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Alles Luege oder was Bildmanipulation

Im Mittelpunkt des Films "Alles Lüge oder was?" von Klaus Scherer stehen
gleich mehrere sogenannte "Fake News". - Foto: © NDR

Wie Fotos und Filme gefälscht werden

Können wir den Nachrichten noch trauen?

  • Artikel vom 22. Oktober 2015

Grimme-Preisträger Klaus Scherer enthüllt: Immer mehr Bilder in den Nachrichten sind manipuliert. In HÖRZU verrät er, wie Fotos und Filme gefälscht werden, wer das tut und warum.

Der Junge wirkt blass. Vielleicht weil er unsicher ist. Zwölf Jahre könnte er alt sein, manche Medien schrieben zehn, andere 14. Die Armbanduhr wirkt viel zu groß für ihn. Von der schweren Pistole, die seine Kinderhand umklammert, nicht zu reden. Neben ihm posiert ein bärtiger Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Vor ihm knien zwei kahl rasierte Männer, laut Video enttarnte russische Spione.

Der Filmclip kursierte kürzlich im Internet und wurde von deutschen Medien wie der "BZ" aufgenommen. Ist er echt? Der renommierte TV-Journalist Klaus Scherer hat da seine Zweifel. Für HÖRZU enttarnt er Foto- und Filmfälschungen wie diese: Wer genau hinsieht, erkennt bei diesen Bildern, dass die Hingerichteten offenbar alle frisch gebügelte Kleidung tragen. Der Experte des Bundesnachrichtendienstes (BND), mit dem wir die Bilder betrachten, hat sie analysiert. Wie der Junge die Waffe hebt und den Männern nacheinander auf den Rücken zielt, wie er abdrückt und sie ins Gras sinken.

Sein Fazit: "Wir können ausschließen, dass diese Männer während dieser Aufnahmen ermordet wurden." Tatsächlich sind weder Kugeln zu sehen, die den Pistolenlauf verlassen, noch Einschusswunden, wo sie hätten treffen müssen. Für einen, der täglich IS-Schockmaterial sichtet, ist das ein Indiz: Etwas stimmt nicht!


Doku von Klaus Scherer: "Alles Lüge oder was?"

Mo., 26.10.: "Alles Lüge oder was? Wenn Nachrichten zur Waffe werden", Das Erste, 22.45 Uhr


Was aber könnte der Grund für eine Inszenierung sein? Vielleicht wollte man Kinderkämpfer anwerben, so der BND-Experte, oder echte Spione abschrecken. Früher mussten Terroristen noch einen Sender finden, der ihre Propaganda ausstrahlte oder zumindest zitierte. Heute stellen sie diese einfach ins Netz.

Es tobt ein Infokrieg

Wie aber wappnen sich Qualitätsnachrichten wie BBC World, France 24 oder die "Tagesschau" der ARD gegen Fälschungen? Seit die Euphorie über das Internet verflogen ist, fassen Redaktionen den Wandel eher so zusammen: mehr Quellen, mehr Abspielwege, mehr Wahrheit, mehr Lügen.

Ein norwegisches Filmteam etwa täuschte Millionen Onlinenutzer mit einem Film, in dem angeblich zwei Kinder ins Visier syrischer Heckenschützen geraten. Tatsächlich war der Clip auf Malta gedreht worden. Mit einem Foto der Leiche des IS-Führers Abu Bakr al-Baghdadi wollte vermutlich der irakische Geheimdienst seine Gegner irreführen - das Bild erwies sich als Montage. Auch in der Ukraine tobt längst ein Infokrieg: Prorussische Aktivisten stellten das Foto eines völlig verdreckten Mädchens ins Netz, das seinen Hund umklammert - angeblich ein Opfer Kiews. In Wahrheit handelt es sich um ein Kinderporträt, das einen Fotowettbewerb in Australien gewonnen hatte.

Alles Lüge oder was
Foto: © NDR

Forensiker überprüfen das Onlinematerial akribisch

Die "Tagesschau" stellt inzwischen Mitarbeiter für Forensik ab, die Onlinematerial akribisch prüfen. Ein Handyvideo über einen Blogger, der in Saudi-Arabien mit Schlägen bestraft wurde, konnten sie verifizieren - anhand von Details: Das Wetter entsprach den Wetterdaten, die örtliche Moschee war zu erkennen, die Polizeiuniform stimmig.

Was aber, wenn derlei Details fehlen? "Wir nehmen eher in Kauf, dass wir mit einer wahren Meldung zu spät sind, als einer Fälschung aufzusitzen, nur weil es andere tun", sagt BBC-Experte Chris Hamilton und zeigt uns reihenweise Fotos, die mit Bildbearbeitungsprogrammen manipuliert wurden: vom Wirbelsturm "Sandy" über der New Yorker Freiheitsstatue bis zum Livemitschnitt aus der sinkenden "Costa Concordia", in dem Mobiliar hin und her poltert. "Man wusste aber: Das Schiff sank nicht im Sturm, es schaukelte nie", so Hamilton.

Er sieht das Problem auch bei den Usern: "Die Leute teilen Bilder, ohne zu fragen, ob sie schlüssig sind." Schon in traditionellen Medien sei es schwer, Irrtümer zu korrigieren. Im Netz brächen sie sich noch Bahn, wenn sie schon längst widerlegt seien.

Neuer Argwohn gegen Reporter

Parallel wächst der Argwohn gegenüber Journalisten: Nach dem Attentat auf die Zeitschrift "Charlie Hebdo" bedrängten Kritiker den Nachrichtenkanal France 24: Das Fluchtauto habe auf Fahndungsfotos mal schwarze und mal weiße Außenspiegel. Wenn schon das nicht stimme, dürfe man der Polizei nichts glauben. "Dabei reflektierte auf einem Foto nur der Lack das Sonnenlicht", sagt Julien Pain, Chef des France-24-Forensikteams. Er sieht etablierte Medien unter Druck. "Früher vertraute man uns, weil wir für renommierte Häuser arbeiteten. Das ist vorbei. Vor allem junge Leute misstrauen heute allen Journalisten. Gerade wir müssen nun belegen, dass wir handwerklich gut arbeiten."

In Washington treffen wir CNN-Veteran Frank Sesno, der dort an der Media School lehrt und ein düsteres Bild der Zukunft zeichnet: "Über die Hälfte der Amerikaner empfangen News heute per Smartphone." So würden Inhalte kürzer, plakativer. "Die Schleusenwärterrolle der Redaktion fällt weg. Im Netz fragt keiner: Was ist Nachricht, was Hass, was kommt ins Blatt, was auf den Müll?"

Welche Rolle spielt dabei das Publikum? "Es wird auch künftig zu schätzen wissen, welcher Wetterbericht zuverlässig ist", sagt Sesno. "Wenn es aber um Politik geht, ist das, was jeder wissen möchte, und das, was er wissen sollte, nicht unbedingt dasselbe. Wofür sich die Leute da entscheiden, sollte uns sorgen."

Autor: Klaus Scherer

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