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Wie eine Zeitreise: Kämpfer auf dem Mittelalterlichen Phantasie Spectaculum
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Wie eine Zeitreise: Kämpfer auf dem Mittelalterlichen Phantasie Spectaculum schwingen die Schwerter. / Foto: © dpa

Spectaculum-Termine im September

Bauern, Ritter, Pilger: Leben wie im Mittelalter

  • Artikel vom 13. September 2013

''Uuaah!'' Mit einem gewaltigen Schrei reißt der Ritter mit der Rechten sein Schwert hoch, schwingt mit der Linken eine brennende Fackel und stürzt auf den Gegner zu. Der andere Recke antwortet mit markerschütterndem Urschrei, pariert den Schlag mit dem Schwert und dreht die Waffe dabei so geschickt zur Seite, dass die Kraft des Aufpralls abgelenkt wird. Etwa 100 Zuschauer verfolgen das Turnier zwischen einem zähen Graubärtigen und einem Hünen mit Pferdeschwanz. Waffen krachen, Fackeln kreisen, Trommelwirbel treibt.

Es geht Mann gegen Mann, aber nicht auf Leben und Tod. Die Ritter der tschechischen Fechtgruppe "Fictum" wollen nur spielen. Ihr Kampf ist ein einstudierter Tanz aus Kraft, Geschick – und Testosteron. Ein Höhepunkt des Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS), das zum 19. Mal in Telgte bei Münster gastiert. Das reisende Geschichtsfestival ist das größte in Europa, sein Programm gewaltig: Lanzenstechen zu Pferde, Schwertkampf, Heerlager von Laiendarstellern, Konzerte, Markt, Handwerker, Feuerspektakel und Pestumzug.

Viele der gut 5000 Besucher sind verkleidet als Bauern, Junker, Kaufleute, Ritter oder Wikinger. An jedem Wochenende locken landauf, landab Dutzende ähnlicher Veranstaltungen im historischen Gewand – vom Burgfest bis zur Nachstellung bedeutender Schlachten.

Das Spiel mit der Vergangenheit boomt. Was reizt die ungefähr 1,5 Millionen Mittelalterfans in Deutschland? "In unserer technisierten Welt gibt es eine Sehnsucht nach einfachem Leben, Lagerfeuerromantik und ritterlichen Tugenden wie Kraft, Mut und Tapferkeit", erklärt Edwin Ball, Pressesprecher des MPS. Ganz authentisch ist hier zum Glück nichts. "Sonst müssten wir ja 30 Tonnen Unrat auskippen." Stattdessen: Strohballen zum Lagern, Sand zum Barfußlaufen. Was lockt, ist nicht das Joch der düsteren Epoche, sondern die romantische Inszenierung des Gestern. Karneval auf Abruf.


Mittelalter Festival

Burgen, Klöster, holde Maiden: Mittelalter-Events im September (Foto: © dpa)

Mittelalterlich Phantasie Spectaculum (MPS)
14. – 15.9. Borken
21. bis 22.9. Schloss Maxlrain

Ritterturnier Burg Pyrmont
14. – 15.9. Roes (Eifel)

✠ 4. Großes Mittelalter Spectaculum
14. – 15.9. Jockgrim

✠ 1. Mittelaltermarkt Ars Westfalica
14. – 15.9. Versmold


Im Heerlager der Mittelalterfans hat auch die Freie Bruderschaft vom Tempel Salomon von 1147 drei große Rundzelte errichtet – gemeinsam mit Pilgern und Kaufleuten. Gut ein Dutzend Männer und Frauen aus dem Raum Hamm lagern fast jedes Wochenende, in wallenden Gewändern, ohne Strom und fließend Wasser.

"Tempelritter waren kämpfende Mönche, die Pilger und Kaufleute beschützt haben", erklärt Baldric von Normanne (50). Weltlich heißt er Michael und ist Heizungsbauer. Baldric führt einen abgeflachten Helm vor: "Das ist ein Topfhelm, darin haben Ritter früher wirklich gekocht." Er greift zu Lanze und Holzschild, in dem drei Tage Arbeit stecken. Einer hat sogar sein Kettenhemd selbst gemacht – aus 40.000 Ringen. "Männerstricken nennen wir das", sagt Baldric und geht mit Samselor von Oer und den anderen Templern zur Parade der Heerlager.

Da klettert Yannik, 16 Monate, unter dem Tisch hervor. Auf seinem weißen Strampler prangt das rote Tempelritter-Kreuz. Der Anzug ist ein Geschenk der edlen Männer. Seine Eltern Doro und Marcus Liebig stehen als Pilger unter dem Schutz der Mönche.

Vor sieben Jahren hat es die Liebigs gepackt. "Der Sonnenuntergang beim Mittelalterfest auf der Sparrenburg", erinnert sich Doro Liebig (32), Friseurin, "das war Romantik pur." Seitdem geht das Paar fast jedes Wochenende auf Zeitreise, diesmal als pilgernde Schotten. Doro rührt die Lauchsuppe um, die über dem Lagerfeuer köchelt. Ihr Mann Marcus, Anwalt, trägt Schottenrock und eine Kette mit dem Hammer des Thor. Die zwei genießen die „Zeit für die Familie – ohne Handy, Alltagsstress und TV“.

Musiker auf einem Mittelalter Festival

Auch Musik darf auf einem Mittelalterfest nicht fehlen (Foto: © dpa).

Ebenfalls im Lager – "Magnus der Medicus" mit Gattin. "Wir kommen aus Medizinberufen, da passt die Rolle", sagt Arzthelferin Emma Sommerstange. Ihr Mann Kim ist Psychologe und spielt den Medicus, der kleine Wunden mit modernen Erfindungen wie Desinfektionsmittel und Pflaster heilt. Ihre "Horchknochen" sind daheim. Bei History-Fans heißen Handys "Horchknochen" und Kameras "Schnellzeichner". "Aber etwas Luxus muss sein", sagt Emma und lüftet einige Felle: Darunter kommen Luftmatratzen und eine Kühlbox zum Vorschein. Dann geht sie "zubern" ins Badehaus. Der hölzerne "Whirlpool" hat sogar Marktblick.

Abends wird es heimelig im Lager: Feuer lodern, Frauen weben, ein Ritter greift zur Gitarre. Fragt man nach dem Grund für dieses Hobby, ähneln sich die Antworten: Interesse für die Epoche, keine Vereinsregeln, Offenheit und Gemeinschaft quer durch alle Schichten. Bei den Tempelrittern allein tummeln sich Akademiker, Handwerker, Angestellte und Leiharbeiter. Oder, wie es eine Nonne beim Pestumzug formuliert: "Es macht einfach Spaß, mal eine ganz andere zu sein – auch wenn es erst mal komisch aussieht."

Autor: Dagmar Weychardt