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''Der Turm'': der große TV-Zweiteiler im Ersten
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''Der Turm'': der große TV-Zweiteiler im Ersten: Die Chirurgen Thomas Wernstein (Christian Sengewald) und Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers) lachen mit Oberschwester Liselotte (Ramona Kunze-Libnow) über einen gelungenen Streich. / Foto: © MDR/teamWorx/Nik Konietzny

Romanverfilmung über das Ende der DDR

''Der Turm'': der große TV-Zweiteiler im Ersten

  • Artikel vom 03. Oktober 2012

Ausgiebig schwenkt die Kamera über die bürgerliche Behaglichkeit des Dresdner Intellektuellenviertels "Weißer Hirsch": In den Altbauwohnungen knarrt das Parkett, die Bücherwände sind opulent, zu Weihnachten trifft man sich bei Gans und Kerzenschein. Die Diktatur bleibt ausgesperrt. Familienober- haupt Richard Hoffmann, ein anerkannter Chirurg, fühlt sich so sicher, dass er meint, das System veralbern zu können: Hebt sein Vorgesetzter während der Weihnachtsfeier an, den Sozialismus zu preisen, inszeniert er einen Notfalleinsatz – und entflieht auf die Station. Im Zimmer des angeblich Kranken halten sich dann alle die Bäuche vor Lachen.

Das Porträt einer untergehenden Zeit am Beispiel einer weit verzweigten Familie – nicht mehr und nicht weniger will Uwe Tellkamp in seinem Roman "Der Turm" zeichnen. Das Fernsehen macht daraus ein Panorama der untergehenden DDR, in dem es nur eine Botschaft gibt: Den Zwängen einer Diktatur entkommt keiner, und sei er noch so privilegiert.

Chirurg Hoffmann (Jan Josef Liefers) gerät ins Visier der Stasi, weil er früher als IM einen Kollegen verpfiff. Fortan wird er mit seiner heimlichen Beziehung zu einer Kollegin erpresst. Seine Frau Anne (Claudia Michelsen) erkennt langsam, dass das Fundament ihres Lebens Risse zeigt. Auch ihr schöngeistiger Bruder, der Lektor Meno Rohde (Götz Schubert), erfährt schmerzlich, dass die Welt da draußen anders aussieht als in seinen Romanen. Die regimekritische Schriftstellerin Judith Schevola, mit der er eine weinselige Nacht verbringt, darf nicht publizieren.

Einzig an Menos junger Nichte Ina Rohde (Stephanie Stumph) perlen die Bedrängnisse des Arbeiter- und Bauernstaates ab: Sie will heiraten, ihr Glück im Privaten suchen. Das ist ihr Perspektive genug. Bleibt noch Arztsohn Christian (Sebastian Urzendowsky), Sprössling von Anne und Richard Hoffmann. Weil er wie der Vater Medizin studieren will, verdingt er sich bei der Nationalen Volksarmee (NVA), erlebt dort aber nur Schikane und Demütigung.

Uwe Tellkamps Geschichtspanorama will demonstrieren: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Die DDR zeigt kurz vor ihrem Ende noch einmal die hässliche Fratze der Diktatur, die Lebenslügen der Protagonisten sind auch durch verzweifelte Verbiegungen und Opfergänge nicht zu halten.

Sehnsucht nach Freiheit

Was die Verfilmung des 1000-Seiten-Werkes so eindringlich macht, ist die lebendige Beschreibung des DDR-Alltags. Die Atmosphäre stimmt bis ins letzte Detail, die Schauspieler, fast alle in der DDR geboren und aufgewachsen, treffen mit traumwandlerischer Sicherheit den richtigen Ton. Regisseur Christian Schwochow (33), auf Rügen geboren und zur Zeit der Wende gerade mal elf, erinnert die Sehnsucht, die ihn befiel, wenn seine Familie vom Ostseestrand aus die weiße Fähre Richtung Schweden verfolgte. Einmal an Bord dürfen!

Claudia Michelsen, Jan Josef Liefers und Götz Schubert konnten das Gefühl von Freiheit bereits vor der Wende kosten: Dank des deutsch-deutschen Kulturabkommens drehten sie 1988 in Paraguay "Die Besteigung des Chimborazo", eine Filmbiografie über Humboldt. "Das hat alles auf den Kopf gestellt", so Liefers. "Damals kam ich zurück und wusste: Da draußen ist die weite Welt, da will ich hin."


Uwe Tellkamp und sein Werk "Der Turm"

Autor Uwe Tellkamp

Der deutsche Schriftsteller Uwe Tellkamp gewann 2008 mit seinem Roman "Der Turm" den Deutschen Buchpreis. / Foto: © dpa - Report

Tellkamp, 1968 in Dresden geboren, verarbeitet in "Der Turm" seine eigene Biografie: Er verlor nach dem Wehrdienst in der NVA wegen politischer Unzuverlässigkeit seinen Medizinstudienplatz, wurde 1989 inhaftiert, nahm nach der Wende das Studium wieder auf und arbeitete bis 2004 an einer Klinik in München. "Der Turm" wurde mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.


Es gibt keine Stasi-Verhöre in diesem Film, keine Folterungen, keine Dunkelhaft, es gibt lediglich graue Herren, die in grauen Akten blättern und fast beiläufig die Schlinge enger ziehen. Einschneidend sind die privaten Katastrophen, die härter treffen als jede Drohgebärde der Funktionäre. Josta (Nadja Uhl), die Geliebte Hoffmanns, begeht einen Selbstmordversuch, nachdem er sie auf Druck der Stasi verlassen hat. Aber das Opfer des Karrieristen zahlt sich nicht aus – befördert wird trotzdem ein anderer. Literaturfreund Meno Rohde erlebt, wie sein Schützling mundtot gemacht wird: Als er das Manuskript der jungen Autorin in den Westen schmuggeln will, gerät er in die Turbulenzen der Wendedemonstrationen. Der Intellektuelle unter den Stiefeln der Volkspolizei – härter kann das Erwachen aus dem Elfenbeinturm nicht aussehen.

Und doch liegt auch Wärme über diesem Abgesang auf ein untergehendes Land. Eine Verbundenheit unter den Menschen wird gezeigt, die auch die gebürtige Dresdnerin Claudia Michelsen noch erlebte. "Wir hatten alle Zettel mit Bleistifen an der Tür hängen. Da konnte man Nachrichten hinterlassen und Verabredungen treffen. Wir haben uns ganz spontan besucht, das war üblich so!"

Was sie alle bis heute verbindet, ist das Fernweh. Michelsen, die bis zu ihrem 20. Lebensjahr Funkerin bei der Handelsflotte werden wollte, lebte später einige Jahre in den USA. Jan Josef Liefers fuhr nach der Wende mit seinem besten Freund auf dem Rad von Vancouver nach Los Angeles. Und Regisseur Schwochow bestieg endlich die schneeweiße Fähre nach Schweden. "Heute bin ich mit einer Finnin verheiratet. Die Richtung hat also gestimmt."


Sendungshinweis: ''Der Turm''

Die letzten Jahre der DDR am Beispiel einer Dresdner Familie.
Teil 1: Mi 3.10., Das Erste, 20.15 Uhr
Teil 2: Do 4.10., Das Erste, 20.15 Uhr

Autor: Angela Meyer-Barg

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