Krimi-Spezial
Josef Bierbichler spielt in der ZDF-Reihe ''Verbrechen'' Verteidiger Leonhardt.
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Josef Bierbichler spielt in der ZDF-Reihe ''Verbrechen nach Ferdinand von Schirach'' den Strafverteidiger Leonhardt. / Foto: © ZDF und Gordon Muehle

Neue ZDF-Reihe

''Verbrechen nach Ferdinand von Schirach''

  • Artikel vom 07. April 2013

Wo immer er hingeht, wann immer er auftaucht: Dieser Anwalt trägt einen Hut auf dem Kopf und Gleichmut im Blick. Sein Gang ist gemessen, seine Ruhe scheinbar unerschütterlich. Friedrich Leonhardt, gespielt von Josef Bierbichler, ist als Alter Ego des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach zu verstehen, dessen Kurzgeschichtenband die Vorlage für eine ungewöhnliche neue ZDF-Serie ''Verbrechen'' (Start: 7.4., 22 Uhr) liefert.

Allein der Vorspann legt ein Tempo vor, das nichts mit üblicher Krimiästhetik zu tun hat: Parallel zur Musik hämmern Bildausschnitte auf den Zuschauer ein, die Auswahl der Szenen ist nicht zimperlich. Die sechs 45-Minuten-Fälle bieten keine herkömmliche TV-Kost. Nicht die Suche nach dem Mörder steht im Vordergrund, sondern der schmale Grat zwischen Normalität und Verbrechen.

Anwalt Leonhardt kennt die Gesetzeslage – und weiß, dass es auf die Frage nach Schuld oder Täter oft keine Antwort gibt. Da bleibt nur die Erkenntnis, wie dünn das Eis ist, auf dem sich die Unauffälligen bewegen. Wie leicht jeder einbricht, wenn er an seine Grenze kommt.

Ungeschminkt und abgerissen

Der Wahlspruch des Strafverteidigers, immer wieder aus dem Off zu hören, steht als Motto über allen Fällen: "Ein Anwalt will nicht immer wissen, was eigentlich passiert ist. Es ist eine Art Gratwanderung. Ob der Anwalt glaubt, dass sein Mandant unschuldig ist, spielt keine Rolle. Seine Aufgabe ist es, den Mandanten zu verteidigen. Nicht mehr und nicht weniger."

Produzent Oliver Berben spricht von einem "Look", den die Geschichten haben. Einer künstlerischen Handschrift, die von Auslassungen und Zusammenschnitten lebt und das jeweilige Milieu aufgreift – selten sah man den Schauplatz Berlin so ungeschminkt und abgerissen. Den hämmernden "Sound" entwickelte der israelische Filmemacher Solo Avital, Elemente eines Musikvideos der Band Nanuchka tauchen im Vorspann auf. Und noch etwas zieht sich durch die Folgen: ein unschuldig grüner Apfel, der durch die Bilder rollt, unvermittelt auf dem Schreibtisch des Anwalts landet und in dieser Reihe ausdrücklich nicht für Gesundheit steht.

Die Folge "Fähner", mit der die Reihe eröffnet wird, ist die Fallstudie eines gutmütigen Arztes (Edgar Selge), der sich von seiner Frau terrorisieren lässt, bis die Ehe in einem Blutrausch endet. Hannu Salonen, der sich als Regisseur mit Jobst Christian Oetzmann abwechselt, lässt dabei ganz ungeniert die Axt sausen und Blut aus Wunden wabern.

Die dritte Folge "Grün" erzählt von einem Vater (Jan Fedder), der die psychische Erkrankung des Sohnes (grandios: Vladimir Burlakov) leugnet. Wie eine Atmosphäre latenter Bedrohung durchgehalten wird, ohne dass auch nur ein einziger Mord passiert, ist virtuos in Szene gesetzt.

