Aktuelles
Das Institut – Oase des Scheiterns

Foto © BR, MagentaTV

Interview zu unserem SERIENTIPP der Woche

"So was spielen zu dürfen, ist großartig"

  • Artikel vom 31. Juli 2019

"Das Institut – Oase des Scheiterns" ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Serienbusiness. Das finden auch Hauptdarsteller Christina Große und Omar El-Saeidi, die wir zum Start der zweiten Staffel getroffen haben.

Das Wichtigste zuerst: Staffel 2 von "Das Institut" steht ab 1. August 2019 bei MagentaTV, dem Video-on-Demand-Angebot der deutschen Telekom zum Online-Abruf bereit. Die Folgen der ersten Season natürlich auch. Schließlich gibt's noch zu viele, die dieses kleine TV-Schmuckstück nicht gesehen haben und das unbedingt nachholen sollten.

Die Komödie über ein deutsches Kulturinstitut im fernen fiktiven Land Kisbekistan überzeugte von Anfang an mit angstfreier Bissigkeit und feinem Humor. Die zweite Staffel packt zu den gelungenen Gags noch eine ordentliche Portion Menschlichkeit mit in die Waagschale, was zu einer wunderbaren Steigerung des Guck-Vergnügens führt. Schließlich lacht man doch lieber über und mit Menschen, die man auch ein bisschen gernhaben kann, als über Stereotypen.

Alles zur Serie, zu Staffel 1 und den Darstellern HIER

Herrlich absurd & ziemlich lustig

Dass die neue, persönliche und tiefere Dimension der zweiten Staffel so gut ankommt, freut sowohl Christina Große, Darstellerin der Institutsleiterin Eckart, als auch Omar El-Saeidi, Darsteller des kisbekischen Mitarbeiters Abdali, die zur Premiere der Staffel auf dem Münchener Filmfest Zeit für ein spannendes Gespräch mit HÖRZU fanden.

Spannend auch deshalb, weil die Serie eine Vielzahl sensibler Themen aufgreift: Das Überlegenheitsgefühl von Deutschen im Ausland bzw. gegenüber Menschen anderer Kulturen und der Ossi-Wessi-Konflikt zum Beispiel. Auch die klassische Frau-Mann-Rollenverteilung wird nebenbei verhandelt. Klingt anstrengend? Ist es aber gar nicht. Sondern herrlich absurd und ziemlich lustig, was zum einen Serienschöpfer Robert Löhr zu verdanken ist, zum anderen dem Cast, der die kauzigen Hauptfiguren mit Begeisterung und Können verkörpert.

Schauspielerisches Sahneschnittchen

"Schon beim Lesen der Drehbücher zur ersten Staffel hab ich gedacht 'Ooohhh, so was spielen zu dürfen ist ja großartig'" erinnert sich Christina Große, eine erfahrene Seriendarstellerin, die wir unter anderem aus dem TV-Erfolg "Weissensee" kennen. Der Part der taffen Institutschefin, die arg auf ihren Vorteil bedacht ist, wenig an andere denkt und sich gern mal am Rande der Legalität bewegt, ist aber auch ein schauspielerisches Sahneschnittchen. Gerade, weil er so gar keinem Frauenklischee entspricht, das man aus dem deutschen Fernsehen kennt. Im Gegenteil: Früher wäre das eine klassische Männerrolle gewesen.


Christina Große / Foto © BR

Gut, dass das jetzt anders geht, findet Große. Denn auch wenn sich in Sachen Gleichberechtigung schon viel getan hat, weiß sie: "Dieser Prozess der Veränderung hat ja gerade erst begonnen, was sind 100 Jahre im Vergleich zu so vielen Jahrhunderten der klassischen Rollenverteilung?". Noch ist längst nicht alles so, wie man – oder besser frau – es sich wünschen würde. Das hat sie selbst erst vor einigen Monaten erlebt, bei einem Event in einer Männerrunde: "Nicht nur, dass ich die einzige Frau war, ich war auch die einzige aus dem Osten und hatte das Gefühl, ich bin doch hier gerade gleich zweimal die Außenseiterin. Das war schon erstaunlich und unangenehm, wie diese Runde bei den verschiedensten Themen über mich hinweg gebügelt hat. Das war Ihnen nicht bewusst. Im Gegenteil: Ich hatte den Eindruck, sie fühlen sich gerade unglaublich tolerant und großzügig. Erst am nächsten Morgen merkte ich, wie wütend mich diese Begegnung gemacht hat."

Eine Grenze des Humors

Auch aufgrund solcher Erlebnisse ist es für die Darstellerin aus Thüringen relevant, dass es in "Das Institut" der Konflikt zwischen Ossis und Wessis aufgegriffen wird. Große dachte anfangs sogar, dass sie als "Osttante" für die Rolle der DDR-Nostalgikerin Margarete vorsprechen solle. Die ging aber an Kollegin Svetlana Schönfeld, die sie nun mit schönster Ruppigkeit spielt.

