Aktuelles
Dieter Hildebrandt und Helmut Dietl bei der Premiere von "Zettl" in Berlin.
Zur Bilderstrecke

"Zettl" (2012): Die Fortsetzung der Gesellschaftssatire verlegt Regisseur Helmut Dietl (rechts, mit Dieter Hildebrandt) nach Berlin. Der Kinofilm floppt. - Foto © picture alliance / Sven Simon

Im TV: BR-Themenabend am 17.05.

Dieter Hildebrandt feiert 85. Geburtstag

  • Artikel vom 17. Mai 2012

Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft ist ausverkauft. Heimspiel für Dieter Hildebrandt, den Doyen des deutschen Kabaretts. Fast drei Stunden lang wird er das deutsche Wesen attackieren und persiflieren. Die Themen reichen von hoher Politik über die Niederungen des Fernsehens, das Älterwerden und die Deutsche Bahn bis zu den Nationalsportarten Glückssuche und Wandern mit Walkingstöcken. Zum Finale: ein "Renter-Rap", begleitet von einem hämmernden Krückstock. Die Zuschauer jubeln. Nach der Vorstellung empfängt der 84-Jährige die Reporterin zum Interview in seiner kargen Garderobe. Auch kurz vor seinem 85. Geburtstag am 23. Mai: von Müdigkeit keine Spur.


Zum 85. Geburtstag sendet der BR am Donnerstag, 17.05., einen Themenabend mit Dieter Hildebrandt:

- "Ein Tag im Leben von Dieter Hildebrandt", 19.00 Uhr
- "Silberdisteln" (TV-Film von 1998), 19.45 Uhr
- "Kir Royal" (Folge eins), 21.15 Uhr
- "Dieter Hildebrandt - Das Beste!", 22.30 Uhr
- "Köpfe in Bayern. Dieter Hildebrandt - ein Porträt zum 85. Geburtstag", 23.30 Uhr


HÖRZU: "Kabarett kann nicht sterben, wenn es täglich von so vielen Zuschauern zu Grabe getragen wird." Das war gerade eine Ihrer Pointen. Sind die vielen jungen Leute im Publikum Beweis dafür?

Dieter Hildebrandt: Ja, eine Zeit lang blieben sie weg. Jetzt verjüngt sich das Publikum wieder.

HÖRZU: Ähnlich wie in der Politik. Was halten Sie von der Piratenpartei?

Dieter Hildebrandt: Da sammeln sich junge Leute, die große Sprüche machen und keine Ahnung haben vom politischen Geschäft. Zudem spielen sie die Jugend gegen das Alter aus – was sinnlos ist. Die Parteien brauchen beide.

HÖRZU: Über erfahrene Politiker sind Sie auch nicht glücklich, etwa über Rainer Brüderle. Warum?

Dieter Hildebrandt: Wenn sich der Herr Brüderle hinstellt und eine Rede ausgräbt, die er vor zwölf Jahren schon mal gehalten hat, wenn er darin politische Gegner als Warmduscher bezeichnet, die nur vorwärts einparken können, frage ich mich: Hält der seine Wähler für dumm?

HÖRZU: Da will einer witzig sein, bemüht abgedroschene Klischees. Das regt Sie auf?

Dieter Hildebrandt: Mich reizt alles, was davon ausgeht, dass ein Großteil des Volkes verblödet ist. Genau so werden Fragen in Sportsendungen entwickelt, genau so wird TV zusammengestellt.

HÖRZU: Einspruch: Mit "Leute, Leute!“ bekam Monika Gruber als erste weibliche Kabarettistin eine eigene Sendung.

Dieter Hildebrandt: Ich halte Monika Gruber für eine der Begabtesten, ich finde es nur leichtsinnig, ihr eine Sendung zu geben, die nicht zu ihr passt. Sie ist sonst viel schneller und bissiger. Das, was sie da zeigen darf, haben schon viele vor und nach ihr gemacht: lahme Gesellschaftskritik, die niemanden interessiert.

HÖRZU: Immerhin hebt sie die Frauenquote. Maren Kroymanns "Nachtschwester Kroymann" wurde schon vor Jahren abgesetzt, Anke Engelke und Martina Hill sind ja eher Comedians.

Dieter Hildebrandt: Ich bedaure sehr, dass es so wenig Kabarettistinnen gibt. Schließlich bin ich mit Lore Lorentz aufgewachsen, der größten Dame des deutschen Kabaretts. Und mit Ursula Herking habe ich hier bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft angefangen. Anke Engelke halte ich übrigens für genial: Sie beherrscht etwas, was nur wenige können: gute Unterhaltung mit Witz, Geist und unglaublichem Können.

HÖRZU: Warum gibt es denn so wenig Frauen im deutschen Kabarett?

Dieter Hildebrandt: Vielleicht wollen sie zu charmant sein. Wer charmant sein will, kann nicht austeilen. Vielleicht verstecken sie sich auch in den dritten Programmen und warten darauf, entdeckt zu werden.