Verbrechen nach Ferdinand von Schirach

Ein Mann wird von zwei Jugendlichen bedroht. Das hätten sie besser gelassen ... / Foto: © ZDF und Reiner Bajo

Die übliche Frage "Wer war’s?" interessiert den Autor von Schirach wenig. Die Antwort bleibt in einigen Fällen auch offen. Wer verbirgt sich etwa hinter dem stoischen Mann, der auf einer Bahnhofsbank sitzt, von zwei pöbelnden Jugendlichen angegriffen wird und beide mithilfe einer asiatischen Kampftechnik tötet? Der Mann schweigt. Und weil seine Aktion offensichtlich Notwehr war, muss er aus der U-Haft entlassen werden. Sein Geheimnis bleibt ungeklärt.

Genauso wie der Fall "Summertime", in dem ein erfolgreicher Manager in Verdacht gerät, seine Geliebte in einem Hotelzimmer getötet zu haben. War er es? Oder war er es nicht? Bei der Auswertung einer Kameraaufzeichnung scheint Anwalt Leonhardt den entscheidenden Hinweis gefunden zu haben: Die Uhr am Ausgang der Tiefgarage war nicht auf Sommerzeit umgestellt, was den Angeklagten entlastet. Alle folgen seinen Argumenten. Alle – nur nicht die Frau des Verdächtigen.

Der Schritt über die Grenze

Was darf ein Anwalt? Wo sind ihm die Hände gebunden? Ein weiterer Fall aus dem Buch wird nur angerissen. Ein psychisch gestörter junger Mann verletzt seine Freundin, weil er sich ihren Körper einverleiben will. Leonhardt muss den Fall abgeben, weil ihm das Mandat entzogen wird. Monate später erfährt er, dass sein Mandant eine Frau getötet und die Grenze zum Kannibalismus überschritten hat.

Genau diese Grenzen sind es, die den Autor umtreiben. Von der Verfilmung seiner Fälle ist Schirach begeistert: "Mir war vor allem wichtig, dass die Reihe nicht wie ein ,Tatort‘ aussieht." Eine Fortsetzung ist angedacht. Einige ungewöhnliche Fälle warten noch auf ihre Verfilmung


Sendehinweis: ''Verbrechen''

Die ersten beiden Folgen der neuen Reihe. Fortsetzung jeweils sonntags
SO, 7.4., ZDF, 22.00 Uhr


Ferdinand von Schirach

Autor Ferdinand von Schirach im Interview / Foto: © ZDF und Norman Kalle

HÖRZU: Herr von Schirach, es hat lange gedauert, bis Sie einer Verfilmung Ihrer Kurzgeschichtensammlung "Verbrechen" zugestimmt haben. Warum?

Ferdinand von Schirach: Ein Buch ist wie ein Kind, das man in die Welt entlässt. Man möchte einfach nicht, dass jeder dran rummacht – und es zuletzt von Kopf bis Fuß tätowiert ist und grüne Streifen in den Ohren hat.

HÖRZU: Sind die Fälle authentisch?

Ferdinand von Schirach: Wenn die Geschichten real wären, hätte ich mich strafbar gemacht. Ich stehe unter anwaltlicher Schweigepflicht, muss also alles verfremden.

HÖRZU: Ihr Buch "Verbrechen" ist ein Bestseller. Arbeiten Sie überhaupt noch als Strafverteidiger?

Ferdinand von Schirach: Ja, aber ich übernehme sehr wenige Mandate – zwei bis vier im Jahr. Die letzten 18 Monate war ich kaum in der Kanzlei, weil ich an einem neuen Roman geschrieben habe.

HÖRZU: Als Anwalt müssen Sie die Interessen Ihres Mandanten vertreten. Geraten Sie nie in Gewissenskonflikte?

Ferdinand von Schirach: Es ist meine Aufgabe als Anwalt, Menschen zu verteidigen. Ich bin kein Polizist und kein Pfarrer. Nur wenn Sie hier mit einem großen Messer säßen und drohten, sofort Ihren Mann umzubringen, dürfte ich die Polizei rufen. Sonst nicht. Damit muss man leben.

HÖRZU: Welches Urteil der jüngeren Justizgeschichte haben Sie als ungerecht empfunden?

Ferdinand von Schirach: Das möchte ich wirklich nicht beurteilen. Ich habe bislang nur einen einzigen Richter erlebt, der bösartig war. Im Normalfall üben diese Leute ihren Beruf ordentlich aus. Auch Richter wollen nachts ruhig schlafen.

Autor: Angela Meyer-Barg

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