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Emal (Omar El-Saeidi), Ronnie (Hanno Koffler) und Daniel (Max Riemelt)
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''Auslandseinsatz'': Emal (Omar El-Saeidi), Ronnie (Hanno Koffler) und Daniel (Max Riemelt) / Foto: © WDR/Relevant Film/Grischa Schmitz

Wie viel Wahrheit steckt im Film?

''Auslandseinsatz'': die Afghanistan-Mission als Spielfilm

  • Artikel vom 17. Oktober 2012

Mitten in der Einöde: eine Explosion. Sie reißt Ronnie aus seinen Späßen mit den Kameraden. Der Trupp springt aus den Fahrzeugen des Konvois, der von Afghanen unter Beschuss genommen wird. Ronnie reagiert wie in Trance. Reflexartig verlässt er seine Deckung, um Freund Daniel zu helfen, der von einer Kugel getroffen zu Boden fällt. Dabei gerät er genau ins Fadenkreuz eines Angreifers, bemerkt ihn jedoch – und drückt ab. "Ich hab ihn, ich hab ihn", ruft er noch, als der Afghane schon tot im Staub liegt.

"Hast du gesehen, wie ich ihn weggeputzt habe?", triumphiert Ronnie später im Lager. Daniel, der den Angriff dank schusssicherer Weste überlebt, ist perplex über die Wortwahl: "Weggeputzt?" – „Na ja, das Licht ausgemacht. Das war’n Scheißtaliban, der hat versucht, meinen Freund zu töten!" Während Ronnie den coolen Kriegshelden gibt, wirkt Daniel nachdenklicher als zuvor. Beide befinden sich als Zeitsoldaten in Afghanistan, wo ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird.

Wie sehr Erlebnisse der Bundeswehrmission die Heimkehrer noch zu Hause in Deutschland verfolgen, war mehrfach Thema deutscher TV-Filme. "Auslandseinsatz" mit den Protagonisten Ronnie und Daniel ist die erste Produktion, die wirklich am Hindukusch spielt. Sie versucht zu zeigen, wie die Realität vor Ort ist, wie traumatisierende Erlebnisse entstehen.

In der Provinz

Stell dir vor, es ist Krieg – und du sollst Aufbauarbeit leisten: Daniel und Ronnie werden in einem Außenlager stationiert und erhalten die Aufgabe, in dem entlegenen Dorf Milanh eine zerstörte Schule wieder zu errichten. Schnell bemerken sie, wie hochkomplex die Lage dort ist: Bürgermeister Jamil steht zwischen allen Fronten. Taliban, Warlords und US-Truppen versuchen Einfluss auf ihn auszuüben. Und nun auch noch die Deutschen. Die Taliban haben Jamils Tochter Tara bereits zwei Finger abgeschnitten, weil sie es wagte, ihre Nägel zu lackieren.

"Der Konflikt mit Jamil entspricht dem, was deutsche Soldaten teilweise erleben, wenn sie im Rahmen der zivilmilitärischen Kooperation in Provinzen arbeiten, in die sich Fundamentalisten eingenistet haben – etwa Kundus, Chahar Darreh oder Baghlan. Dort treffen sie auf distanzierte Einheimische, die sich weigern, Mädchen in die Schule zu schicken, oder erleben, dass Frauen von heut auf morgen verschwinden", sagt ein einsatzerfahrener Stabsoffizier, der namentlich nicht genannt werden soll, zu HÖRZU. "Vor allem, wenn Soldaten zum zweiten oder dritten Mal nach Afghanistan kommen und feststellen, dass Fundamentalisten kleine, bereits erreichte Erfolge unterlaufen haben, ist die Frustration hoch."

Für manche ist es mehr als Frustration: Im Rahmen der knapp sechsjährigen Entwicklung des Drehbuchs führten die Macher von "Auslandseinsatz" viele Interviews mit Bundeswehrsoldaten und erfuhren dabei von besonderen Schockmomenten. "Ein Soldat erzählte uns von einer afghanischen Dolmetscherin, die eines Tages nicht mehr zum Dienst erschien", erinnert sich Nikola Bock, ausführende Produzentin und Koautorin. "Der Soldat forschte nach und erfuhr, dass sie gesteinigt werden sollte. Er versuchte, seinen Vorgesetzten davon zu überzeugen, einzuschreiten. Aber es gilt die Regel, sich nicht in innerafghanische Angelegenheiten einzumischen. Als er uns davon erzählte, musste er immer noch weinen – vier Jahre nach dem Vorfall."

Als Bürgermeistertochter Tara die Zwangsheirat mit einem Taliban droht, geraten auch Daniel und Ronnie in ein Dilemma: Sollen sie gehorsam die Befehle ausführen oder ihrem Gewissen folgen? "Dass ihr Konflikt allerdings zu einer derart drastischen Gehorsamsverweigerung führt wie im Film, ist natürlich dramaturgische Freiheit", erklärt der von HÖRZU befragte Offizier.

Die Darsteller Max Riemelt und Hanno Koffler waren zwar nie bei der Bundeswehr, aber gut vorbereitet: Für den Dreh absolvierten sie ein viertägiges Militärtraining und sahen Dokus wie "Camp Armadillo" über eine dänische Einheit in Afghanistan.

Der Drehort Marokko verleiht dem Film eine authentische Kulisse: "Landschaftlich ist kein Unterschied zu Afghanistan festzustellen", sagt der befragte Offizier. Vor Ort hatten die Schauspieler mit extremen Temperaturen zu kämpfen, was sie für ihr Spiel allerdings zu nutzen wussten: "Der Film soll ja auch vermitteln, unter welchen klimatischen Bedingungen die Soldaten in Afghanistan ihren Dienst tun – und dass diese Hitze das Gefühl des Fremdseins verschärft", sagt Max Riemelt.

Die afghanischen Dorfbewohner werden im Film von Marokkanern dargestellt. Ein Trainer brachte ihnen die in Afghanistan übliche Sprache Paschtu bei. "Es war eine Freude zu sehen, wie der deutsche und der marokkanische Teil des Teams immer mehr zusammenwuchsen", sagt Regisseur Till Endemann. Eindringlich vermitteln alle Beteiligten mit diesem Film, dass es gute Gründe für und gegen den Einsatz in Afghanistan gibt – aber keine wirkliche Lösung des Konflikts.


Sendehinweis: ''Auslandseinsatz''

Aufwühlender Film über deutsche Soldaten in Afghanistan
MI, 17.10., Das Erste, 20.15 Uhr

Autor: Dirk Oetjen