen zum radioaktiven Zerfall.

Der Fall Curie erklärt auch, warum man früher kaum weibliche Genies kannte. Sie hatten wenig Chancen, erhielten keine Ausbildung, wurden nicht gefördert. Talente, die man einfach nicht weckte? Vielleicht braucht es wirklich keine Ausnahmebegabung, um ein Genie zu sein. Bereits der brillante Erfinder Thomas Alva Edison erklärte: "Genialität ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration."

Autor: Kai Riedemann