Weihnachts-Spezial
Plaudern beim Punsch auf einem der vielen Weihnachtsmärkte.

Die Weihnachtsmärkte (Bild oben in Speyer) sind eröffnet, viele treffen sich zum
Plaudern beim Punsch. - Foto © picture alliance / dpa

Vorweihnachtszeit

So schön ist der Advent

  • Artikel vom 26. November 2013

So schön ist der Advent! Eine besondere Zeit bricht an: für viele besonders besinnlich, für andere besonders hektisch. So bekommt der Zauber der Vorweihnacht mehr Raum. Gedanken von Margot Käßmann.

Der Tag war anstrengend, zäh flossen die Stunden im Büro dahin. Es war dunkel, als man kam, und jetzt, zum Feierabend hin, verabschiedet sich das Tageslicht schon wieder. Aber auf dem Heimweg duftet es nach würzigem Tee, der Maronimann an der Ecke rührt in der dampfenden Glut, wie leuchtende Sterne hängen Lichterketten in den Bäumen. Ein paar Töne von "Kling, Glöckchen" wehen von irgendwo her, ein dicker Weihnachtsmann drückt Kindern ein paar Süßigkeiten in die Hand.


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Plötzlich denkt man an die Plätzchen, die man backen möchte, an das Buch, das man gemütlich auf dem Sofa lesen will, freut sich auf flackerndes Kerzenlicht. Plötzlich fühlt sich das Leben kuschelig an. Der Advent verzaubert die Welt – und das Herz. Wenn man ihm Raum dafür gibt.

Plaudern beim Punsch

Nicht allen gelingt das. Jedem dritten Deutschen vergällt der Stress in den letzten Wochen des Jahres die Freude auf Weihnachten, verriet eine Infratest-Studie. Geschenke kaufen, Nikolausfeiern, das Familienfest organisieren: so viele Termine, so wenig Zeit. Endspurt statt Entschleunigung, Hektik statt Hochstimmung.

"Schade", findet Christoph Störmer, Diplompädagoge und Hauptpastor der St.-Petri-Kirche in Hamburg: "Einerseits bietet diese Zeit wunderbare kommunikative Möglichkeiten: So viele Mitarbeiter von Betrieben gehen nach der Arbeit zusammen einen Punsch trinken, und man setzt sich eher mal gemütlich zum Tee zusammen. Andererseits sollte man die Wochen nicht überfrachten: Man kann Begegnungen auch dazu nutzen, sich für das nächste Jahr zu einem Konzert oder einem Ausflug zu verabreden, man muss nicht alle Treffen in diesen vier Wochen unterbringen."


Gedanken zum Advent

Margot Käßmann über eine sehr besinnliche Zeit

Kirche Margot Käßmann
Foto © picture-alliance/ ZB

Die beliebte Theologin, derzeit Botschafterin des Reformationsjubiläums 2017, beschreibt, wie der Advent mehr Licht in unser Leben bringt.

Ich mag die Adventszeit. Es ist für mich ein wunderbares Ritual, die erste Kerze am Adventskranz zu entzünden. "Das Licht scheint in die Finsternis", heißt es im Johannesevangelium. Langsam wird dieses Licht heller, Woche für Woche, bis der Lichterbaum alles erhellt. Solche Rituale finde ich erfüllend. Sie geben dem Leben einen Rhythmus. Und sie feiern den Glauben an das Gotteskind, das mitten in die Welt kam. Deshalb singe ich Weihnachtslieder auch erst an Weihnachten und im Advent eben Adventslieder.

Gut, die Adventskalender besorge ich vorab. Auch wenn meine Töchter längst erwachsen sind, schicke ich jeder von ihnen zum ersten Dezember einen zu und schenke auch mir selbst einen. Ich finde es schön, wenn wir alle denselben Kalender haben. Je nachdem ob gefüllt oder mit Sprüchen und Geschichten: Das können wir 24 Tage lang teilen. Und dieses Türchenöffnen ist ein schönes Ritual auf dem Weg hin zu Weihnachten.

