Psychologie
Star-Mediziner Prof. Dietrich Grönemeyer

Star-Mediziner Prof. Dietrich Grönemeyer wirft einen neuen Blick auf unser wichtigstes Organ. - Foto © picture-alliance / Sven Simon

Wechselspiel von Psyche und Herzgesundheit

Prof. Dietrich Grönemeyer im Interview

  • Artikel vom 06. November 2010

Prof. Dietrich Grönemeyer hat ein neues Buch geschrieben. Keinen Ratgeber zu seinem Spezialgebiet Rücken, auch kein Medizinbuch für Kinder. Diesmal ist sein Thema das Herz. Aus gutem Grund. Er selbst hat Grenzerfahrungen mit diesem zentralen Organ gemacht. Und dabei gelernt: Der kleine Hohlmuskel in unserer Brust reagiert viel komplexer als bislang angenommen. Grönemeyer: "Er verdient eine neue, ganzheitliche Betrachtung."

HÖRZU: Herr Professor Grönemeyer, Sie sind Radiologe und Rückenexperte. Warum schreiben Sie jetzt über das Herz?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Vor 15 Jahren hat mich eine lebensbedrohliche Herzmuskelentzündung in große Angst versetzt. Seitdem befasse ich mich intensiv mit dem Herzen. Ich habe verstanden, dass es mehr ist als nur eine Pumpe. Mit meinem neuen Buch möchte ich meine Erfahrungen weitergeben und Basiswissen vermitteln. Trotzdem bin und bleibe ich natürlich ein Rückenfachmann.

HÖRZU: Etwa 42 Prozent aller Todesfälle in Deutschland gingen im letzten Jahr auf das Konto von Herz-Kreislauf-Leiden. Ist das Herz ein schwaches Organ?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Im Gegenteil. Es leistet Enormes. Es schlägt etwa 100.000-mal am Tag. Da kann man nicht von schwach reden. Aber es ist sehr empfindsam. Es spürt sehr genau die psychischen Dispositionen des menschlichen Lebens, negative wie positive. Und es hat eine unglaubliche Kraft, Schweres zu überwinden – durch Herzensfreude. Dieses Eigenleben hat die Wissenschaft lange nicht beachtet.

HÖRZU: Wie reagiert das Herz auf Gefühle?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Ein gutes Beispiel ist Stress und der Umgang mit ihm. Auf der einen Seite brauchen wir positiven Stress, um überhaupt zu überleben, um uns anzutreiben. Auf der anderen Seite wissen wir, dass negativer Stress dazu führen kann, dass das Herz stillsteht, etwa bei Erdbebenopfern oder in anderen Grenzsituationen. Selbst Stress im Beruf kann zu einer ernst zu nehmenden Belastung für das Herz werden, wenn er überhandnimmt. Damit umzugehen ist eine ganz wichtige Komponente in der Zukunft der Medizin.

HÖRZU: Muss der Arzt dazu nicht genau wissen, wie es in seinem Patienten aussieht?

HÖRZU: Richtig, da ist unsere Medizin zu einseitig. Da ist der Kardiologe zu wenig vernetzt mit dem Hausarzt, um mehr über die familiären Hintergründe oder die persönliche Situation des Einzelnen zu erfahren. Doch wenn man weiß, dass bis zu 30 Prozent aller Herzprobleme durch psychische Faktoren wie Stress, Trauer oder Depressionen ausgelöst oder verstärkt werden, dann muss die Medizin doch reagieren und sich anders aufstellen.

HÖRZU: Was heißt das konkret?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Der technologische Fortschritt in der Kardiologie und anderen Fachgebieten ist rasant. Viele Defekte lassen sich beheben. Trotzdem stoßen wir an Grenzen, wenn wir den Menschen als Ganzes aus dem Auge verlieren. So werden wir immer mehr chronisch Kranke bekommen. Psychische Probleme führen immer häufiger zu organischen Krankheiten. Das wollen wir oft nicht wahrhaben.

HÖRZU: Was tun Sie heute für Ihr Herz?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Seitdem ich weiß, dass man Schlaf nachholen kann, lege ich mich auch am Wochenende hin oder schlafe auch im Urlaub lange. Zudem versuche ich, mir bewusste Ruhepausen zu nehmen und mich gut auf den Tag vorzubereiten.

