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Gegen einen ausgewachsenen Carcharodontosaurus hat ein junger Paralititan keine
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Gegen einen ausgewachsenen Carcharodontosaurus (rechts) hat ein junger Paralititan (links) keine Chance (Nord-Afrika vor 95 Millionen Jahren). - Foto © ZDF / BBC Computer-Generated Image

Im TV: Doku "Terra X – Der Dino-Planet"

Auf der Spur der Dinosaurier

  • Artikel vom 16. Juni 2012

Das menschliche Auge braucht Vergleiche. Wie gigantisch etwas ist, zeigt sich am besten im Verhältnis zu etwas Kleinerem. Einen besonders skurrilen Kontrast hätte man in der Kreidezeit in Südamerika sehen können: Dort lebte damals der Argentinosaurus, das gewaltigste Landtier aller Zeiten, ein Koloss, 35 Meter lang, 75 Tonnen schwer. Seine Fußstapfen waren so tief, dass sie zur Falle für kleinere Saurier und Säuger wurden. Einmal hineingestürzt, gab es für sie kein Entkommen.


Im TV-Programm

"Terra X – Der Dino-Planet"
17. Juni: Erste Folge der dreiteiligen Reihe: "Kampf der Giganten"; ZDF, 19.30 Uhr
24. Juni Zweite Folge der Doku-Reihe: "T-Rex und seine Brüder"; ZDF, 19.30 Uhr
08. Juli Dritte Folge der Doku-Reihe: "Gefiederte Drachen"; ZDF, 19.30 Uhr


Auch in mit Ablagerungen gefüllten Dino- Fußabdrücken in China fanden sich die Fossilien von etlichen Klein- und Jungtieren, die darin umgekommen waren. Diese und viele andere verblüffende Szenen rekonstruiert die dreiteilige Doku "Terra X – Der Dino-Planet" (ab 17.6., 19.30 Uhr, ZDF; siehe TV-Tipp rechts), die das ZDF gemeinsam mit der BBC produzierte.

Eindringlich zeigt die dreiteilige Reihe aber auch, dass das Leben der Riesenechsen kein leichtes war. Auf allen Kontinenten führten sie einen Kampf der Giganten: In Südamerika hatte der Riesenvegetarier Argentinosaurus den fleischfressenden Mapusaurus zum Feind, in Afrika belauerten sich der gierige Carcharodontosaurus und der 30 Meter lange Pflanzenfresser Paralititan. "Die Raubsaurier sind den großen Pflanzenfressern hinterhergewachsen“, sagt Bernd Herkner, Paläontologe und Leiter des Senckenbergmuseums in Frankfurt am Main. Der renommierte Dinosaurier-Experte sichtete vorab für HÖRZU die ZDF-Doku und beurteilt, wie wahrscheinlich ihre spektakulären Animationen sind.

"Außer Frage steht: Je größer ein Pflanzenfresser war, desto weniger angreifbar war er", so Herkner. "Zur Nahrungsaufnahme musste ihm jedoch ein riesiges Areal zur Verfügung stehen. War dies der Fall, wurde seine Größe zum Vorteil. Da gilt das Prinzip: Fünf Tonnen Elefant fressen weniger als fünf Tonnen Mäuse." Auch die Fleischfresser mussten mühsam ihr Überleben sichern: Der Carcharodontosaurus, mit 13 Metern und sieben Tonnen gewaltiger als der T. Rex, kämpfte gegen Artgenossen, um sein Jagdgebiet und seine Beute für sich zu behaupten. Seinen Tagesbedarf schätzt man auf immerhin 60 Kilo Fleisch. Ein kapitales Exemplar dürfte im kreidezeitlichen Nordafrika ein Revier von 500 Quadratkilometern beansprucht haben. Mit bis zu 16 Zentimeter langen Zähnen bekriegten sich die Räuber buchstäblich bis auf die Knochen – sehr zur Freude der Paläontologen.

Verletzungen solcher innerartlichen Kämpfe sind nämlich anhand von fossilen Belegen nachweisbar: Die Zähne des Gegners hinterließen Furchen und Löcher an Schädelknochen. "Manche Schlüsse in der Doku sind allerdings gewagt", so Experte Herkner. Beispielsweise jener zur Beißkraft der Dinosaurier. "Dafür muss man ein sogenanntes Elastizitätsmodul annehmen, und das kennt man von Dinosauriern nicht", so Herkner. "Bei den Angaben behilft sich die Forschung mit Vergleichswerten von lebenden Tieren und sagt – ich vereinfache jetzt: 'Hätte der Dinosaurier das Elastizitätsmodul eines Rinds gehabt, hätte seine Beißkraft den Wert XY erreicht.' Das ist zwar nicht frei erfunden, aber die Grundlage ist sehr schwammig."

Der Reiz, selbst kühne Vermutungen in bewegte Bilder umzusetzen, war für die Macher der Doku wohl einfach zu verlockend. In den Computeranimationen sieht es eben spektakulärer aus, wenn ein Allosaurus sein Maul so weit öffnen kann, dass sein Oberkiefer wie eine Axt auf sein Opfer niederfährt. Verblüffend, aber eher vage belegt sind auch die Bilder eines Spinosaurus, der Fische aus einem reißenden Fluss schnappt wie ein hungriger Grizzly auf Lachsjagd. Dank der hoch am Kopf liegenden Nasenlöcher habe er sogar sein Maul ins Wasser halten und gleichzeitig atmen können – so die These der Doku. Bernd Herkner: "Ich würde nicht darauf wetten, dass es wirklich so war." Sicher ist allerdings: Der Spinosaurier war nicht nur ein Fleisch-, sondern auch ein Fischfresser und hatte damit gegenüber anderen Saurierarten, die sich einseitig ernährten, einen Vorteil. Von seinem Fischkonsum zeugen Wirbelreste und Zähne riesiger Sägefische, die in Kiefern von Spinosauriern gefunden wurden.

Im Brustkorb eines anderen Exemplars fand man Überreste eines Fisches namens Lepidotus, die teilweise verdaut schienen. Eine chemische Analyse von Sauerstoffisotopen aus Zähnen des Spinosaurus ergab zudem, dass er sich oft an Gewässern aufhielt. Am Ende der Dokureihe wird der Zuschauer Zeuge jenes Meteoriteneinschlags, der die Dinos vor 65 Millionen Jahren auslöschte: Eine gigantische Staubwolke schirmte monatelang Sonnenlicht ab. Folge: ein massives Pflanzensterben, durch das die gesamte Nahrungspyramide zusammenbrach.

Mehr als 60 Prozent aller Spezies der Erde raffte die Katastrophe dahin, an Land überlebte kein Tier, das über 25 Kilo wog. Für das Ende der Dinosaurier war damit genau jener Faktor ausschlaggebend, für den sie von uns wohl am meisten bestaunt werden: ihre enorme Größe.

Autor: Dirk Oetjen

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