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Christiane Hörbiger in dem ARD-Film ''Zurück ins Leben''
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Christiane Hörbiger spielt in dem ARD-Film ''Zurück ins Leben'' eine Seniorenheimbewohnerin, die die Flucht wagt. / Foto: © ARD Degeto/Mona Film/O. Roth

Das Interview zum Geburtstag

Schauspielerin Christiane Hörbiger wird 75

  • Artikel vom 08. Oktober 2013

So viel Courage muss man erst mal haben: Christiane Hörbiger, eine Größe der Bühne und des Films, Spross eines berühmten Schauspielerclans, privat ganz Grande Dame mit Stil und Wiener Charme, zeigt in ihren jüngsten TV-Filmen Mut zu Hässlichkeit und Abgründen. In einer Zeit, die Alter und Tod, Krankheit und Verfall radikal ausgrenzt, spielt sie mit Leidenschaft verwahrloste Alkoholikerinnen, Demenzkranke und Rentnerinnen, die sich von körperlichen Gebrechen nicht ihren Wunsch nach körperlicher Lust nehmen lassen.

Alles wohlgesetzte Tabubrüche. Und das in einem Alter, in dem andere nur noch am Glanz des eigenen Images polieren. Am 13.Oktober wird Christiane Hörbiger 75 Jahre alt – und feiert ihr Jubiläum mit zwei mutigen Fernsehfilmen. Im Alzheimer-Drama ''Stiller Abschied'' spielt sie eine ältere Dame, die ihre zunehmende Verwirrung so lange zu überspielen sucht, bis die Kinder ihren geistigen Verfall nicht länger ignorieren können. In ''Zurück ins Leben'' verkörpert sie eine Rentnerin, die einen Mitbewohner zur Flucht aus der Seniorenresidenz überredet, um noch einmal das Leben zu spüren.


Sendehinweise:

''Stiller Abschied''
Hörbiger als Demenzkranke
Ein Familienporträt mit leisen Untertönen
MO, 14.10., Das Erste, 20.15 UHR

''Zurück ins Leben''

Zwei Senioren fliehen aus dem Heim
Roadmovie mit Christiane Hörbiger, Michael Mendl
FR, 18.10., Das Erste, 20.15 UHR


HÖRZU: Was war der Reiz daran, die an Alzheimer erkrankte Charlotte in "Stiller Abschied" zu spielen?

Christiane Hörbiger: Das gute Drehbuch. Der Autor Thorsten Näter ist für seine herausragenden Recherchen bekannt. Er hat sich sehr gut auf den Film vorbereitet. Und mein Maskenbildner hat eine Woche lang in einem Alzheimersanatorium mitgeholfen – und mir die merkwürdigsten, und teils auch komischen Dinge über diese Krankheit erzählt.

HÖRZU: Was ist das Traurige an der Krankheit Alzheimer?

Christiane Hörbiger: Bei Alzheimer gibt es kein Zurück. Traurig ist auch das ständige Umherspringen zwischen verschiedenen Launen – und die plötzlichen Aggressionsanfälle. Es ist schwierig, das zu spielen.

HÖRZU: Klaus Maria Brandauer hat die Krankheit im Film "Die Auslöschung" behandelt – und den Begriff der Gnadenschwelle benutzt: Jenen Zeitpunkt, an dem man vergisst, dass man vergisst. Ihre Meinung dazu?

Christiane Hörbiger: Unser Film entscheidet sich sehr von "Die Auslöschung", den ich mir angesehen habe. Klaus Maria Brandauer ist ein wunderbarer Schauspieler, gar keine Frage. Allerdings wurde "Die Auslöschung" Brandauer auf den Leib geschrieben und somit stark auf eine Person reduziert. In meinem Film, "Stiller Abschied", geht es indes um die Beziehungen einer an Alzheimer Erkrankten zu ihrer Familie – und um die bösen Charakterveränderungen, die krankheitsbedingt sind. Alzheimer löst Attacken wie Zorn und Aggression aus, denen Veränderungen im Hirn zugrunde liegen. In "Stiller Abschied" richtet sich Charlottes Wut gegen ihren Ehemann. Außerdem beleuchten wir, wie Charlottes Kinder mit der Krankheit ihrer Mutter umgehen. Das interessiert die Menschen, weil es uns heute in fast jeder Familie begegnet – besonders in Zeiten einer immer älter werdenden Gesellschaft.

Stiller Abschied

Schwere Rolle: In dem ARD-Film ''Stiller Abschied'' verkörpert Christiane Hörbiger (hier mit Oliver Mommsen) eine Demenzkranke. / Foto: © ARD Degeto/Sandra Hoever

HÖRZU: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Christiane Hörbiger: Ich habe viel über Alzheimer gelesen. Besonders empfehlenswert ist Arno Geigers Roman "Der alte König in seinem Exil", in dem Geiger die Alzheimererkrankung seines Vaters sehr einfühlsam beschreibt. Außerdem war ich vor längerer Zeit in München in einem Alzheimersanatorium. Dort haben mir die behandelnden Ärzte drei verschiedene Ausprägungen der Krankheit erklärt – den leichten, mittleren und schweren Verlauf.

