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"Der Hungerwinter" - Dreharbeiten bei Minustemperaturen und Schneefall.
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Fotos © NDR/Le Vision/Stefan Erhard, © NDR/Le Vision, © NDR/akg-images/Tony Vaccaro

Die große Doku im Ersten

Deutschlands härtester Winter

  • Artikel vom 26. Dezember 2009

TV-Tipp: "Hungerwinter" (So, 27.12., 21.45 Uhr, Das Erste)
Doku von Gordian Maugg und Alexander Häusser

Dezember 1946, Hamburg. Der zehnjährige Günther und sein ein Jahr älterer Bruder Klaus sind bei Eiseskälte viele Kilometer gelaufen. Dann entdecken sie ein Bauernhaus. Davor wacht ein Hund an der Leine. Während Klaus den Hund ablenkt, läuft Günther los. Einmal fällt er, das Herz pocht, der Hund schaut. Günther rappelt sich auf, schafft die zwanzig Meter zur Tür. Der Bauer ist so überrumpelt, dass er den Jungen ein Stück Fleisch mitgibt. "Den Geruch des Bratens habe ich noch heute in der Nase", sagt Günther Kammeyer (73). Der Essensduft hat sich so eingeprägt, weil er die große, glückliche Ausnahme war: "Ich habe erfahren, dass Hunger und Kälte Schmerzen verursachen. Man fühlt: Du bist an einem Punkt angelangt - leben oder sterben."

Lebensmittelmarken für 700 Kalorien pro Tag

So zeigt es das Dokudrama "Hungerwinter" im Ersten (27.12., 21.45 Uhr), das sechs Einzelschicksale in Gesprächen mit Zeitzeugen in den Mittelpunkt rückt und in einfühlsamen Spielszenen nachstellt. Die Erfahrung des Mangels prägte eine ganze Generation: Später konnten viele selbst in Überfluss-Zeiten Essensreste nie wegwerfen. Begründung: "Das ist doch noch gut."

In der Rückschau wird diese Einstellung verständlich: Nach dem von Nazi-Deutschland verschuldeten Krieg lagen große Teile Europas in Trümmern. In Deutschland war die Hälfte des Wohnraums verwüstet, die Infrastruktur zerrüttet, der Handel kollabiert. "Die deutsche Wehrmacht selbst hatte auf dem Rückzug viele Eisenbahnbrücken zerstört und so die wichtigsten Verkehrsadern gekappt", erklärt der Marburger Historiker Prof. Reinhard Neebe. "Außerdem waren nur noch wenige Loks intakt. Die Transportkrise verschärfte die Hungerkrise enorm." Die Alliierten gaben die wenigen Lebensmittel nur rationiert über Marken aus. Jeden Monat weniger. Im August 1946 waren es 1450 Kalorien pro Tag, im März 1947 nur noch 700. Zum Vergleich: 1936 schätzte der Völkerbund 3000 Kalorien täglich als ausreichend ein.

Im Dezember kam die erste arktische Frostwelle. Das Thermometer sank nachts auf bis zu minus 18 Grad. Tagsüber waren in Schulen die Klassenzimmer voll, obwohl die Tinte in den Fässern gefror. Grund: Die Kinder warteten auf die Schulspeise, süßen Brei.

Zeitzeugen erinnern sich an den harten Winter 1946/47.

Autor: Dagmar Weychardt

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