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Jo Rühler (Tobias Moretti) und seine Frau Anja (Susanne Wolff)
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''Mobbing'': Psychodrama im Ersten - Jo Rühler (Tobias Moretti) und seine Frau Anja (Susanne Wolff) haben sich entfremdet. / Foto: © BR/Alexander Fischerkoesen

Der Terror am Arbeitsplatz

''Mobbing'': Psychodrama im Ersten

  • Artikel vom 14. Mai 2013

Sie griffen zum Strick, schluckten eine Überdosis Schlaftabletten oder setzten sich einen Revolver an die Schläfe: 35 Mitarbeiter des französischen Konzerns France Télécom nahmen sich in den Jahren 2008 und 2009 das Leben. Ursache für die mysteriöse Suizidserie war vermutlich Psychoterror durch drei Topmanager. Sie stehen derzeit vor Gericht. Ihr Motiv: Im Rahmen einer Umstrukturierung des Konzerns, bei der die Zahl der Beschäftigten deutlich reduziert werden sollte, drangsalierten sie systematisch Angestellte, um sie zu einem freiwilligen Ausscheiden aus dem Unternehmen zu drängen – und so Abfindungen einzusparen.

Die Methoden des Psychoterrors: Viele Mitarbeiter bekamen neue Arbeitsplätze an weit entfernten Orten zugeteilt, beleidigt oder ignoriert – so lange, bis sie dem Druck nicht mehr standhielten. Der Fachbegriff für dieses Vorgehen lautet Mobbing. Er leitet sich ab vom englischen Begriff "to mob" (belästigen, pöbeln) ab und steht für extreme Schikanen am Arbeitsplatz, in der Schule oder auch im Internet – wo man von Cybermobbing spricht. Erstmals definiert wurde Mobbing 1963 vom österreichischen Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der solches Vorgehen im Tierreich beobachtete.

Jetzt analysiert ein gut recherchierter Spielfilm die Folgen des Psychoterrors. In ''Mobbing'' (MI, 15.5., Das Erste, 20.15 Uhr) wird der erfolgreiche Kulturreferent Jo Rühler (Tobias Moretti) von einem Tag auf den anderen zum Hassobjekt einer neuen Vorgesetzten.

Er reagiert schockiert, gereizt, trägt viel seiner Frustration mit ins Privatleben. Mehr und mehr fühlt sich seine Frau Anja (Susanne Wolff) als Blitzableiter missbraucht: Die Liebe der beiden verwandelt sich in tiefes Misstrauen.

Das Mahlwerk des Mobbings

Als Rühler fristlos gekündigt wird, vermutet er auch dahinter eine Intrige der Kollegen und geht vors Arbeitsgericht. Doch der Prozess zieht sich endlos in die Länge – eine zermürbende Zeit, die für Anja und Jo bittere Folgen hat.

"Dem Mahlwerk des Mobbings halten die gewohnten Rollen nicht stand", weiß Autorin Annette Pehnt, deren Roman "Mobbing" Basis für den TV-Film war. "Es ist eine Extremsituation, angesiedelt zwischen Krieg und Krankheit. Zugleich ist Mobbing ein diffuser Zustand. Gerüchte, Ängste, Projektionen und Demütigungen verbinden sich zu einem Albtraum, der sich in den Köpfen festsetzt – nicht nur des Gemobbten, sondern aller Mitspieler."

Wie in Pehnts Roman werden auch im Film die schikanösen Vorgänge am Arbeitsplatz nicht geschildert. Der Zuschauer sieht nur die Folgen, vor allem Rühlers subjektive Wahrnehmung, seine quälenden Selbstzweifel: Bildet er sich alles ein? Haben sich wirklich alle Arbeitskollegen gegen ihn verschworen? Oder leidet er unter Verfolgungswahn?

Laut Martina Stackelbeck, Mitautorin von "Der Mobbing-Report. Eine Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland", waren bereits vor zehn Jahren eine Million Deutsche dem Psychoterror ausgesetzt. Der Vergleich zu heute zeigt: Mobbing nimmt zu, ist aber nicht mehr messbar, da immer mehr Menschen von anonymen Tätern im Internet bedrängt werden.

Nach Angaben des Instituts zur Fortbildung von Betriebsräten KG (ifb) sind die fünf häufigsten Methoden derzeit: "Gerüchte und Unwahrheiten" (61,8 Profilm zent), "falsche Bewertung von Arbeitsleistungen" (57,2 Prozent), "ständige Sticheleien und Hänseleien" (55,9 Prozent), "gezielter Boykott der Weitergabe wichtiger Informationen" (51,9 Prozent) sowie "massive und ungerechte Kritik an der Arbeit" (84,1 Prozent). Es folgen: Ausgrenzung, Beleidigungen, Arbeitsbehinderung, Arbeitsentzug.

Methoden, die auch im TV-Film illustriert werden. "Wir zeigen, dass Mobbing jeden treffen kann – auch einen scheinbar unangreifbaren, souveränen Mitarbeiter", so Regisseurin Nicole Weegmann. "Die Ohnmacht gegenüber den schleichend zersetzenden und zerstörerischen Mechanismen von Mobbing, das nicht Greifbare und Lösbare gehört sicher zum Schlimmsten in einer solchen Situation."

Wie man sich wehren kann

Gezieltes Mobbing endet nicht immer so dramatisch wie im Fall von France Télécom oder im aktuellen TV-Film. Die psychischen Folgen sind aber immer verheerend. Noch werden sie nicht als Berufskrankheit anerkannt, was auf ein Urteil des Hessischen Landessozialgerichts zurückgeht (Az.: L 3 U 199/11).

Jedem Mobbingopfer sollte aber bewusst sein, dass es den Attacken des Chefs und seiner Gefolgsleute nicht hilflos ausgeliefert ist. Ulf Weigelt, Fachanwalt für Arbeitsrecht, rät dazu, sich vor Augen zu führen, dass Mobbing nichts mit der eigenen Leistung zu tun hat, sondern meist darauf basiert, dass Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, firmeninterne Umstrukturierungen bevorstehen oder die eigene Stelle neu besetzt werden soll.

Die folgenden drei Schritte sind immer ratsam: In einer frühen Phase kann es hilfreich sein, ein Vieraugengespräch mit dem Vorgesetzten zu führen und den Psychoterror dabei offen anzusprechen. In späteren Stadien sollte jedes Opfer die Gemeinheiten publik machen und sich an Kollegen, die Personalvertretung und den Betriebsrat wenden. Wer klagen will, benötigt viel Kraft. Sinnvoll ist es trotzdem. Voraussetzung allerdings: Man sollte längere Zeit akribisch Protokoll über alle Anfeindungen geführt und Beweise gesammelt haben. Eine weitere wichtige Grundlage ist schlicht eine gute Rechtsschutzversicherung.


Sendehinweis: ''Mobbing''

Psychodrama: Schauspielstar Tobias Moretti als hilfloses Opfer von Schikanen im Job
MI, 15.5., Das Erste, 20.15 Uhr

Autor: Mike Powelz

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