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Werner Stiller, heute Peter Fischer, im Ringcafe Leipzig
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Werner Stiller, heute Peter Fischer, bei Dreharbeiten zum Dokumentarfilm ''Der Agent'' im Ringcafe Leipzig / Foto: © MDR/Alte Celluloid Fabrik

Der Doppelspion aus der DDR

Werner Stiller • TV Doku "Der Agent" im Ersten

  • Artikel vom 22. April 2013

Es ist der 18. Januar 1979, als Werner Stiller einen geheimen Übergang im Berliner Bahnhof Friedrichstraße ansteuert. Dort gibt es eine Tür, durch die Spione unbemerkt nach Westberlin gelangen können. Der Polizist, der sie bewacht, prüft Stillers Papiere – und stutzt. In dem gefälschten Passierschein fehlt ein Vermerk. "Unsere Sekretärin ist so blöde", beschwichtigt Stiller.

Der Oberleutnant der DDR-Staatssicherheit weiß genau, dass Überläufern die Todesstrafe droht. Er ist auf alles vorbereitet: "Unter meiner linken Schulter trug ich eine durchgeladene Pistole mit sieben Patronen", erinnert er sich heute. "Wäre ich umzingelt worden, hätte ich mich ohne Zögern erschossen." Doch der Polizist am Geheimübergang drückt ein Auge zu – und ermöglicht dem Stasi-Mann die Flucht in den Westen.

So beginnt einer der größten Spionagefälle der deutsch-deutschen Geschichte. Denn der DDR-Agentenführer hat die Namen von 60 Genossen im Gepäck: Westdeutsche, die für die Stasi arbeiten und nun wegen Landesverrats angeklagt werden, darunter Professoren und ein Ingenieur des Energiekonzerns Preussag. Ein Triumph für den Bundesnachrichtendienst. Und eine schwere Schlappe für die Stasi. Deren Chef Erich Mielke, so heißt es, soll vor Wut getobt haben. Er gab Stiller sogar zur Liquidierung frei, Operationsname "Schakal".

Für die TV-Doku ''Der Agent'' (22.4., Das Erste, 23.30 Uhr) besuchte Stiller jetzt noch einmal sein altes Büro. "Ich habe keine Angst gehabt an dem Tag", sagt er. Schon bei der DDR-Jugendorganisation FDJ war Stiller zum Sekretär aufgestiegen, während seines Physikstudiums wirbt ihn dann ein Stasi-Offizier an – beim Cognac-Frühstück. Er wird zu IM Stahlmann, lernt das Handwerk der Spionage, besteht Tests zur Staatstreue. Stiller soll helfen, Atomanlagen im Westen auszuspionieren. Dazu rekrutiert er Agenten in der BRD. "Aus ideologischer Überzeugung spioniert kaum einer", sagt Stiller. "Es muss Geld fließen, Material für Erpressung geben oder Liebe im Spiel sein."

Mit selbst gefälschtem Pass Stiller macht Karriere. Doch er will trotzdem raus aus der DDR. In Thüringen lernt er die Kellnerin Helga Michnowski kennen. Doch es ist nicht sie, die ihn interessiert, sondern ihr Bruder im Westen. In einer präparierten Brieftasche schmuggelt der eine Nachricht über die Grenze, übergibt sie dem BND. Aber dessen Beamte trauen der Sache nicht: Ein DDR-Spion, der überlaufen will – zu schön, um wahr zu sein. Schließlich besorgen sie ihm falsche Papiere, doch darin stimmt die Augenfarbe nicht. Stiller bricht einen Schrank bei der Stasi auf, fälscht seinen Pass selbst.

Im Westen bekommt er Leibwächter und einen neuen Namen: Peter Fischer. Er macht Urlaub, lernt tauchen – und neue Frauen kennen. 1980 verlässt er Helga, die der BND aus der DDR geholt hatte. Stiller geht in die USA, der Geheimdienst CIA finanziert ihm ein Studium. Er wird Börsenhändler und reich. Heute lebt er in einem Vorort Budapests im Plattenbau. Sein Geld ging bei Fehlspekulationen verloren.

Warum er zum Doppelspion wurde? "Es ging um die Freiheit", sagt er in der TV-Doku. "Ich kann nicht akzeptieren, wenn mir jemand vorschreibt, was ich zu tun und zu denken habe." Andere vermuten eher private Krisen: Stillers Ehe soll unter seinen Affären gelitten haben. Schließlich wurde noch ein Kollege, mit dem er das Büro teilte, bei einer Beförderung vorgezogen. Spion aus gekränktem Stolz? Aus Abenteuerlust? Oder doch aus Überzeugung? "Ich glaube nicht", sagt Werner Stiller, "dass ich ein Held bin."


Sendehinweis: ''Der Agent''

Dokumentation über das abenteuerliche Leben des Werner Stiller in Ost und West
MO, 22.4., Das Erste, 23.30 Uhr

Autor: Michael Fuchs

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