In der Adventszeit ist mir wichtig, Zeiten der Ruhe zu finden. Der Morgen am Tisch, an dem eine Geschichte gelesen wird. Das Überlegen, wem ich was schenken könnte. Die Liste mit den Adressen: Wen will ich zu Weihnachten grüßen? Vorbereitungszeit, Zeit der Nachdenklichkeit. Wie war das früher mit den Eltern, den Geschwistern, dann mit den eigenen Kindern? Wie geht es den Menschen in anderen Ländern, die Advent, die Ankunft, feiern und ganz real auf den Retter der Welt warten? Kann ein Kind die Welt retten? Was bedeutet mein Glaube?

Oft habe ich den Eindruck, in diesen dunklen Tagen, wenn wir eine CD mit Chorälen von Bach hören oder auch ganz neue Adventslieder, dann schaffen wir es eher, den tieferen Gedanken des Lebens Raum zu geben als in der Sommerhitze, bei Grillwürstchen und in Schwimmbadlaune. So freue ich mich jedes Jahr auf diese besinnlichen Adventstage.


Ruhe finden

Unter der Vorbereitung auf Weihnachten verstanden unsere Vorfahren ohnehin etwas anderes: Der Advent, abgeleitet vom lateinischen Wort "advenire", also "ankommen", war eine Zeit, in der man auf die Ankunft von Jesus wartete. Und zwar länger als heute: Bis zum 6. Jahrhundert gab es sechs Adventssonntage. Die Vorweihnachtszeit war also ausgedehnter – aber auch anstrengender, denn sie galt als Fastenzeit. Ohne Musik, fröhlichen Tanz und lustiges Treiben, dafür mit viel traurig-düsterem Violett. Buße war angesagt, über die eigenen Sünden sollte man nachdenken, sich besinnen.

Adventskranz
Foto © picture alliance / dpa Themendienst

Das tat man auch noch, nachdem im 6. Jahrhundert die Adventszeit von sechs auf vier Wochen verkürzt wurde. Jede Woche sollte dabei für ein Jahrtausend stehen, da nach der damaligen, spätantiken Sicht die ersten Menschen 4000 Jahre vor Geburt des Erlösers erschaffen worden waren. Ausgelassene Fröhlichkeit? Gab’s auch damals nicht, eher Stille und Einkehr. Das Schöne sollte ja erst noch kommen.

Der erste Kranz – ein Leuchter

Der bittere Ernst wich mit den Jahrhunderten, die freudige Erwartung siegte. Unter Martin Luther war Weihnachten ein pralles Familienfest, das die Kinder herbeisehnten, weil es dann Geschenke gab. Das adventliche Warten – pure Vorfreude. Ab dem 19. Jahrhundert half der Adventskalender ihnen beim Überstehen der vielen Tage bis zum Fest. Etwa zur gleichen Zeit, 1839 nämlich, bestückte der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern in der Waisenanstalt "Rauhes Haus" in seiner Heimatstadt erstmals einen hölzernen Leuchter mit 23 Kerzen – der erste Adventskranz.

Die Idee, echtes Flechtwerk zu nehmen, klaute man wahrscheinlich den Germanen, die mit immergrünen Sträuchern vor ihren Häusern einst böse Geister abzuwehren versuchten und für ihre Verstorbenen gern Grabkränze banden. Die Farben Rot und Grün entstammten vermutlich auch eher heidnischen Bräuchen – heute steht das Grün für Trost, Kraft und Treue zu Jesus, das Rot für die Freude auf Christi Geburt.

Advent – auch ein Neuanfang

Und heute? Wir schmücken noch immer Kränze, zünden jede Woche eine weitere Kerze an, lassen es immer heller werden. Bis am Weihnachtsabend alles erstrahlt. So gesehen ist der Advent noch immer der Alte. Die Sache mit den Geschenken ist vielleicht ein wenig aus dem Ruder gelaufen – und damit auch der Stress des Besorgens. Aber mann kann ja ganz bewusst gegensteuern: "Die Vorbereitungen in der Adventszeit sollte man ruhig mehr auf sich selbst beziehen", rät Pastor Christoph Störmer. "Damit läutet die Zeit wirklich einen neuen Anfang ein. Vielleicht besinnt man sich auf sein brachliegendes musikalisches Talent oder entdeckt die Lust am Malen. Man sollte sich fragen: Wo könnte ich in meinem Leben Türen öffnen, was habe ich noch nie gemacht? Es geht letztlich nicht nur um die Geburt im Stall, sondern um etwas Neues in einem selbst. Gott will auch in mir geboren werden."