HÖRZU: Ronald Reagan, Margret Thatcher, Rudi Assauer, Sean Connery – die Liste der bekannten Persönlichkeiten, die an Alzheimer erkrankt sind, wird immer länger. Inwiefern hat sich ihr Blick auf die Krankheit durch die Beschäftigung mit der Filmrolle verändert?

Christiane Hörbiger: Nach wie vor betrachte ich Menschen, die etwas vergessen, nicht skeptisch. Aber im Nachhinein habe ich einen anderen Blick auf die letzten Lebensmonate meiner verstorbenen Mutter.

HÖRZU: In Ihrer Geburtstagswoche läuft noch ein zweiter Hörbiger-Film mit dem Titel "Zurück ins Leben". Worum geht’s da?

Christiane Hörbiger: Das ist das heitere Pendant zu "Stiller Abschied". Ich finde es ganz wunderbar von der ARD, dass es neben der Tragödie ein heiteres Roadmovie gibt. Für mich ist die Ausstrahlung dieser zwei Filme in meiner Geburtstagswoche eine ganz große Ehre und keineswegs selbstverständlich.

HÖRZU: Wie gern brechen Sie gesellschaftliche Tabus mit Ihren Filmen – etwa wenn Sie eine Alkoholikerin, eine alternde Liebende, das Opfer eines jungen Heiratsschwindlers oder eine Alzheimerkranke spielen?

Christiane Hörbiger: Ich breche diese Tabus sehr gern, und verdanke die Möglichkeit dazu meinem Hamburger Produzenten Markus Trebitsch. Er sucht Stoffe, die ich mir nicht unbedingt erträume, aber die sehr gut zu mir passen. Ich selbst würde allerdings gern eine Putzfrau spielen, die einen jungen feschen Typen à la George Clooney bekommt.

HÖRZU: Mit Markus Trebitsch haben Sie einen neuen Film über Sinti und Roma gedreht. Worum geht’s in diesem Film?

Christiane Hörbiger: Vor allem um die soziale Benachteiligung der Roma – es ist ein sozialkritischer Stoff. Das Drehbuch stammt erneut von Thorsten Näter. Die Rolle ist wunderbar. Ich spiele eine Frau, für die Sinti und Roma "Zigeuner" sind. Meine Figur hat Vorurteile gegen die Roma, als diese in ihr Wohnhaus ziehen. Doch als die Dame ihr Portemonnaie verliert – und glaubt, dass man es ihr gestohlen habe – wird es ihr von einem kleinen Roma-Jungen wiedergebracht.

HÖRZU: Wie sehr freuen Sie sich auf Ihren 75. Geburtstag – und was wünschen Sie sich?

Christiane Hörbiger: Das Drumherum ist sehr ehrenvoll, aber zum Teil auch harte Arbeit. Noch weiß ich nicht, wie ich meinen Geburtstag feiern werde, wahrscheinlich aber "nur" im kleinsten Familienkreis.

Zurueck ins Leben

Christiane Hörbiger an der Seite von Michael Mendl in dem ARD-Film ''Zurück ins Leben'' / Foto: © ARD Degeto/Mona Film/O. Roth

HÖRZU: Wie halten Sie sich körperlich fit?

Christiane Hörbiger: Durch die eiserne Einhaltung von Morgenübungen – inklusive 30 Kniebeugen, die ich täglich mache. Und natürlich "zwingt" mich dieses kleine Wesen hier – mein Mops Loriot – täglich fünfmal 20 Minuten spazieren zu gehen. Außerdem steige ich jeden Morgen auf die Waage. Ich rauche und trinke nicht, aber Süßigkeiten sind meine Schwachstelle. Da muss ich sehr aufpassen.

HÖRZU: Was ist Ihre Lebensphilosophie?

Christiane Hörbiger: Ich bin Ehrenmitglied in einer Studentinnengruppe. Dafür musste ich mir selbst einen Namen geben – und habe "Avanti" gewählt. Das bedeutet: "Weitermachen!"

HÖRZU: Was denken Sie über den Tod?

Christiane Hörbiger: Ich denke nicht so oft daran, obwohl im vorletzten und letzten Jahr bereits viele Freunde von mir gegangen sind – auf verschiedenste Weise. In solchen Momenten holt einen der Tod gedanklich ein. Ich war eng mit der Frau von Peter Weck befreundet, die vor dem Fernseher eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht ist. Der Grund war ein plötzlicher Herzstillstand. Sie hatte sich das genau so gewünscht. Für die Hinterbliebenen war es natürlich kein Glücksfall, und für den Peter ist es furchtbar, denn er war fast 50 Jahre mit ihr verheiratet.

HÖRZU: Doch fürchten Sie sich vor dem Ende?

Christiane Hörbiger: Nein. Eine meiner Großmütter, Leopoldine Janák, zerteilte an ihrem 80. Geburtstag eine sehr lange, echte Perlenkette, die ihr die Hörbiger-Söhne Paul, Attila und die beiden anderen Brüder geschenkt hatten, und verschenkte die Perlen an alle ihre Enkelinnen. Außerdem legte sie ihr Totenhemd fein säuberlich in die Schublade. Doch sie wurde 99. So früh wie sie bereite ich mich nicht auf den Tod vor. Nur mein Testament habe ich schon seit langem gemacht – weil jedem Menschen in jedem Augenblick etwas passieren kann. Dennoch schiebe ich den Gedanken vor mir her.

Autor: Mike Powelz

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