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Der Spanier Rodrigo Borgia (John Doman) will der nächste Papst werden.
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TV-Serie ''Borgia'': Der Spanier Rodrigo Borgia (John Doman) will der nächste Papst werden. / Foto: © ZDF und Larry Horricks

Start: 17.10., 20.15 Uhr im ZDF

''Borgia'': Skandale im Vatikan

  • Artikel vom 17. Oktober 2011

Elf Uhr vormittags im Vatikan. In der Machtzentrale des Kirchenstaats erwacht der Papst - mit einem Brummschädel. Wie eigentlich jeden Tag. Am Abend zuvor hat er wieder ausgiebig gefeiert, getrunken, erotische Exzessen genossen. Seine Mätresse versucht, immer noch vollkommen entblößt, seine Leiden zu lindern - mit raffinierten Verführungskünsten.

Zwei Stunden später ist das Oberhaupt der katholischen Kirche endlich in der Lage, sich einen Überblick über die Staatsgeschäfte des Vatikans zu verschaffen – und befiehlt drei seiner unehelichen Kinder zu sich. Als Erstes erscheint seine Tochter Lucrezia, nymphoman veranlagt, aus politischem Kalkül zum dritten Mal verheiratet, gerade frisch aus dem Bett ihres Bruders Cesare entschlüpft, den sie liebt. Sie tritt vor den Vater, um ihm Rechenschaft abzulegen über die Regierungsgeschäfte, die sie leitet, wenn er abwesend ist.

Als Nächsten ruft das katholische Oberhaupt seinen Sohn Cesare, 23, schwer cholerisch, mit 18 schon zum Kardinal ernannt. Da der Papst ihn nun besser als Herzog von Valentinois brauchen kann, befiehlt er ihm, die Kardinalsrobe zurückzugeben. Danach weist er seinen ältesten Sprössling Juan noch rasch an, das Trinkwasser Roms zu vergiften, um einen Rivalen auszuschalten. Dann kann er sich wieder ganz seiner Mätresse widmen.

Der Papst, ein durch und durch verkommener, skrupelloser und machtgieriger Krimineller? Diese Vorstellung dürfte nicht nur aufrechte Katholiken schockieren. Tatsache ist aber: Vor 519 Jahren ereigneten sich im Vatikan ähnliche Szenen.

Damals herrschte Papst Alexander VI. – geboren 1431 als Rodrigo Borgia. "Er war einer der schillerndsten Päpste, die es jemals gab", sagt Tom Fontana, der für das ZDF die 25 Millionen Euro teure Reihe "Borgia" (ab 17.10., 20.15 Uhr) produzierte und auch das Drehbuch schrieb. Die Zuschauer müssen sich auf drastische Szenen einstellen: mal reibt eine Hexe Mitglieder der Familie Borgia mit Schweinemist ein, um die Cholera auszutreiben, mal eilt eine Delegation von Kardinälen nackt über den Petersplatz,

Am Ende von Teil eins, wenn man schon ebenso ergriffen wie erschöpft ist von all den grausamen Exzessen, sieht man Papst Innozenz VIII. (Udo Kier), den Vorgänger Papst Alexanders VI., an den Brüsten einer Amme saugen: Muttermilch soll seinen nahenden Tod noch ein wenig hinauszögern.

Bilderstrecke unten: die wichtigsten Figuren aus der ZDF-Serie "Borgia"

Waren die Borgia wirklich so? Wie realistisch ist das Drehbuch? Bis heute gilt die Familie der Borgias, die tatsächlich zwei Päpste stellten, ebenso berühmt wie berüchtigt. Die Mitglieder der Sippe waren hinterhältige Mörder, Diebe, Intriganten und sexuell enthemmte Ehebrecher, die sich Posten und Pfründe zuschacherten, um ihre über 300 Angehörigen im Vatikan zu etablieren. Eine Sippe mit mafiösen Strukturen, der den Staatsphilosophen Niccolò Machiavelli (1469–1527) zu seinem legendären Traktat "Il Principe" („Der Fürst“) diente und Bestsellerautor Mario Puzo ("Der Pate") zu seinem Buch "Die Familie" anregte. Auch Oscar Wilde ließ sich inspirieren: Er nahm sich den unberechenbaren Borgia-Sohn Cesare - extrem zügellos aber zugleich um Keuschheit bemüht - als Vorbild für seinen berühmten Roman "Das Bildnis des Dorian Gray".

"96 Prozent unserer Serie beruhen auf Tatsachen, die restlichen vier Prozent sind dramaturgisch verdichtet", sagt Tom Fontana im Gespräch mit HÖRZU. "Meine Erkenntnisse über die Borgias beruhen unter anderem auf den Aufzeichnungen des Straßburgers Johannes Burkard, der unter Alexander VI. als Zeremonienmeister diente. Er schildert in seinem Notizbuch ‚Liber notarum‘ ausführlich alle Ereignisse im Vatikan, Gespräche, aber auch die Exzesse seines Herrn." Einen "absoluten Wahrheitsanspruchs" will Fontana füt sein Epos jedoch nicht erheben: "Die Borgias waren nämlich auch Meister des Vertuschens und Verheimlichens."

Autor: Mike Powelz