Aktuelles
Krankenschwester Charlotte (Miriam Stein) versorgt die Opfer des Krieges.
Zur Bilderstrecke

ZDF-Mehrteiler ''Unsere Mütter, unsere Väter'': Krankenschwester Charlotte (Miriam Stein) versorgt die Opfer des Krieges. / Foto: © ZDF und David Slama

Erwachsen werden im Zweiten Weltkrieg

ZDF-Mehrteiler ''Unsere Mütter, unsere Väter''

  • Artikel vom 16. März 2013

Blut. Überall Blut. Die Lazarettärzte arbeiten im Akkord. Sie versorgen Schussverletzungen, amputieren Beine. Es fehlt an Morphium, und die Männer auf den primitiven Feldbetten schreien ihren Schmerz hinaus. Oder leiden im Stillen. Manche klammern sich an eine Krankenschwester – das einzige Wesen, das in dieser mörderischen Umgebung etwas Trost bieten kann. In der Nähe explodieren Granaten. Neue Opfer. Es ist Krieg. 1941 an der Ostfront.

Wie erbarmungslos der Zweite Weltkrieg war, wie eine ganze Generation junger Menschen ihrer Jugend und aller Normalität beraubt wurde, das ist das Thema in dem brillanten Dreiteiler ''Unsere Mütter, unsere Väter'' (Start: 17.03., 20.15 Uhr, ZDF).

Weder Nazis noch Helden

Am Beispiel von fünf Freunden um die 20 wird erzählt, wie Lebensläufe durch den Krieg radikal verändert oder zerstört werden. Viktor, Wilhelm, Greta, Friedhelm und Charlotte kennen sich seit Schulzeiten und haben den Kopf voller Pläne, auch wenn "der Herr Hitler" gerade Krieg führt. Greta will Sängerin werden, "Charly" Lazarettschwester, weil sie Berufssoldat Wilhelm, den sie heimlich liebt, nah sein möchte. Friedhelm, der Bücherwurm, ist ein Träumer. Viktor arbeitet als Schneider. Dass er Jude ist, kümmert die anderen nicht. Sie sind weder fanatische Nazis noch Helden oder gar Widerstandskämpfer, sie sind lediglich fünf Menschen mitten aus der Gesellschaft.

Das hat die Hauptdarsteller des TV-Dramas, allesamt Stars des jungen deutschen Kinos, besonders gereizt. Katharina Schüttler merkt an, "dass es keine klassischen Opfer oder Täter gibt". Tom Schilling, der als Friedhelm während der drei Teile des Films die größte Wandlung durchläuft, betont, "wie schonungslos und treffend die Zeit mitsamt der Gewalt im Krieg beschrieben wird. Letztlich spielen wir alle Figuren, die sich verlieren."

Die Handlung des Films setzt im Juni 1941 ein, nur wenige Tage vor dem Start des Russlandfeldzugs. Die Freunde feiern in einer Berliner Kneipe Abschied von Wilhelm und Friedhelm. Die beiden Brüder haben ihren Einsatzbefehl bekommen. Allzu lange wird es nicht dauern, höchstens ein paar Monate. "Dann ist der Russe besiegt", so glauben sie.

Heute wissen wir, wie sehr sie irrten. Wissen um die Millionen Toten auf beiden Seiten, um die systematische Vernichtung und um die überhebliche Großmachtsucht eines Regimes, das erst endet, als Deutschland knapp vier Jahre später in Trümmern liegt.


Rueckzug der Wehmacht

Die Soldaten der Wehrmacht ziehen sich zurück und hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Spielszene aus ''Unsere Mütter, unsere Väter'' / Foto: © ZDF und David Slama

Hitlers Krieg im Osten

Ein Feldzug gegen Russland, behauptet Hitler zu Beginn, sei "nur ein Sandkastenspiel". Am Morgen des 22. Juni 1941 überschreiten die deutschen Truppen ohne Kriegserklärung die Grenze. Die Heeresgruppe Mitte ist zu dieser Zeit etwa 1000 Kilometer von Moskau entfernt. Einen knappen Monat später sind es nur noch 350 Kilometer. Bis zum Sommer werden rund 3,5 Millionen Soldaten an der Ostgrenze zusammengezogen, die Wehrmacht besetzt Weißrussland, Teile Russlands und den überwiegenden Teil der Ukraine. 14 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Eine Gegenoffensive der Roten Armee stoppt die Deutschen im Dezember 1941 kurz vor Moskau. Im Frühjahr 1942 zählt das Ostheer Verluste von mehr als einer Million Soldaten. Im Herbst 1942 beginnt die Schlacht um Stalingrad. Anfangs rücken die Deutschen vor, dann wendet sich das Blatt. Am 2. Februar 1943 ergibt sich das eingekesselte Heer. Diese Kapitulation gilt weltweit als Kriegswende.