Als Klischee wollte allerdings auch sie nicht auftreten. Im Interview mit El-Saeidi erfahren wir, dass Schönfeld darum gekämpft hat, dass Margarete keine Ex-Stasi-Mitarbeiterin ist, wie anfangs vorgesehen. "Da gab es eine Grenze des Humors" erkannte El-Saeidi und sowohl er als auch der Autor hätten im Nachhinein verstanden, warum. Schließlich ist Margarete in der Serie letztlich eine Sympathieträgerin. Wenn sie das trotz einer aktiven und überzeugten Teilnahme an den Repressalien eines Unrechtsstaates hätte sein dürfen, "hätte das das System verniedlicht".


Omar El-Saeidi / Foto © BR

Generell ist es gar nicht so einfach, auf dem schmalen Grat zwischen angebrachter Sensibilität und politischer Unkorrektheit zu wandeln. Beides ist notwendig für eine Satire mit Herz, dem "Institut" ist es gelungen, beides zu vereinbaren. "Natürlich ist immer die Frage, wer welchen Witz macht," findet El-Saeidi, der als Muslim das Aufeinandertreffen zweier religiöser Kulturen in der Serie aufmerksam beobachtet.

Gläubige aus seinem Umfeld jedenfalls fanden die erste Staffel trotz gelegentlicher Seitenhiebe gegen die muslimische Bevölkerung lustig, "auch weil ich glaube, dass sie sich nicht angegriffen gefühlt haben". Der Grund: Die Deutschen nehmen in der Serie in erster Linie die eigenen Fehler und Schwächen auf die Schippe – da nimmt man ihnen die eine oder andere Stichelei nicht übel. "Ein guter Kniff, um nicht so eine Abwehrreaktion zu haben", meint El-Saeidi.

Gott ist nicht kleinlich

Der in Gießen geborene Darsteller, den man unter anderem als Oberkommissar aus "SOKO Potsdam" kennt, verrät uns außerdem, dass die Serie bei Mitarbeitern des Auswärtigen Amts und des Goetheinstituts, auf dessen Arbeit die TV-Satire beruht, bestens ankommt. Denn die Gefahr, sich aufgrund der eigenen privilegierten Situation den Einheimischen überlegen zu fühlen und sich nicht immer gern mit allen Realitäten der Kultur vor Ort auseinanderzusetzen, bestünde tatsächlich. Natürlich nicht in der extremen Form, wie in "Das Institut" gezeigt – genügend Wiedererkennungseffekt, um herzlich über sich selbst lachen zu können, gibt es aber anscheinend schon.


Foto © BR

Über sich selbst lachen, das kann El-Saeidi, selbst wenn es um seine Religion geht. Manchmal sei er zwar beim Dreh zusammengezuckt, weil etwas seinen innersten Glaubensgewohnheiten widersprach. Doch auch wenn man manche Unstimmigkeiten leicht beheben kann: Er ermahne sich in solchen Situationen selbst, rational zu reagieren. "Mit Anfang 20 hätte ich eine Rolle wie diese nie gespielt. Doch mit der Zeit baut man eine Verbindung zu Gott auf und denkt sich 'Wenn der so was Grandioses wie unsere Welt erschaffen hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass er so kleinlich sein kann.'" Ein schöner Gedanke, oder?

Der Schauspieler ist sich auch sicher, dass wir die Integrationschancen muslimischer Einwanderer hierzulande unterschätzen. Er erklärt das am Beispiel seines eigentlich wertkonservativen Vaters, der damals dem Jammern seiner sieben Kids nachgegeben habe, die unbedingt wie alle anderen Weihnachten feiern wollten. Heute sei er der einzige, der nach wie vor zum christlichen Fest Geschenke verschicke. "Deutschland verändert die Kulturen ja auch. Dieses Land unterschätzt total die Kraft so einer freien toleranten und kulturell vielfältigen Demokratie." Nach solchen klugen Sätzen drückt man El-Saeidi noch mehr die Daumen, der gerade versucht, sein selbstentwickeltes Serienkonzept an den Mann zu bringen – es geht um einen muslimischen alleinerziehenden Vater, der hoffnungslos überfordert ist und in einer Männer-Selbsthilfegruppe Unterstützung sucht.


Foto © BR

Fortsetzung folgt?

Aber zurück zu "Das Institut". Wie sieht es denn aus mit einer weiteren Fortsetzung? Christina Große wünscht sich das: "Ich freue mich sehr zu erfahren, auf welch verschiedene Arten uns unser wunderbarer Autor noch hoffen und scheitern lässt". Gerade jetzt, wo alle Figuren in Staffel zwei so an Tiefe gewonnen haben. Schon bei Staffel 1 habe es beim Dreh Momente gegeben, in der sie und die Kollegen sehr bewusst genossen hätten, was für irrwitzige Szenarien man spielen dürfe, "dass wir Texte haben, die einfach Spaß machen" und dass es so ein Format wie "Das Institut" überhaupt gebe. Auch El-Saeidi ist sich sicher: "Ich hab noch nie so eine Form von intelligentem Humor gespielt".

Und wir sind uns sicher, dass wir sehr gerne eine dritte Staffel sehen würden. Mit diesen beiden sympathischen Stars und dem Rest der "Institut"-Crew. Die Fernsehwelt braucht definitiv mehr Formate, die einfach gut sind, lustig und zudem noch auf netteste Art dazu anregen, offen über sich und wichtige Werte wie Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung nachzudenken.

Anzeige