HÖRZU: Ein weiteres Zitat von Ihnen: "Die ARD macht sich in jede Hose, die man ihr hinhält, und die Privaten senden den Inhalt." Was haben Sie gegen Das Erste?

Dieter Hildebrandt: Die ARD-Macher haben immer Bedenken mit Personen, die ihnen politisch falsch eingelocht scheinen. Ich hatte mal eine fertige Sendereihe produziert über den DDR-Unterhändler Schalck-Golodkowski mit Informationen, die keiner kannte. Der hatte zum Schluss ja rund 220 Firmen weltweit. Der Mann war ein Krimineller. Die ARD hat sich rausgeredet, ihr gefalle die Machart nicht. Das war’s aber gar nicht. Es war die Angst, Prozesse an den Hals zu kriegen. Die trauen sich auch in der Unterhaltung nichts Neues. Das ZDF ist da einen Schritt weiter.

HÖRZU: Wo schalten Sie denn beim ZDF ein?

Dieter Hildebrandt: Die "heute-show" mit Oliver Welke ist gut. Und "Neues aus der Anstalt" mit Urban Priol und Erwin Pelzig ist die beste Sendung von allen. So was hat die ARD nicht im Ansatz.

HÖRZU: Die ARD hat immerhin Dieter Nuhr.

Dieter Hildebrandt: Da schlafe ich gern ein. Eine freundliche Plaudertasche mit Altherrenironie. Kein einziger böser Satz. Das interessiert mich nicht. Genauso wenig wie Eckart von Hirschhausen, der ewige Lächler, der Überschmunzler. Diese Art von Unterhaltung mag ich nicht.

HÖRZU: Sehen Sie für sich einen Nachfolger?

Dieter Hildebrandt: Kabarettisten sind nicht zu beerben. Ich hätte gern den Wolfgang Neuss beerbt, hatte aber nicht dessen Frechheit und Temperament. Wenn ich feststelle, wie schnell er vergessen wird, kann ich mir vorstellen, wie schnell das auch bei mir gehen wird.

HÖRZU: Wenn Günter Grass ein "Gedicht" schreibt, bebt die Republik, bei Ihnen lachen 100 Leute im Saal. Grämt Sie das?

Dieter Hildebrandt: Mit der Tatsache, das ich ein Kleinkünstler bin, habe ich mich abgefunden. Außerdem: Wenn ein misslungenes Gedicht derartige Wellen schlägt, hat das weniger mit Grass zu tun als mit denen, die die Wellen machen.

HÖRZU: Sie feiern am 23. Mai Ihren 85. Geburtstag, absolvieren aber noch rund 160 Auftritte im Jahr. Haben Sie sich den Ruhestand so vorgestellt?

Dieter Hildebrandt: Ich habe fest damit gerechnet, dass ich diesen Beruf mit 70 nicht mehr ausüben werde. Dass mich die Gicht erreicht, der Alkohol besiegt, meine Glieder nicht mehr mitmachen, meine Stimme versagt, dass ich nur noch lallen und in aller Ruhe sterben werde.

HÖRZU: Dem Alkohol haben Sie abgeschworen, Ihre Kondition ist beneidenswert. Dazu passt noch ein Witz aus Ihrer Show: "Was ist optimistisch? Wenn ein 95-Jähriger zur Vorsorgeuntersuchung geht."

Dieter Hildebrandt: Das ist kein Witz, das ist eine Pointe. Eine Pointe hat den Charme des Unfertigen.

HÖRZU: Gehen Sie zur Vorsorgeuntersuchung?

Dieter Hildebrandt: Klar. Sonst würde ich nicht mehr leben.

HÖRZU: Vielen Dank, Dieter Hildebrandt, für das Interview.


Dieter Hildebrandt: Beobachter der Republik

Stationen aus dem Leben eines Spitzensatirikers:

Er begann als Platzanweiser im Münchner Nachkriegskabarett Die Kleine Freiheit, gründete später seine eigene Bühne, kommentiert bis heute die Lage der Nation.

Lach- und Schiess-Gesellschaft
1956 gründet Dieter Hildebrandt mit Sammy Drechsel das Kabarett Münchner Lach- und Schießgesellschaft.

"Notizen aus der Provinz"
Von 1973 bis 1979 sendet Hildebrandt im ZDF "Notizen aus der Provinz". Der bekennende SPD-Wähler schießt dabei besonders gern und scharf gegen Politiker aus CSU und CDU.

"Scheibenwischer"
23 Jahre lang, von 1980 bis 2003, hält Hildebrandt der Nation in der ARD-Sendung "Scheibenwischer" den Spiegel vor.

1986: "Kir Royal"
Franz Xaver Kroetz spielt den Reporter Baby Schimmerlos, Hildebrandt seinen Fotografen. Die ARD-Reihe bietet Satire vom Feinsten.

2012: "Zettl"
Die Fortsetzung der Gesellschaftssatire verlegt Regisseur Helmut Dietl nach Berlin. Der Kinofilm floppt.

Autor: Angela Meyer-Barg

Anzeige