Ärzte
Prof. Peter Oberender will das Gesundheitssystem retten.
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Fotos © Andreas Wemheuer für HÖRZU

Ein Streitgespräch mit Prof. Peter Oberender

Ist Gesundheit noch bezahlbar?

  • Artikel vom 08. Januar 2010

Sie ist das wichtigste Vorhaben in der zweiten Amtszeit von Angela Merkel: die neue Gesundheitsreform. Doch über die Einzelheiten streiten die Koalitionäre schon jetzt. Sicher ist nur: Um ausufernde Kosten in den Griff zu bekommen, muss gehandelt werden. Wie eine mögliche Reform aussehen könnte, skizziert Prof. Peter Oberender von der Universität Bayreuth im HÖRZU-Interview.

HÖRZU: Bei den gesetzlichen Kassen drohen 2010 schon wieder Beitragsanhebungen. Kommt nach der Finanzkrise jetzt der Gesundheitskollaps?

Peter Oberender: Ja, und zwar in finanzieller Hinsicht. Die steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen überfordert das alte System. Grund ist das Ungleichgewicht in der Generationen-Bilanz. Immer weniger Beitragszahler müssen immer höhere Beiträge aufbringen. Gleichzeitig nehmen die Älteren immer mehr Leistungen in Anspruch.

HÖRZU: Sie haben doch lebenslang eingezahlt.

Peter Oberender: Stimmt, aber im Alter zahlen sie zu wenig. Der Wert der bezogenen Leistungen liegt dann weit über dem gezahlten Beitrag. Das kann auf Dauer nicht funktionieren und benachteiligt die Jüngeren: Während ein heute 25-Jähriger 132.800 Euro mehr ins System´einzahlt, als er "rausholt", ist die Bilanz für einen heute 65-Jährigen sehr komfortabel: Er kann ein Plus von 228.400 Euro verbuchen.

HÖRZU: Lässt sich diese Schieflage verhindern?

Peter Oberender: Die gesetzlichen Kassen müssen endlich privatisiert werden. Dann können sie als gewinnorientierte Firmen mit den privaten Krankenversicherern in Wettbewerb treten. Aber das bedeutet die Aufkündigung des Solidarprinzips. Anders ist gleiche Versorgung für alle nicht finanzierbar. Ein Rundum-sorglos-Paket, so wie heute üblich, überfordert die Solidargemeinschaft. Gleichzeitig muss ein Regelleistungskatalog etabliert werden, der allen Bürgern den Zugang zu Gesundheitsleistungen gewährt, insbesondere in Notfällen.

HÖRZU: Funktioniert Hightech-Medizin nach dem Prinzip des Raubtier-Kapitalismus: Wer viel hat, bekommt das Beste, wer nichts hat, hat eben Pech gehabt?

Peter Oberender: Hightech-Medizin für alle ist nicht bezahl-bar und zudem nicht immer sinnvoll. Es wird auch im Gesundheitswesen eine Mehr-Klassen-Gesellschaft geben. In anderen Bereichen ist das ja auch so. Nicht jeder kann Kaviar zum Frühstück essen. Ein Toastbrot tut es auch. Sichergestellt werden muss aber, wie gesagt, dass niemand durch das soziale Netz fällt – also hungrig bleibt.

HÖRZU: Wird es dann künftig nur noch eine schlichte Basisversorgung geben?

Peter Oberender: Es sollte einen definierten Leistungskatalog geben, für den dann eine generelle Versicherungspflicht besteht. Alles, was darüber hinausgeht, muss privat versichert oder aus eigener Tasche bezahlt werden. Ähnlich wie bei der Buchung des Urlaubs gilt: Wer all-inclusive will, muss mehr zahlen als derjenige, der nur Übernachtung mit Frühstück wünscht.

HÖRZU: Wer bestimmt und kontrolliert, wie dieser Katalog zukünftig ausgestaltet ist?

Peter Oberender: Das muss öffentlich diskutiert und entschieden werden. Alle medizinischen Maßnahmen müssen darauf abgeklopft werden,
was sie kosten und was sie nützen. Dann muss gegeneinander abgewogen werden.

HÖRZU: Wird es künstliche Hüftgelenke für 85-Jährige künftig nicht mehr geben?

Peter Oberender: Die sollte es weiter auf Rezept geben. Ohne sie kann das Leben zur Qual werden. Anders ist es bei Brillen, Hörgeräten oder allen zahnärztlichen Leistungen: Die müssen extra versichert werden. Der Konsum des Alters wird so zum Konsum von Gesundheitsleistungen.

HÖRZU: Aber die Renten stagnieren. Woher sollen die Älteren das Geld dafür nehmen?

Peter Oberender: Die Mittel dafür sind durchaus vorhanden. Ruheständler beziehen neben Renten oder Pensionen noch Zinseinnahmen und Mieten von ca. 25 bis 30 Milliarden Euro im Jahr. Außerdem werden jährlich 200 bis 250 Milliarden vererbt. Ein Teil davon muss künftig für Gesundheit aufgebracht werden.

Autor: Interview: Stefan Vogt, Georg Francken