HÖRZU: Wie funktioniert das?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Ich esse viel bewusster und starte jeden Morgen mit Müsli, Obst und Joghurt. Danach mache ich etwa zehn Minuten Gymnastik. Das gibt Kraft für den Tag.

HÖRZU: Warum ist Bewegung so wichtig?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Sport trainiert das gesamte Herz-Kreislauf-System. Fette und Stresshormone werden abgebaut, die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung verbessert sich. Das macht das Kreislaufsystem weniger anfällig für Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall.

HÖRZU: Viele sind Sportmuffel oder können den inneren Schweinehund nicht überwinden. Wie könnte man sie motivieren?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Entscheidend ist und bleibt der Spaßfaktor. Der eine mag Joggen, der andere Schwimmen, der nächste Tennis. Wichtig ist, dass man möglichst früh Übungen an die Hand bekommt, die man regelmäßig und automatisch wiederholt. Daher fordere ich auch mindestens eine Stunde Schulsport am Tag.

HÖRZU: Wie lässt sich das Herz noch schützen?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Körperlichkeit hat einen sehr heilsamen Effekt, vergleichbar mit einem Herzmedikament. Die Inder haben immer gesagt, es gibt drei Prinzipien, mit denen du 120 Jahre werden kannst: Zum einen ist das Bewegung. Zum Zweiten der Schritt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, herauszufinden, was einem guttut, und das zu kultivieren. Zum Dritten ist es die Ernährung, denn Nahrung ist mehr als ein Füllstoff, sie kann Medizin, aber manchmal auch Gift sein.

HÖRZU: Brauchen wir einen Ernährungsplan?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Ich bin kein Diätpapst. Wenn ich weiß, dass pflanzliche Fette wie Oliven- oder Leinöl besonders gesund sind, muss ich deshalb nicht völlig aufhören, tierische Fette zu mir zu nehmen. Das Wichtigste ist, eine ausgewogene Ernährung hinzubekommen.

HÖRZU: Sie gelten als Verfechter der Naturheilkunde. Was raten Sie Herzkranken?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Wer eine Herzinsuffizienz hat, eine Angina pectoris oder schwere Herzrhythmusstörungen, ist in der Schulmedizin gut aufgehoben. Wir können froh darüber sein, was sich heute alles mit einem Herzschrittmacher oder modernen Medikamenten erreichen lässt. Mit der Naturheilkunde kann man dagegen ein Stück weit begleiten und vorbeugen – etwa mit Entspannungsübungen wie Yoga, Tai-Chi oder Qigong. Ginkgo-Präparate regen die Durchblutung an, und auch viele der verschriebenen Medikamente wie Digitalis basieren auf Pflanzenstoffen, stammen genau genommen aus der Naturheilkunde.

HÖRZU: Neue Studien zeigen, dass auch die Gene Herzprobleme auslösen können.

Prof. Dietrich Grönemeyer: Paracelsus hat mal gesagt: "Du bist der wahre Arzt als Mensch, wir Mediziner sind nur deine Gehilfen." Das soll heißen, wir wissen meist sehr gut, wo uns der Schuh drückt und wieso. Ich glaube, und das ist es auch, was Studien heute zeigen: 60 Prozent sind Eigenverantwortung, 30 Prozent machen die Gene.

HÖRZU: Kann man die auch beeinflussen?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Ja, das zeigen Untersuchungen der sogenannten Epigenetik, wonach die eigene Lebensweise Gene verändern kann. Wer verantwortungsvoll lebt, trägt seine Gesundheit über das Erbgut in die nächste Generation.

HÖRZU: Und was leistet am Ende die Medizin?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Die Rolle der Medizin ist natürlich eine wichtige. Sie ist allerdings zu wenig auf Prävention ausgerichtet. In der Regel wird sie ja dann in Anspruch genommen, wenn der Ernstfall, also wenn ein Schaden oder eine Krankheit bereits eingetreten ist. Das ist viel zu wenig.

