60 Jahre ARD
Helga (Marie-Luise Marjan) und Hans Beimer (Joachim Hermann Luger)

Helga (Marie-Luise Marjan) und Hans Beimer (Joachim Hermann Luger), Foto © WDR/Hornung

Das große HÖRZU-Spezial: 60 Jahre ARD

Deutschlands berühmteste Serie: die "Lindenstraße"

  • Artikel vom 09. April 2010

Eine brave Hausfrau mordet im Affekt. Ein lesbisches Paar dringt wochenlang in eine leer stehende Wohnung ein, um sich dort zu lieben. Zwei Nachbarn, die sich schon als Kinder küssten, finden nach 20 Jahren endlich zueinander. Das sind nur drei von vielen aktuellen Höhepunkten aus Deutschlands legendärer Langzeitserie, der "Lindenstraße".

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Mehr über die "Lindenstraße" bei HÖRZU:

Hauptdarstellerin Marie-Luise Marjan im Interview

"Lindenstraße"-Erfinder Hans W. Geißendörfer im Interview

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Fast 25 Jahre alt – und kein bisschen leise: Der TV-Klassiker sorgt wie eh und je für Schlagzeilen – etwa dank politischer Provokationen. So regte sich jüngst, im Februar 2010, die FDP auf. Denn in der Serie kritisierte Jimi Stadler (Christian Rudolf): "Unsere Super-FDP steckt’s den Hoteliers und Ärzten hinten und vorne rein." Prompt erzürnte sich ein Parteisprecher über "einseitige Parteinahme". Die ARD lässt das kalt. Ihre Haltung: Reaktionen aus der Politik sind das beste Zeichen dafür, dass die "Lindenstraße" wahrgenommen wird.

Eine Konstante seit 25 Jahren

In den letzten 25 Jahren hat die Serie immer wieder Stellung zu politischenpolitischen Themen bezogen – etwa, wenn Schauspieler eine US-Flagge in den Papierkorb steckten oder den CSU-Politiker Peter Gauweiler als Faschisten bezeichneten. Letzterer klagte, scheiterte jedoch vor Gericht. Den Produzenten Hans W. Geißendörfer (69, "Der Zauberberg") freut das: "Die ‚Lindenstraße‘ ist nahe dran an dem, was die Leute bewegt. Sie verzichtet auf Effekthascherei, und sie geht auf aktuelle Ereignisse ein."

Doch was ist das Erfolgsgeheimnis? Warum schalten nach wie vor 3,5 Millionen Zuschauer jeden Sonntag um 18.50 Uhr eine Serie ein, die der "Spiegel" kürzlich als "Panoptikum der Piefigkeit" verunglimpfte? Im Internet sowie bei Wiederholungen sind es übrigens noch einmal bis zu 3,5 Millionen Fans im In- und Ausland. Wie schafft es die "Lindenstraße", ein so breites Publikum zu begeistern: Jugendliche und Ältere, Familien und Singles, Arbeiter und Akademiker? Ganz einfach: Weil sie der Realität mit Chuzpe begegnet. Weil sie eine Konstante im Leben vieler Bundesbürger geworden ist. Weil sie ihre Zuschauer begleitet und ihnen vor Augen führt, wie die lieb gewonnenen Figuren mit ihnen hoffen und scheitern, stark und schwach sind, erwachsen, reif und älter werden.

Aus Folge 1, die am 8. Dezember 1985 ausgestrahlt wurde, sind noch immer sechs Figuren dabei: Dr. Dressler (Ludwig Haas), Helga Beimer (Marie-Luise Marjan), Hans Beimer (Joachim Hermann Luger), Klaus Beimer (Moritz A. Sachs), Vasily Sarikakis (Hermes Hodolides) und Gabi Zenker (Andrea Spatzek).

"Der kleine Klaus Beimer war in Folge 1 gerade mal sechs Jahre alt", so Geißendörfer. "Inzwischen ist er 31." Am Beispiel von Klausi lässt sich gut ein weiteres Erfolgsgeheimnis erklären: Die Serie präsentiert keine hippen Teenager, die in gestylten Top-Wohnungen leben. Sie zeigt ihre Figuren liebevoll, aber lebensnah im "natürlichen Umfeld". Ihre Wohnungen haben ganz normales Durchschnittsmobiliar.

Auch deshalb ist die Produktion vergleichsweise günstig: 185.000 Euro kostet jede Folge. Schauspieler wie etwa Moritz A. Sachs werden nicht vom Bildschirm verbannt, wenn sie dem aktuellen Schönheitsideal "schlank & sportlich" nicht mehr entsprechen. Realismus pur eben. "Du sollst doch im Bett bleiben, Klausi!" An ihren ersten Seriensatz kann sich Marie-Luise Marjan (69) noch heute erinnern. Die Schauspielerin, die durch die Serie zur Mutter der Nation wurde, ist überzeugt: "‚Lindenstraße‘ macht süchtig! Außerdem schafft sie eine starke Publikumsbindung. Noch heute bekommt selbst das kleinste Blatt sein Interview."

Autor: Mike Powelz