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Terry Holdbrooks aus Arizona trat nach seinem Einsatz in Guantánamo zum Islam üb
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Peter Kloeppel (links) traf Terry Holdbrooks, einen ehemals auf Guantanamo stationierten US-Soldaten in Arizona. Holdbrooks war im Gefangenenlager mit der Überwachung der Inhaftierten beauftragt. Am Ende konvertierte er zum Islam. - Foto © RTL / Michael Ortmann

TV-Tipp "Der 11. September!"

Peter Kloeppel auf Spurensuche

  • Artikel vom 04. September 2011

11. September 2001: Wie der Terror die Welt veränderte

Der Terror zielte genau ins Herz der westlichen Welt: in die Türme des World Trade Center in New York. Doch er traf den ganzen Globus. Zum 10. Jahrestag des Attentats besuchte RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel weltweit Menschen, deren Leben sich durch die Anschläge fundamental veränderte. In seiner Doku "Der 11. September!" (siehe TV-Tipp rechts) kommen Angehörige der über 3000 Opfer zu Wort, aber auch Politiker, Soldaten, Rettungskräfte und andere überraschende Zeitzeugen.

Kloeppel, der die Terrorbilder aus den USA vor zehn Jahren mehr als sieben Stunden lang live im TV kommentierte und dafür mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, schreibt hier exklusiv über bewegende Begegnungen seiner Drehreise:

Am 11. September 2001 erhielt der Deutsch-Kanadier Hans J. Gerhardt um 8.48 Uhr einen Anruf, der sein Leben aus der Bahn warf. Der Hotelier hörte die Stimme seines Sohnes Ralph, der im 105. Stock des World Trade Center für die Firma Cantor Fitzgerald arbeitete. In knappen Worten schilderte der 34-Jährige dem Vater, dass ein Flugzeug oder eine Bombe im Turm explodiert sei, dass ihm nun geholfen werde. Es war das Letzte, was Gerhardt von seinem Sohn hörte. Seither ist dieser vermisst. Kein Detail aus den jahrelang untersuchten Trümmern gibt Auskunft über sein Schicksal.

Die quälende Ungewissheit, die Trauer, der immense Verlust – über all das hat der Vater ein Buch geschrieben, das er mir bei unserem Treffen am Ground Zero zeigt: "Hotel Biz: A Memoir", seine bewegende Lebensgeschichte und seine Erinnerungen an den Sohn. Shiya Ribowsky, den ich für die Doku ebenfalls in New York traf, ist Forensiker, also einer jener Fachleute, die Angehörigen wie Hans J. Gerhardt bei der Suche nach Vermissten helfen. Ribowsky arbeitete 2001 beim New York Police Department in leitender Position als Medicolegal Investigator, also Gerichtsmediziner.

Nach dem Einsturz der Zwillingstürme wurden er und seine Kollegen gebeten, Spuren zu sichern, um die Opfer besser identifizieren zu können. Ribowsky ließ im Labor unzählige Trümmer untersuchen. Geschmolzene Armbanduhren, verbogene Schlüsselanhänger, Textilfetzen: Alles kann Hinweise auf das Schicksal Verschollener geben – und Angehörigen zumindest aus zermürbender Ungewissheit erlösen. Vielen konnte Ribowsky tatsächlich helfen, oft musste er aber auch kapitulieren. Nach sechs Jahren war er mit seinen Kräften am Ende. Ein hilfloser Helfer.

Wie eine "Marionette des Bösen" fühlt sich dagegen Arne Kruithof. Noch heute. Der Holländer führte 2001 eine florierende Flugschule in Florida. Dort bildete er den jungen Libanesen Ziad Jarrah aus – ohne zu ahnen, dass der später als Terrorpilot die entführte Passagiermaschine UA 93 steuern würde, die in Pennsylvania abstürzte. Kruithof erzählte mir während eines Fluges über der Golfküste, dass er sich noch immer fragt, warum er die Terrorpläne seines Schülers nicht erkannte, den sympathisch wirkenden jungen Mann nicht durchschaute.

Auch der US-Amerikaner Terry Holdbrooks war am 11. September 2001 noch sehr jung, mit 18 Jahren gerade mal volljährig. Terry, ein eher unpolitischer Hardrock-Fan ohne Plan für die Zukunft, verpflichtete sich freiwillig zum Militärdienst und wurde im August 2003 auf Kuba stationiert – im umstrittenen Strafgefangenenlager Guantánamo, in dem Terrorverdächtige inhaftiert wurden. Dort bewachte er unter anderem Osama bin Ladens Chauffeur, aber auch einen 16 Jahre alten Jungen aus Afghanistan, der noch nicht einmal wusste, dass die Erde rund ist. "Ich überlegte, was diese Häftlinge über den Krieg gegen den Terror wissen konnten", erzählte er mir bei unserem Gespräch in Phoenix, Arizona. "Und ich kam zu der Erkenntnis: nichts!"

Oft und lange sprach er mit Gefangenen über ihr Leben, ihre Kultur, ihre Religion, konvertierte schließlich zum Islam. Heute nennt er sich Mustafa Abdullah. Seine Hardrock-Lederkluft hat er gegen ein weißes Gewand eingetauscht, trägt Vollbart und eine Gebetsmütze. Mehrmals täglich betet er nach moslemischem Brauch, denn der Islam ist seiner Meinung nach "die bessere Religion". unglaubliche Schicksale Holdbrooks’ Geschichte klingt überraschend, verwirrend, unglaublich. Und doch sie ist nur eine von vielen, die hinter der großen Geschichte der Anschläge vom 11. September stehen.

Gemeinsam mit meinem Ko-Autor Michael Ortmann gelang es mir, für unsere Dokumentation die Erlebnisse von Menschen aufzuzeichnen, von denen man hierzulande bisher kaum gehört hat. Vielleicht auch deshalb, weil die Auswirkungen des Attentats sie erst spät und auf verschlungenen Wegen erreichten – so wie Tino Käßner. Vor drei Jahren war der Bundeswehrsoldat im Auslandseinsatz in Afghanistan, als er auf der berüchtigten Route Violet nach Kabul Opfer eines Sprengstoffanschlags wurde. Dabei verlor er seinen rechten Unterschenkel. Hätte es den 11. September nicht gegeben, nicht den "Krieg gegen den Terror", nicht den Kampf gegen die radikalmuslimischen Taliban in Afghanistan – Käßner hätte noch zwei gesunde Beine. So hat er vier spezielle Hightech-Prothesen: zum Ausgehen, zum Baden, zum Fahrradfahren und zum Klettern. Käßner ist heute kein Soldat mehr. Doch er hat ein neues Ziel, das er mit Unterstützung seiner Frau Antje erreichen will: die Teilnahme an den Paralympics – als Radrennfahrer.

Die Terroranschläge von New York haben das Schicksal vieler Menschen beeinflusst, haben es fundamental geprägt und verändert. Bei vielen haben sie aber auch den Blick geschärft, das Leben bewusster gemacht. Mir geht es ähnlich: Seit dem 11. September 2001, an dem ich stundenlang live Bilder kommentierte, deren volle Bedeutung ich damals noch nicht erahnen konnte, hinterfrage ich meine Rolle als Journalist noch kritischer – meine Arbeit und deren Qualität.“

Autor: Peter Kloeppel

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