Doch wie konnte man sich damals so täuschen, die Zeichen nicht erkennen? Es ist ein Tabuthema, das seit mehr als sechs Jahrzehnten zwischen den Generationen steht. Acht Jahre recherchierte Autor Stefan Kolditz ("Dresden"), bis das Drehbuch fertig war. Am Anfang stand auch bei ihm das "Bedürfnis nach Verstehen, nach einem Gespräch mit den Müttern und Vätern, den Großeltern. Auch wenn mein Vater, Jahrgang 1922, bereits tot war. Ich verstand, dass er wie Millionen anderer junger Männer von der Schulbank weg in einen Krieg zog, der nie seiner war – den er trotzdem bis zum Ende mitmachen musste."

Kann man über solche unfassbaren Erlebnisse überhaupt diskutieren? Wie soll man die Verrohung erklären, den bedingungslosen Gehorsam? Den Mut der Verzweiflung und die Hilfsbereitschaft, die es ebenso gab, oft auch unter Einsatz des eigenen Lebens? Ziel der Filmmacher ist es, den "Generationendialog" zumindest anzustoßen: "Wir hoffen, für unsere Zeit erlebbar zu machen, was dieser Krieg bedeutet haben muss – an der Front und zu Hause", sagt Heike Hempel, Fernsehfilm-Chefin des ZDF.

Autor Kolditz weiß, "dass jeder, der dabei war, seine eigene Wahrheit und Erinnerung hat". Drei Historiker prüften die Daten und Fakten aus verschiedenen Perspektiven. Um bis ins Detail glaubwürdig zu sein, wurde vieles immer wieder mit historischen Fotos abgeglichen. 90 Tage lang wurde an 141 verschiedenen Sets in Litauen, Lettland und fünf Bundesländern gedreht. Kosten: 15 Millionen Euro. Ein Hauptset war ein Teil des Festungsrings in Köln-Porz: Das Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Fort wurde zum Militärlazarett und zum Partisanencamp umgebaut.

Ungemein wirklichkeitsnah fielen auch die Szenen in den Schützengräben aus. "Womöglich, weil wir in Litauen unter ähnlicher Kälte leiden mussten wie die Soldaten damals", erinnert sich Regisseur Philipp Kadelbach ("Hindenburg"). "Ich spüre noch den eisigen Wind im Nacken, als wir bei minus 30 Grad die Schützengräben für unseren Film ausgehoben haben."

Ob Autor, Regisseur oder Mitspieler: Bei ihren Angehörigen gibt es – wie wohl in allen deutschen Familien – Verwundungen durch den Weltkrieg. Für Produzent Nico Hofmann, der schon viele Filme über die deutsche Vergangenheit realisiert hat ("Dresden", "Rommel"), war es "ein lang gehegter Wunsch, die Kriegserlebnisse meiner Eltern so präzise wie möglich zu erzählen. Eine der Figuren, Wilhelm, zeichnet exakt die Geschichte meines Vaters nach." Über die Einschnitte und Brüche, die der Krieg seinem Leben zufügte, habe der Vater früher selten gesprochen. Erst jetzt habe er sich dem Sohn gegenüber wirklich geöffnet – nach dem gemeinsamen Schauen des Films.


Sendehinweis: ''Unsere Mütter, unsere Väter''

Kriegsdrama in drei Teilen über die Soldaten an der Ostfront
Teil 1: SO, 17.3., ZDF, 20.15 Uhr
Teil 2: MO, 18.3., ZDF, 20.15 Uhr
Teil 3: MI, 20.3., ZDF, 20.15 Uhr

Autor: Sabine Goertz-Ulrich

>
Anzeige