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Konrad Adenauer (Joachim Bißmeier) und seine Frau Gussie (Carolina Vera)
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Dokudrama ''Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung'': Konrad Adenauer (Joachim Bißmeier) und seine Frau Gussie (Carolina Vera) / Foto: © SWR/Richard Eckes

Dokudrama auf Arte und im Ersten

''Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung''

  • Artikel vom 31. Juli 2012

Es ist nicht leicht, in die Fußstapfen Konrad Adenauers zu treten. Das bekommt Schauspieler Joachim Bißmeier in diesem Moment deutlich zu spüren. Bißmeier soll gerade eine Schlüsselszene spielen. In seiner Rolle als Adenauer bittet er Gäste – alles hochrangige Parteikollegen –, an einer üppigen Kaffeetafel Platz zu nehmen. Hier will der "Fuchs aus Rhöndorf" seinen ultimativen Coup einleiten: erster Kanzler der jungen Bundesrepublik zu werden.

Während Bißmeier stolz das Wohnzimmer durchquert, knarrt unter jedem seiner Schritte laut das alte Parkett. Jenes Parkett, über das der echte Konrad Adenauer 30 Jahre seines Lebens selbst geschritten ist. HÖRZU ist exklusiv zu Gast beim Dreh zu ''Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung''. Der Film enthält Originalaufnahmen des Altkanzlers (1876 –1967) und neue Interviews mit Historikern und Adenauers Kindern. Das Herzstück aber bilden Spielszenen.


Sendehinweis:

''Konad Adendauer''
Dokudrama über den Exkanzler
DI, 31.07., 20.15 Uhr, Arte
SO, 5.8., 21.45 Uhr, Das Erste


Erstmals darf hier im Adenauer-Haus in Rhöndorf bei Bonn mit Schauspielern gedreht werden. Normalerweise ist das Gebäude, in dem Adenauer von 1937 bis 1967 lebte, ein Museum. Einige Räume sind für Besucher gesperrt. Das Drehteam aber bekam kompletten Zugang – und darf sogar das originale rot-weiß geblümte Kaffeeservice verwenden. Nach dem Tod Adenauers blieb hier alles, wie es war: die blaugraue Couch, das beige Bakelit-Telefon und die in den Wandschrank integrierte Musiktruhe, mit der Adenauer seiner geliebten Klassik lauschte.

"Es ist sehr selten, am Originalschauplatz drehen zu dürfen", sagt Hauptdarsteller Joachim Bißmeier (75, "Stauffenberg") in einer Drehpause im Gespräch mit HÖRZU. "Ich versuche, das mit ins Bewusstsein zu nehmen: Wie war er dort privat? Wie hat er sich bewegt?" Bißmeier kann jede Hilfe gebrauchen, denn die Rolle ist furchteinflößend.

Als die ZDF-Show "Unsere Besten" 2003 das TV-Volk nach dem größten Deutschen aller Zeiten fragte, hatten selbst Legenden wie Martin Luther (2. Platz) und Goethe (7. Platz) keine Chance. Unangefochten an der Spitze: der erste bundesdeutsche Kanzler Konrad Adenauer.

"Als ich den Anruf mit dem Angebot bekam, war ich geschockt: ausgerechnet Adenauer!", erinnert sich Bißmeier. "Ich wollte erst nicht. Aus Respekt. Adenauer ist so eine prägnante Figur, eine fast nicht spielbare Rolle."

Konrad Adenauer, ein Jahrhundertleben. Geboren wird er 1876, in Deutschland regiert damals noch Bismarck. Als Carl Benz seinen Motorwagen patentieren lässt, ist Adenauer bereits zehn Jahre alt. Am Ende seines langen Lebens wird er in den 1960ern noch die Beatles erleben und den Beginn des Weltraumzeitalters.

Konrad Adenauer - von den Nazis inhaftiert

Adenauer beginnt seine Karriere nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaft als Jurist. Doch nach einigen Jahren entdeckt er die Politik für sich. Im Jahr 1917 wird er als 41-Jähriger zum Oberbürgermeister Kölns gewählt. Er bleibt 16 Jahre lang im Amt, bis die Nationalsozialisten 1933 den unbequemen Lokalpolitiker absetzen und später sogar inhaftieren. Nur eine Flucht verhindert seine Deportation ins KZ. Nach dem Krieg wird Adenauer erneut Oberbürgermeister von Köln. Doch nur für wenige Monate: Die britischen Alliierten werfen den ihrer Meinung nach zu eigenmächtig Handelnden aus dem Amt.

