60 Jahre ARD
Götz George ist Horst Schimanski
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Götz George als Horst Schimanski, Foto © WDR/Uwe Stratmann

Das große HÖRZU-Spezial: 60 Jahre ARD

"Der Tatort" im Wandel der Zeit

  • Artikel vom 12. April 2010

Tatort: mitten in Köln-Porz, vor der ehemaligen Hertie-Filiale, März 2010. Ein Gangster brüllt herum, droht, tritt gegen den Polizeiwagen. Und dann kommt er: Schimanski, Ex-Bulle, im wahren Leben Götz George, Schauspieler. Doch jetzt gerade macht das keinen Unterschied. George ist Schimi. Zum 45. Mal schlüpft er in die Rolle, wenn auch inzwischen als "unabhängiger Ermittler" außer der Reihe. Sozusagen in einem Edel-"Tatort" – was Georges Sonderstellung seit 29 Jahren voll und ganz entspricht. Die Figur des unangepassten Schimanski, 1981 das erste Mal auf Sendung, ist überlebensgroß. Und die erfolgreichste Erfindung einer Fernseh-Institution namens "Tatort", die auch sonst an Superlativen reich ist.

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Ein Blick hinter die Kulissen eines "Tatort"-Drehs

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Sonntagabend in Deutschland: Jeder vierte Zuschauer bleibt regelmäßig "in der ersten Reihe" hängen und guckt die älteste Krimireihe im TV. Seit der erste Fall "Taxi nach Leipzig" am 29. November 1970 ausgestrahlt wurde, gehört das zum Wochenend-Ritual. Ende April 2010 läuft die 775. Folge. Stattlich auch die Anzahl der Ermittler: 73 Kommissare beziehungsweise Teams wirkten bisher mit. Ende 2010 kommen vier weitere dazu. Die meisten Fälle haben die bayerischen Hauptkommissare Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) gelöst, 54-mal kamen sie zum Einsatz. Die meisten Zuschauer fuhr 1980 Hans Jörg Felmy als Kommissar Haferkamp ein: mehr als 24 Millionen! Das war selbst in Zeiten, in denen es nur drei Programme gab, eine Sensation.

Aktuell ist Maria Furtwängler als Single-Kommissarin Charlotte Lindholm die Quotenqueen. 10,22 Millionen schauten bei ihrer Premiere "Lastrumer Mischung" zu, 9,2 Millionen sind es seither im Schnitt. Furtwängler, vor dem "Tatort"-Eintritt mäßig bekannt, ist noch immer "überrascht, wie wichtig diese Figur für die Leute ist". Sie hat ihre Karriere jedenfalls beflügelt, zumindest für einen TV-Schauspieler geht kaum mehr: "Die Hauptrolle im ‚Tatort‘ ist der Ritterschlag im Fernsehen", sagt Furtwängler.

Das wissen auch die Macher. Einflussreich im Hintergrund ist Gebhard Henke, der beim Westdeutschen Rundfunk in Köln arbeitet. Er koordiniert die "Tatort"-Termine der neun Sender, achtet darauf, dass es keine thematischen Doubletten gibt, und entscheidet über Wiederholungen. Nach dem Erfolgsrezept des Krimiklassikers befragt, nennt Henke zwei wichtige Zutaten: "Der ‚Tatort‘ ist sich immer treu geblieben und hat sich gleichzeitig weiterentwickelt: in Kamerasprache und Themenfindung. Es ist wie in einer guten Ehe: Man braucht Beständigkeit und Abwechslung zugleich." Die meisten Zuschauer hätten ihre Lieblings-Kommissare und seien stark an deren Privatleben interessiert. Trotzdem gilt seit jeher die eherne Regel: "Das Privatleben der Ermittler darf nicht mehr Raum einnehmen als der Fall."

Charakter und Schnauze

Am stärksten haben sich im Lauf der Zeit die Figuren der Kommissare verändert: Charlotte Lindholm ist alleinerziehende Mutter eines Zweijährigen, Vater unbekannt. Sie lebt in einer WG, kann nicht kochen, dafür brillant kombinieren und mit der Waffe umgehen. In ihrer Vita spiegelt sich die aktuelle Lebensrealität wider. Lindholm scheint Lichtjahre entfernt vom Polizistentyp der Anfangsära. Als vor vier Jahrzehnten Kommissar Trimmel ins "Taxi nach Leipzig" stieg, um heimlich hinter der deutsch-deutschen Grenze zu ermitteln, zeigte er sich als bärbeißiger, aufbrausender Staatsdiener, der Verdächtige duzte. Der TV-Ermittler wirkte so echt, dass Trimmel-Darsteller Walter Richter oft auf der Straße gegrüßt wurde: "Guten Morgen, Herr Kommissar."

Echte Polizeibeamte befürchteten sogar einen Imageschaden durch Trimmels Verhalten. Sie beschwerten sich über seine häufigen Flüche, seine Vorliebe für Schnaps – und riefen nach Zensur. Die Senderverantwortlichen aber blieben standhaft. Hatten sie doch ein Gegenstück zum immens erfolgreichen ZDF-"Kommissar" Erik Ode gefunden. Zugleich war klar, dass Charaktertypen mit Schnauze und unkonventionellem Privatleben hohe Einschaltquoten garantieren. Hier konnte die komplizierte Struktur der ARD mit ihren vielen regionalen Sendern endlich zum Vorteil werden – und der "Tatort" zum Krimi mit viel Lokalkolorit und so vielen Charakter-Kommissaren wie Funkhäusern.

Autor: Sabine Goertz-Ulrich