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Regisseur Alfred Hitchcock
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Das Leben von Regisseur Alfred Hitchcock bietet zur Zeit Stoff für einen Kinofilm und eine TV-Dokumentation. / Foto: © dpa - Bildarchiv

Der Meisterregisseur zwischen Genie und Wahn

''Legenden: Porträt über Alfred Hitchcock'' im WDR

  • Artikel vom 22. März 2013

Die Schreie aus der Dusche gehen durch Mark und Bein: Immer wieder saust die Klinge auf die Frau zu, stoppt nur Millimeter vor ihrer nackten Haut. Ihre Todesangst ist echt. Die Szene nur ein Spiel. Denn die Frau ist Kinostar Janet Leigh. Und der Mann mit dem Messer Regisseur Alfred Hitchcock, der selbst zur Tatwaffe greift, weil er Angst hat, sein neuer Film ''Psycho'' könnte nicht lebensecht genug werden.

Es ist das Jahr 1959, der Meister befindet sich auf dem Zenit seiner Karriere. Mit Thrillern wie "Über den Dächern von Nizza", "Bei Anruf Mord", "Vertigo" oder "Der unsichtbare Dritte"hat er Filmgeschichte geschrieben. Nun möchte Hitchcock ein neues Genre ausprobieren und einen Gruselschocker drehen. Doch Kollegen wie Geldgeber winken ab – nicht ahnend, dass "Psycho" ein neuer Meilenstein werden wird.

Mit dieser spannenden Episode im Leben der Regielegende befasst sich nun der neue Kinofilm ''Hitchcock''. Parallel ist im TV ''Legenden - Porträt über Alfred Hitchcock'' (FR, 22.3., WDR, 23.15 Uhr) zu sehen.


Trailer zu ''Hitchcock'':


Das Phänomen Hitchcock fesselt noch immer Biografen und Fans: Als Sohn eines Kaufmanns kommt er 1899 in einem ärmlichen Stadtteil im Londoner East End auf die Welt. "Wir waren eine katholische Familie", erzählt Hitchcock später, "und in England ist das allein schon etwas Exzentrisches." Alfred ist ein dicklicher Junge, der sich nirgendwo zugehörig fühlt und ein einsames Dasein fristet: "Ich war ein Einzelgänger – kann mich noch nicht einmal daran erinnern, jemals einen Spielgefährten gehabt zu haben."

Der Junge leidet unter seinem tyrannischen Vater. Als der Fünfjährige etwas ausgefressen hat, schickt ihn das Familienoberhaupt mit einer Notiz zur Polizei, auf der steht, man solle den Kleinen zehn Minuten lang einsperren. Ein möglicher Grund dafür, warum Hitchcock sein Leben lang die Polizei fürchtet und Angst und Schuld zentrale Themen seiner Filme sind.

Als Alfred 15 ist, stirbt der Vater. Nun hat er jeden Abend am Bett der dominanten Mutter zu erscheinen und ihr zu berichten, was er tagsüber getrieben hat. Das Motiv der übermächtigen Mutter greift der Regisseur in vielen Filmen auf, in seiner gruseligsten Form in "Psycho". In späteren Jahren stellt sich Hitchcock gern als braver Bürger dar, als sympathischer britischer Großpapa. Laut Hitchcock-Biograf Donald Spoto ist das "eine sorgfältig gestaltete Täuschung".

Auch seine Ehe mit Alma Reville wirkt nie sehr romantisch. Er trifft sie in seinen Anfangsjahren beim Film in London, wo sie als Cutterin, Drehbuchautorin und Regieassistentin tätig ist und zunächst seine Vorgesetzte wird. Während er mit der unscheinbaren Alma zusammenlebt und -arbeitet, träumt "Hitch" von einem anderen Typ Frau: elegant, kühl, von sublimer Sexualität.

Seiner Fantasie entsprechen Schauspielerinnen wie Grace Kelly, die er etwa in "Bei Anruf Mord" besetzt, oder Kim Novak, die James Stewart in "Vertigo" den Kopf verdreht. Dieses Faible für "Icy Blondes", kühle Blondinen, zeigt sich früh. Doch seine Hauptdarstellerinnen behandelt der Regisseur laut Gerüchten sadistisch. In einer Zeit, in der es Begriffe wie "Stalking" und "sexuelle Belästigung" noch nicht gibt, tut er genau das: Er stellt den Frauen nach, bedrängt sie. Er lobt nie, sein oft zitierter Spruch "Schauspieler sind Vieh" spricht Bände. Frauen sind nur Projektionsfläche seiner Sehnsüchte. In seinen Filmen kann sich Hitchcock ausleben.

Die Hauptrolle in seinem Horrorfilm "Die Vögel" gibt er der bis dahin völlig unbekannten Tippi Hedren. Zu ihr baut er eine intensive Beziehung auf. Er ist ganz vernarrt in seine Neuentdeckung, hält sie systematisch von ihren Kollegen fern, belauscht ihre Gespräche, schickt ihr Blumen, versucht bei einer Autofahrt, sie zu küssen. "Hitch" hat sich nicht mehr im Griff. Die Dreharbeiten werden 1962 zum Horrortrip. Der Regisseur will echte Vögel. Sie hacken auf Tippi Hedren ein, stundenlang. Fünf Tage dauern die Aufnahmen, dann bricht Hedren weinend zusammen. Sie wird in ihre Garderobe getragen, verstört und zitternd.

Auch in "Marnie" bekommt Hedren die Hauptrolle. Für sie erneut ein Albtraum: "Während der Dreharbeiten wurde es einfach zu schlimm und zu schwierig, mit ihm zu arbeiten", sagt sie. Im März 1964 ruft Hitchcock seine Hauptdarstellerin zu sich ins Büro. Hedren erzählt später: "Er sagte, dass ich ihm von jetzt an sexuell zur Verfügung stehen sollte – wie und wann immer er wollte. Da hatte ich genug. Das war das Ende."

Schöpfer und Zerstörer

Doch der Regisseur lässt Hedren nicht aus dem Vertrag. "Ich zerstöre deine Karriere", droht er. Und tatsächlich: Wann immer ein Kollege ihr in den nächsten Jahren ein Angebot macht, lässt Hitchcock ausrichten, sie sei unabkömmlich. Wie viel unterdrückte Leidenschaft dieser Mann in seinem zeitweise 180 Kilo schweren Leib gefangen hielt, blieb sein Geheimnis. Erahnen lassen es nur seine persönlichsten Zeugnisse, seine Filme.


Sendehinweis: ''Legenden - Porträt über Alfred Hitchcock''

Sein Leben, seine Filme und seine dunklen Seiten
FR, 22.3., WDR, 23.15 Uhr

Autor: Wiebke Toebelmann

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