Enttäuscht von seiner Ausbootung widmet er sich weiter der Parteiarbeit in der CDU. Nach der ersten Wahl der noch jungen Bundesrepublik, bei der die CDU ohne Kanzlerkandidaten antritt, ist Adenauer an der Spitze angekommen: Mit 73 Jahren wird "der Alte" zum ersten Bundeskanzler gewählt und bleibt es unglaubliche 14 Jahre lang. Adenauer verstirbt 1967 im Alter von 91 Jahren.

Ein Leben, das geradezu nach einer Verfilmung schreit – lange Zeit jedoch vergebens. "Konrad Adenauer" ist die erste Filmbiografie des Altkanzlers. "Es überrascht mich immer noch, dass wir die Ersten sind", sagt Regisseur Stefan Schneider. "Vielleicht erschien vielen die Figur lange Zeit einfach als zu groß."

Drehbuchautor und Grimme-Preisträger Werner Biermann (66), der auch schon an der Doku "Der Erste Weltkrieg" mitarbeitete, ergänzt: "Jeder dachte wohl, man wisse alles über ihn. Doch das Persönliche ist wenig erzählt. Seine Haft unter den Nazis, seine zwei Ehen. Wir wollen das Monument Adenauer zumindest für 90 Minuten zu einem lebendigen Menschen machen."

Keine leichte Aufgabe. Denn tatsächlich ist für viele die Figur Adenauer heute fast identisch mit dessen oft gesehener kantiger Büste: ein Betonkopf eben, der als reaktionärer Hardliner Deutschland in die Wiederbewaffnung trieb und an der Wiedervereinigung nicht interessiert war. "Ich stand ihm mein ganzes Leben lang sehr kritisch gegenüber", sagt Autor Werner Biermann, der drei Jahre an dem Projekt gearbeitet hat. "Erst durch die Recherche merkte ich, dass nicht zuletzt der ‚Spiegel‘ viele manipuliert hat. Vieles über Adenauer wurde nicht korrekt dargestellt. Ich stellte fest, dass er alles aus einer inneren Überzeugung tat. Er wollte das Beste für das Land. Rückblickend scheint es so, als hätte alles nur so kommen können, wie es kam. Doch Deutschland stand am Scheideweg, und Adenauer wusste das."

Der Film spart aber auch die negativen Züge dieses Machtmenschen nicht aus. Harmlos ist da noch die eingangs beschriebene Szene, in der Adenauer 1949 als generöser Gastgeber mit Köstlichkeiten für sich wirbt, die in den Nachkriegsjahren rar waren. Seine Abgründe offenbaren sich anderswo. Etwa in der Besprechung, in der er einen Parteikollegen, der vier Jahre im KZ gelitten hatte, vor Publikum Nazivorwürfe macht. "Im Wahlkampf war ihm fast jedes Mittel recht", erklärt Werner Biermann, der ein Buch über den Politiker plant. "Er war eben auch ein gnadenloser Manipulator bei Dingen, die ihm wichtig waren."

Insgesamt entsteht ein ungewohnt differenziertes Bild des Ur-Bundeskanzlers: Er ist nicht der Heilige, als den ihn Anhänger verehrten, aber auch nicht der Teufel, für den ihn mancher Gegner hielt. "Ich weiß nicht, ob der Zuschauer ihn sympathisch findet", sagt Regisseur Schneider. "Unser Ziel ist es, einen neuen Blickwinkel zu eröffnen."

Adenauer hätte gelacht

Für diese neue Perspektive hätte man dem Film, der nur die Jahre 1933 bis 1967 umfasst, mehr Zeit gewünscht. Ein Mehrteiler hätte noch besser jener Frage nachgehen können, die Autor Biermann so formuliert: Wie konnte es passieren, dass ein Mann mit wilhelminischen Werten aus dem tiefsten 19. Jahrhundert den modernsten deutschen Staat der Geschichte entscheidend mitprägte?

Doch auch der 90-Minüter macht selbst Adenauer-Gegnern klar: Politiker wie er sind nicht mehr vorstellbar. "Ich denke, dass es in den Parteien heute ein Raster gibt, das Stromlinienförmigkeit fördert", meint Biermann. "Gleichzeitig sind die Medien immer mit dabei, was jede Spontaneität erschwert." Was Adenauer wohl vom heutigen Polit-Medienzirkus gehalten hätte? Biermann: "Über die heutigen permanenten Beliebtheits-Rankings hätte er jedenfalls nur gelacht." Vielleicht, so der Autor weiter, steht Adenauer gerade deshalb bei jeder Befragung immer auf Platz eins.

Autor: Michael Tokarski / Thomas Kunze

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