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Dr. Leonore Goldschmidt in England
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Dr. Leonore Goldschmidt in England / Foto: © NDR/Story House Productions

Überleben in Hitlers Schatten

TV-Doku ''Goldschmidts Kinder'' im Ersten

  • Artikel vom 04. November 2013

Hohenzollerndamm 101 in Berlin-Schmargendorf: eine unscheinbare Gedenktafel, wie so viele in der Hauptstadt. Sie verweist auf Dr. Leonore Goldschmidt und eine Schule, die es nicht mehr gibt. Die Geschichte hinter den dürren Worten ist eine Geschichte von Mut in dunklen Zeiten. Sie erzählt von der Heldentat einer Lehrerin, die mitten in Nazideutschland eine jüdische Privatschule gründet und ihren Schülern etwas mitgibt, das sie auf dem Weg ins Exil überleben lässt: die Erinnerung an einen Ort, an dem sie behütet, geschätzt und erwünscht waren.

Als sich die beiden jungen Produzenten der Doku ''Goldschmidts Kinder'' (MO, 4.11., Das Erste, 23.30 Uhr) auf Recherchereise begeben, treffen sie ehemalige Schützlinge in England, Israel und den USA. Fast alle Goldschmidt-Schüler haben überlebt, aber nur, weil sie ihre Heimat rechtzeitig verlassen konnten.

Was Leonore Goldschmidt vor rund 80 Jahren wagt, ist ein Lehrstück über die Alternativen, die jeder Mensch hat – auch in einer Diktatur. Dabei gerät die Lehrerin selbst ins Visier der Nazis, aber sie findet Schlupflöcher und nutzt klug die verbliebenen Chancen.

1933 verliert Goldschmidt wie viele andere Juden auch ihren Job. Sie wird aus dem Schuldienst entlassen. Aber sie findet heraus, dass es eine Möglichkeit gibt, jeweils fünf "nichtarische Kinder" privat zu unterrichten. Das ist der Beginn ihrer eigenen Schule, die sie 1935 eröffnet. Sie engagiert einen jungen englischen Lehrer, der den Kindern Unterricht in seiner Muttersprache gibt – eine Vorbereitung aufs Exil.

Sie lädt den amerikanischen Journalisten Julien Bryan ein, an ihrer Schule einen Film zu drehen. Szenen dieses Dokumentarfilms, den Bryan 1937 aus Nazideutschland herausschmuggelt, bilden das Herzstück der TV-Dokumentation.

Wolfgang Elston

Wolfgang Elston, 85, New Mexico: ''Goldschmidt war eine mutige und begeisterte Lehrerin.'' / Foto: © NDR/Story House Productions

Die Schulgebäude am Hohenzollerndamm, die sowohl für Tagesals auch für Internatsschüler ausgerichtet sind, werden ein Hort der Geborgenheit. Die Kinder sitzen mit ihrem Lehrer an runden Tischen, niemand muss bei einer Wortmeldung seinen Arm hochreißen. Wenn es die Temperaturen zulassen, wird draußen unter hohen Bäumen unterrichtet. Julien Bryans Film zeigt unbeschwerte Kinder im Speisesaal, Kinder auf dem Weg zur Turnhalle, er beleuchtet strahlende, junge Gesichter.

"In meiner Erinnerung schien immer die Sonne", sagt die ehemalige Schülerin Margot Segall-Blank, die heute 91 Jahre alt ist. Rund 1000 Mädchen und Jungen werden die Goldschmidt-Schule in den vier Jahren ihres Bestehens durchlaufen. Und das, obwohl sich die Schlinge schon kurz nach der Gründung zuzieht. Aber Leonore Goldschmidt ersinnt immer neue Tricks, die das Überleben in Hitlers Schatten eine Zeitlang sichern. Als das Gebäude enteignet werden soll, verkauft sie es für ein paar symbolische Reichsmark an den Lehrer aus England – pro forma ist der nun Besitzer.

Die Goldschmidtschule

Die Goldschmidtschule / Foto: © NDR/Story House Productions

Und noch etwas gelingt der mutigen Lehrerin: Sie schafft es, die Kinder an ihrer Schule das Cambridge Certificate ablegen zu lassen – eine Qualifikation, die es ihnen später ermöglicht, im englischsprachigen Ausland zu studieren. Eine Abschlussprüfung, die zunächst auch den Nazis recht ist. "Die haben sich wohl gedacht, wenn die Kinder Englisch beherrschen, gehen sie von allein", sagt Filmemacher Jaron Pazi.

Blaubeeren und Bernstein

Sommer 1936: Deutsche Hotelbesitzer werden unter Druck gesetzt, keine Juden mehr als Feriengäste aufzunehmen. Und wieder findet die Lehrerin eine Lücke im System: Sie macht einen kleinen Ort bei Memel ausfindig, der nahe der ostpreußischen Grenze liegt, aber schon unter litauischer Verwaltung steht. Hier verbringen 22 Kinder ihrer Schule einen unbeschwerten Sommer an der Ostsee, pflücken Blaubeeren und suchen im Sand nach Bernstein.

Aber die goldenen Tage sind gezählt. Der anfangs zögerliche Weg ins Verderben, der vielen jüdischen Familien noch einen Funken Hoffnung ließ, ist zu Ende. In der Pogromnacht vom November 1938, als SA-Banden jüdische Geschäfte plündern, Synagogen in Brand setzen und Wehrlose auf offener Straße erschießen, wird klar: In diesem Land haben Juden kein Lebensrecht mehr.

Eva Samo

Eva Samo, 92, New York: ''Es wurde viel von uns verlangt. Die Schule war eine Herausforderung.'' / Foto: © NDR/Story House Productions

An der Goldschmidt-Schule wird der Exodus vorbereitet. Im September 1939 wird sie geschlossen. Leonore Goldschmidt geht ins Exil nach England, wo sie noch jahrelang unterrichten wird. Als die beiden Filmemacher Jahrzehnte später nach ehemaligen Schülern suchen, stoßen sie auf Menschen, die ihre Lehrerin und deren Begeisterung für Bildung immer noch im Herzen tragen.

Etwa Margot Segall-Blank, die an der renommierten Harvard-Universität Kinderheilkunde lehrte. Oder Wolfgang Elston, der eine Professur an der Universität von Albuquerque in New Mexico innehatte. Sie alle erinnern ihre Schuljahre als glückliche Zeit. Filmemacher Pazi beschreibt eine Szene in New York: "Zwei ältere Damen sitzen in einem europäischen Café und erzählen sich Anekdoten aus dem Berlin ihrer Kindheit. Sie tauschen Geschichten über ihre alte Schule aus, sinnieren über die verlorene Heimat. Sie sind in New York zu Hause, leben seit Jahrzehnten in den USA. Aber gesprochen wird auf Deutsch, und auf dem Teller liegt Apfelstrudel."


Sendehinweis: ''Goldschmidts Kinder''

Überleben in Hitlers Schatten
Doku mit Zeitzeugen & Spielszenen
MO, 4.11., Das Erste, 23.30 Uhr

Autor: Angela Meyer-Barg

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