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Die schwangere Pfarrerstochter Maria (Leonie Benesch)
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''Das Jerusalem-Syndrom'' im Ersten: Die schwangere Pfarrerstochter Maria (Leonie Benesch) glaubt, den Messias unter dem Herzen zu tragen. / Foto: © SWR/Vered Adir

Wahnsinn in der Heiligen Stadt

ARD-Thriller ''Das Jerusalem-Syndrom''

  • Artikel vom 11. Dezember 2013

Es gibt Orte, die so viel Magie verströmen, dass sie uns ganz in ihren Bann schlagen. Manche Menschen entwickeln dort Visionen. Andere sogar eine Art Wahn. Jerusalem ist so ein Ort. Die heiligen Stätten und die mystische Atmosphäre der Stadt ergreifen alle, Gläubige wie Ungläubige. Einige bringen sie buchstäblich um den Verstand: Fromme Christen, aber auch Juden fallen in eine Art Delirium und halten sich für die Inkarnation biblischer Gestalten: der Jungfrau Maria – oder gar Jesu. Meist handelt es sich dabei übrigens um Protestanten, weniger um Katholiken.

"Ich bin diesem Zustand des religiösen Wahns in Israel schon ein paarmal begegnet", erzählt Regisseur Dror Zahavi. "Der Realitätsverlust und die schizophrene Lage, die damit einhergehen, sind auch filmisch reizvoll." Zahavi, der selbst in Israel aufwuchs und sich mit Filmen wie "Die Luftbrücke" einen Namen machte, beschloss, ''Das Jerusalem Syndrom'' (MI, 11.12., Das Erste, 20.15 Uhr) zum Thema eines TV-Thrillers zu machen.

Seine Geschichte ist ebenso fesselnd wie fantastisch: Die Biologin Ruth Gärtner (Jördis Triebel) ist fassungslos, als sie ihre Schwester in der Psychiatrie wiedersieht. Maria (Leonie Benesch), eine Pfarrerstochter, ist hochschwanger und überzeugt, den Erlöser zur Welt zu bringen. Als Ruth sie abholen will, ist Maria verschwunden. Mit dem Psychiater Uri Peled (Benjamin Sadler) sucht Ruth in Jerusalem nach ihrer Schwester, stößt auf eine christliche Sekte und gerät in Lebensgefahr.

Das Jerusalem Syndrom

Dr. Uri Peled (Benjamin Sadler) will Ruth (Jördis Triebel) helfen, ihre Schwester zu finden. / Foto: © SWR/Vered Adir

"Ich wollte keinen Film, der den Schauplatz Jerusalem nur als Kulisse nutzt, wie es etwa die Donna-Leon-Krimis mit Venedig tun, sondern einen, der ganz konkret mit Israel zu tun hat", erklärt Regisseur Zahavi. Im Film wird nun neben Deutsch und Englisch auch Hebräisch gesprochen, mit Untertiteln. "Eine mutige, weise Entscheidung", lobt Zahavi, "für eine authentische Wirkung ungemein wichtig."

Hauptdarstellerin Jördis Triebel, die für die Dreharbeiten zum ersten Mal in Israel war, ergänzt: "Wir zeigen Bilder von Jerusalem, wie man sie so sonst nicht sieht. Die Farben, die Atmosphäre sind fast greifbar. Jerusalem bietet so viele Eindrücke, die einen tief berühren, aber auch erschrecken. Man spürt, dass hier Aggressionen schwelen, die leicht explodieren können. ‚Das Jerusalem-Syndrom‘ war mir völlig neu, umso interessanter schien mir das Thema."

Der Wissenschaft ist das Phänomen schon länger ein Begriff. Zwar ist das Jerusalem-Syndrom keine offiziell anerkannte Diagnose, weshalb es auch keine zuverlässige Statistik gibt. Die Anzahl der Betroffenen soll aber zwischen 50 und 100 pro Jahr liegen. Zu Feiertagen wie Weihnachten hat der Wahn Hochsaison.

Das Jerusalem Syndrom

Der fromme Fanatiker Peter (Clemens Schick) schmiedet für Maria und ihr ungeborenes Kind finstere Pläne. / Foto: © SWR/Vered Adir

"In der Regel sind die Patienten harmlos und stellen keine unmittelbare Gefahr für sich oder andere dar", betont Dr. Pesach Lichtenberg, Leiter der Psychiatrie des Herzog-Krankenhauses Jerusalem. Sein erster Fall sei 1986 der einer deutschen Touristin gewesen, die die Ankunft Jesu verkündete, erzählt der 54-Jährige. "Wie fast alle meine Patienten litt sie schon vorher an einer mentalen Störung."

Nackt in der Wüste

Da gab es etwa auch den US-Bodybuilder, der sich für Samson hielt und die Klagemauer zerlegen wollte. Oder einen in der Wüste aufgegriffenen Nacktwanderer, der glaubte, er sei Johannes der Täufer. "Aber dass ganz normale Touristen ohne Vorbelastung so von Jerusalem überwältigt sind, dass sie psychotisch werden, halte ich für einen Mythos", sagt Lichtenberg.

Die meisten beruhigen sich schon nach wenigen Tagen. Ein Ausnahmefall war der australische Tourist Denis Michael Rohan, der 1969 die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg in Brand steckte, um sie für eine Rückkehr Jesu neu wieder aufzubauen. Rohan wurde für unzurechnungsfähig erklärt.

Auch andere Weltstädte können einen akuten Kulturschock und psychotische Schübe auslösen. Die Heilige Stadt aber ist dafür prädestiniert: "Du kannst Gott von überall anrufen", sagt ein Sprichwort, "in Jerusalem ist es ein Ortsgespräch."

Das beste Mittel, den Bann zu brechen, ist laut Dr. Lichtenberg übrigens ganz simpel: "Wir raten allen Betroffenen, die Stadt schnellstens zu verlassen."

Autor: Ulrike Schröder

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