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Jan Josef Liefers als Patholge Boerne und Axel Prahl  als Kommissar Frank Thiel.
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Jan Josef Liefers (links) als Patholge Boerne und Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel. - Foto © Disney / ARD

40 Jahre Tatort

Tatort: Rollentausch

  • Artikel vom 28. November 2010

Er holt Mordsquoten. Seit 40 Jahren. Immer wieder sonntags. Dafür gibt es unbestechliche Zeugen: Millionen Bundesbürger fiebern mit, wenn Deutschlands beste Krimireihe im Ersten läuft: der "Tatort". Vor allem das Ermittler-Duo aus Münster begeistert die Fans: Jan Josef Liefers als Pathologe Prof. Boerne und Axel Prahl als Kommissar Thiel. Zum Jubiläum inszenierte HÖRZU die beiden und weitere beliebte "Tatort"-Stars in ihrer ganz persönlichen Traumrolle.

Liefers und Prahl posierten als Sherlock Holmes und Dr. Watson, Maria Furtwängler gab die Femme fatale des Film noir, Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt wollten einmal so cool sein wie einst Kollege Schimanski. Zum 40. Geburtstag startet der "Tatort" jetzt noch einmal richtig durch: 101 Ermittler gab es bislang. Am 28. November tritt der 102. an – ein echter Hochkaräter: In der Jubiläumsfolge "Wie einst Lilly" nimmt Starschauspieler Ulrich Tukur alias Kommissar Felix Murot seinen Dienst auf. Als BKA-Mann aus Wiesbaden ist er deutschlandweit im Einsatz – und auch sonst ein Ermittler der ganz besonderen Art.

Durch einen Gehirntumor, den er liebevoll Lilly nennt, wird er von Visionen heimgesucht und hat mitunter eigenartige Eingebungen. Er zeigt zudem eine Schwäche für starke Zigaretten – und Barsängerinnen. Seine Assistentin wirkt wie eine skurrile Variante von James Bonds legendärer Miss Moneypenny und könnte einem Film noir der 40er-Jahre entsprungen sein. Murot – ein kantiger Typ mit Kultpotenzial. So reiht Tukur sich ein in eine Linie markanter Kommissare, die seit Beginn des "Tatorts" zu seinen Erfolgsgeheimnissen gehören.

Schon die erste Folge 1970 war geprägt von einem Charakterkopf: Kommissar Paul Trimmel, gespielt von Walter Richter. In dem vom NDR produzierten Fall "Taxi nach Leipzig" wurde zudem – weiteres Erfolgsrezept – ein aktuelles, brisantes, gesellschaftsrelevantes Thema angepackt: An der Transitstrecke durch die damalige DDR musste Trimmel den Mord an einem Jungen aufklären. Was er auch schaffte – dank seiner väterlich zuwendenden Verhörmethoden. Eine Technik, die er mit anderen Ermittlern der ersten Stunde gemein hatte, etwa mit Kommissar Finke aus Kiel (Klaus Schwarzkopf) und Kommissar Veigl aus München (Gustl Bayrhammer).

Die große Ära der Patriarchen endete, als mit Nicole Heesters 1978 die erste weibliche "Tatort"-Ermittlerin antrat. Kommissarin Marianne Buchmüller brachte nicht nur Mainzer Mörder ins Gefängsnis, sondern auch frischen Wind in die Krimireihe. Auf die Väterlichkeit der alten Männer folgte die weibliche Intuition. Heute darf sich Heesters mit Recht als Vorreiterin der vielen aktuellen "Tatort"-Kommissarinnen betrachten – von Inga Lürsen aus Bremen (Sabine Postel), über Klara Blum aus Konstanz (Eva Mattes) bis zur dienstältesten TV-Ermittlerin Lena Odenthal aus Ludwigshafen (Ulrike Folkerts).

Bei unverbesserlichen Machos wie dem "Tatort"-Kollegen Götz George alias Horst Schimanski stieß so viel Frauenpower natürlich auf Kritik: Die Flut von Frauen mit "Pistole im Handtäschchen" nerve ihn gewaltig, meinte er im Interview. Eine verbale Attacke, die Maria Furtwängler alias Kommissarin Charlotte Lindholm ebenso locker wie selbstbewusst kontert. "Zu viele Fahnderinnen gibt es auf keinen Fall", sagt sie im Exklusiv-Gespräch mit HÖRZU. "Natürlich zeigte sich vor Jahren der Trend, dass immer mehr weibliche Ermittler auf Mörderjagd gingen, etwa Iris Berben als 'Rosa Roth' und Hannelore Hoger als 'Bella Block'. Aber in den Jahren zuvor hatten eben nur Männer ermittelt. Man denke nur an die Zeiten von 'Derrick', 'Der Kommissar' und 'Der Alte' zurück. Ich habe neulich sogar in einer Erhebung gelesen, dass es im Fernsehen noch immer verhältnismäßig wenig Ermittlerinnen gibt im Vergleich zur Realität. Wir spiegeln die Wirklichkeit also nicht einmal eins zu eins wider."

Trotzdem hat sich die Krimireihe über die Jahre deutlich emanzipiert. Klaus J. Behrendt, als Kölner Kommissar Max Ballauf einer der quotenstärksten Fahnder, sieht den "Tatort" sogar als "Spiegel der Zeitgeschichte": "An den Folgen kann man gut beobachten, was sich verändert. Ich sehe zum Beispiel sehr gern Fälle aus den 70-ern, in denen die Kommissare schicke alte Autos fahren." Der Zeitgeist spiegelt sich auch in der zunehmenden Psychologisierung der Figuren: Ins Zentrum der Fälle rückt mehr und mehr das Privatleben der Polizisten, die oft zerrissen, desillusioniert, mit ihrem Alltag überfordert sind.

Erstmals spürbar wurde dieser Trend an Kommissar Stoever alias Manfred Krug, der in einer Folge 1992 zu seinem Kollegen Brockmüller (Charles Brauer) den denkwürdigen Satz sagte: "Du denkst wohl, ich bin total impotent, was? Bloß weil ich in 20 'Tatorten' noch nie ’ne Frau hatte." Was damals ein gewagtes Experiment war, ist heute fast der Normalfall: Rund 20 Prozent jeder Folge drehen sich um die Person des Ermittlers: Die Eltern von Kommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) wurden ermordet, Maria Furtwängler kämpft als Charlotte Lindholm mit den Problemen alleinerziehender Mütter. Die Frau des Kölner Kollegen Freddy Schenk (Dietmar Bär) wird oft thematisiert – war aber noch nie zu sehen. "Ein Running Gag wie bei 'Columbo'", meint Bär. "Vielleicht wäre es eine prima Idee für unseren letzten Fall, sie plötzlich auftreten zu lassen."

Man darf gespannt sein, wie Kommissar Murot alias Ulrich Tukur den Trend fortsetzt. Und die weiteren neuen Kollegen, die bald folgen: Joachim Król und Nina Kunzendorf, die in Frankfurt Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf ablösen, oder Herbert Knaup, der im Allgäu ermitteln wird. Die großen Namen versprechen: Es wird kriminell gut weitergehen. Immer wieder sonntags. Möglichst noch einmal 40 Jahre.

Autor: Mike Powelz

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