HÖRZU: Dabei heißt es doch immer, die Medizin wird es schon richten.

Prof. Dietrich Grönemeyer: Aber das kann sie nicht allein. Gesundheit ist keine Pille, die man einfach schlucken kann. Auch der Patient muss mehr in die Verantwortung genommen werden. Ein Betroffener mit Bluthochdruck sollte verstehen, dass er viele seiner Medikamente einsparen könnte, wenn er sich mehr bewegen, gesund ernähren und etwas Stress aus seinem Leben nehmen würde. Dafür müssen wir ihm allerdings erklären, wie gefährlich Bluthochdruck ist und was passiert, wenn er seine Lebensweise nicht ändert. Immerhin ist Bluthochdruck ein auslösender Faktor für die Hälfte aller Infarkte und zwei Drittel aller Schlaganfälle.

HÖRZU: Glauben Sie, Ihre Leser werden sich das zu Herzen nehmen?

Prof. Dietrich Grönemeyer: Wenn sie mit Spaß lesen, wird das eine oder andere hoffentlich hängen bleiben. Und auch nachhaltig wirken.

HÖRZU: Vielen Dank für das Interview, Prof. Dietrich Grönemeyer.

Die fünf besten Tipps für ein starkes Herz
Mit der richtigen Vorsorge lassen sich viele Beschwerden verhindern

1. Ausschlafen: Wer zu wenig schläft, riskiert auf Dauer Herz-Kreislauf-Beschwerden. Auch Probleme mit der Atmung in der Nacht schlagen aufs Herz.
2. Weißdorn: Heilpflanzen können die Herzkraft stärken und so die Lebensqualität steigern. Eine natürliche Herz-Kreislauf-Hilfe ist Weißdorn ("Crataegutt", Apotheke). Aktuelle Studien zeigen, dass der Pflanzenwirkstoff Symptome wie Erschöpfungszustände oder Herzrhythmusstörungen lindern kann. Zudem nehmen Herzschlagkraft und -leistung zu.
3. Ernährung: Gesunde Mahlzeiten mit hochwertigen Ölen, Ballaststoffen sowie reichlich Obst und Gemüse schützen das Herz und erhalten die Elastizität der Blutgefäße. Zudem sollte man seinen Salzkonsum einschränken: Er steht noch immer im Verdacht, den Blutdruck hochzutreiben.
4. Freundschaft: Ein gutes soziales Umfeld, eine Familie, die sich kümmert, und nette Arbeitskollegen tun dem Herzen gut. Wissenschaftler konnten belegen: Glückliche, zufriedene Menschen werden wesentlich seltener von Herzkrankheiten heimgesucht.
5. Sport: Auch das Herz lässt sich trainieren: Wer es stärken will, sollte drei-bis fünfmal pro Woche aktiv sein – und zwar für jeweils 30 Minuten. Man muss dafür nicht gleich zum Hochleistungssportler werden. Am Anfang reicht es auch, zügig zu gehen oder mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

Das Herz: Motor des Lebens

Unser Herz ist ein einfacher, aber hocheffektiver Hohlmuskel. So versorgt er jeden Teil des Körpers optimal mit Blut:

Obere Hohlvene: Transportiert verbrauchtes Blut zum Herzen.
Lungenvenen: Führen dem Herzen mit Sauerstoff angereichertes Blut zu.
Rechter Vorhof: Hier sammelt sich das verbrauchte Blut.
Untere Hohlvene: Hat dieselbe Funktion wie die obere Hohlvene.
Rechte Kammer: Pumpt sauerstoffarmes Blut über die Lungenarterien zu den Lungenflügeln.
Absteigende Aorta: Versorgt Rumpf und untere Extremitäten.
Linke Kammer: Pumpt sauerstoffreiches Blut in die Hauptschlagader (Aorta).
Linker Vorhof: Hier sammelt sich das über die Lungenvenen eintreffende sauerstoffreiche Blut.
Lungenarterien: Führen sauerstoffarmes Blut vom Herzen zu den Lungenflügeln.
Aortenbogen: Von der Hauptschlagader zweigen kleinere Schlagadern ab, die etwa Kopf und Arme versorgen.

Autor: Nicole Simon