Advent daheim

So wird es zu Hause jetzt ganz stimmungsvoll.

Adventskranz
Foto © picture alliance / landov

Weihnachtsfilme: Egal ob "Polarexpress", "Santa Claus", "Love Actually" oder "Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte": Das gemeinsame Erlebnis zählt. Schön: ein Ritual daraus machen, mit Kerzen, Keksen, Gemütlichkeit. Das verbindet ungemein.
Winterspaziergänge: Dabei kann man die Kälte intensiv spüren – und danach die Wärme und Behaglichkeit der eigenen vier Wände noch viel mehr genießen.
Musik: Es muss nicht unbedingt das Weihnachtsoratorium von Bach sein, aber Klassik und ruhige Lieder betonen den Charakter des Advents. Ein guter Moment, sich mal wieder ans Klavier zu setzen oder die Gitarre herauszuholen – auch als verbindendes Gemeinschaftserlebnis.
Backen: Ein Familienritual, bei dem jeder mitmachen kann. Und wenn die Plätzchen aufgefuttert sind, bleibt einem noch tagelang der weihnachtliche Duft in der Wohnung. Einziger Minuspunkt: Die "Weihnachtspfunde" machen jeder dritten Frau und jedem vierten Mann hierzulande Stress. Übrigens: Christstollen backte man schon um 1330.
Kerzen: Mit ihnen verbinden wir seit unserer Kindheit die festlichen Momente des Jahres. Deshalb geben sie uns mit ihrem Licht und ihrer Wärme das Signal zum Entspannen. Schöner Zusatzeffekt: Ihr gelbes Licht beruhigt die Augenmuskeln, lässt Vasen und Gläser festlich glänzen. Bienenwachs duftet ganz besonders nach Weihnachten.


Neues wagen, anderes machen, ganz bewusst. Auch dazu lädt er ein, der Advent. Und eigentlich macht er es uns sogar in Sachen Besinnlichkeit gar nicht so schwer: Das Jahr neigt sich dem Ende zu, man blickt mehr zurück als nach vorn, man zieht Bilanz. Man geht innerlich zurück, hängt seinen Gedanken nach – und nimmt dabei automatisch etwas Fahrt aus dem Leben. Weniger ist mehr. Schon das kann ein ganz besonderes adventliches Gefühl heraufbeschwören. Vielleicht könnte man den Gedanken des Fastens ganz neu definieren: "Wenn es draußen schon so laut ist, kann man sich daheim jetzt bewusst Stille schaffen", regt Pastor Strömer an.

Einmal auf Handy, iPad oder iPod verzichten und sich eine wirkliche Ruhezone schaffen. Morgens im Radio mal nicht den lärmenden Frühstückssender hören, sondern einen ruhigeren Kanal. Eine Kerze dazu anzünden. Schon wechselt man ganz bewusst für eine Weile Licht- und Klangfarbe. Oder man schwelgt ein bisschen in der Vergangenheit, denkt an die festlichsten Tage der Kindheit, an Plätzchenduft, Engel und Sterne, an die Geborgenheit im Elternhaus. Solche Erinnerungen tun der Seele gut.

"Süßer die Glocken nie klingen". Irgendwie gilt das noch immer – wenn man ihnen zuhört, sie wirken lässt. Wenn man sich Zeit nimmt, den Zauber des Advents zu spüren, seine Farben, seine Düfte, seine Stimmungen und sein besonderes Licht zu genießen. Darauf muss man nicht warten. Es ist da, jetzt schon. Alles.

Autor: Silke Pfersdorf