TV-Dokumenation ''Sir Nicky: Held Wider Willen'' - Fotos von geretteten Kindern aus dem Album von Nicholas Winton / Foto: © SWR/Trigon Production
Was für eine Entdeckung! Beim Aufräumen ihres Dachbodens findet die Britin Grete Winton einen verstaubten Koffer ihres Mannes. Als sie ihn öffnet, sieht sie: verblichene Kinderfotos, alte Briefe, lange Adresslisten und ein Notizbuch. Die Eintragungen stammen aus dem Winter 1938/39. Was Grete Winton liest, kann sie kaum glauben: Ihr Mann Nicholas hat 669 Kindern aus Prag das Leben gerettet. 50 Jahre lang schwieg er. Aus Bescheidenheit. Der Film "Sir Nicky: Held wider Willen" (Mittwoch, 18.1., Das Erste, 22.45 Uhr) erzählt die Geschichte seiner mutigen Tat.
Winter 1938: Nicholas Winton hat als Börsenmakler viel Geld verdient. Der 29-jährige Brite genießt das Leben in vollen Zügen: In seiner Freizeit fechtet er, segelt, liebt Wintersport. Er freut sich auf einen Skiurlaub in der Schweiz, den er gemeinsam mit einem Freund plant. Der Koffer ist schon gepackt, als das Telefon klingelt und sein Freund Martin Blake die geplante Reise absagt. Blake arbeitet für die britische Botschaft in Prag. Dort herrscht Ausnahmezustand. Viele Menschen flüchten vor den Nazis, die im Sudetenland einmarschiert sind.
Vergeblich hatten die Tschechen noch auf Unterstützung aus Europa gehofft. Doch im September 1938 war von Briten, Franzosen und Deutschen sogar das "Münchner Abkommen" unterzeichnet worden, das Hitler das Sudetenland sicherte. England und Frankreich wollten keinen Krieg riskieren. Für die Tschechen ist das eine Katastrophe. Aus Prag können die Flüchtlinge nicht mehr weg.
Die Berichte des Freundes lassen Nicholas Winton keine Ruhe. Er reist nach Prag. Was er dort sieht, schockiert ihn zutiefst: hungrige, frierende Kinder, die verzweifelt versuchen, sich an offenen Feuern zu wärmen. Es herrscht eiskalter Winter, die Menschen leben in Zelten und provisorischen Hütten. "Entsetzliche Zustände", so erinnert sich Nicholas Winton später. "Es war furchtbar!" Als Kind konvertierter deutscher Juden, die schon 1907 nach England auswanderten, ist Winton besonders betroffen. Er will nicht tatenlos zusehen: "Ich dachte, ich müsse wenigstens versuchen, die Kinder zu retten." Aber wie?
In Prag gibt es für sie keine Hilfe. Winton schreibt sogar an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Vergeblich. Kein Land will die Kinder aufnehmen. Winton mag sich damit nicht abfinden: "Mein Motto lautete immer: ‚Für alles, was nicht vollkommen unmöglich ist, gibt es einen Weg‘." Schließlich bieten ihm seine Landsleute Hilfe an. Die britischen Behörden stellen aber zwei Bedingungen: Für jedes Kind muss er eine Familie finden – und 50 Pfund Pfand hinterlegen, falls eine Rückreise nötig wird.
Winton arbeitet fieberhaft daran, seinen Plan umzusetzen: die Ausreise der Kinder nach England. Er sucht sich Helfer, sammelt Geld und startet öffentliche Aufrufe in seiner Heimat, um Pflegefamilien zu finden. In Prag richtet er im "Hotel Europa" ein Büro ein. Täglich stehen Menschen Schlange, um ihre Kinder bei ihm anzumelden. Sie bringen Fotos von ihnen mit, die an Interessenten in England gehen. Winton führt genau Buch. Alles andere ist jetzt unwichtig – auch der Anruf seines Chefs, der ihn in die Bank zurückholen will und verständnislos fragt: "Warum kümmern Sie sich um fremde Menschen?" Winton kündigt.
Im Frühjahr 1939 spielen sich am Prager Hauptbahnhof dramatische Szenen ab: Weinende Eltern pressen ihre Kinder verzweifelt an sich, ehe sie die Kleinen in den Zug setzen. Für die meisten ist es ein Abschied für immer: Sie werden sich nie wiedersehen. Der Zug mit 200 Kindern fährt durch das Deutsche Reich, in Holland werden die Passagiere nach London verschifft. Acht weitere Züge bringen bald noch mehr Kinder in Sicherheit, meist sind sie jüdischer Herkunft. Als im September 1939 der Krieg ausbricht, stoppen die Nazis die Transporte. Nicholas Winton kann nichts mehr tun. Sein Trost: Er hat 669 Kinder gerettet.
Doch die wissen nichts davon. Die mutige Aktion gerät in Vergessenheit – bis Grete Winton 1988 die Unterlagen ihres Mannes findet und sich an die Öffentlichkeit wendet. Der britische TV-Sender BBC macht 250 der Flüchtlingskinder ausfindig. Als sie ihren Retter bei einer Ehrenveranstaltung zum ersten Mal treffen, fließen Tränen. Auch bei Nicholas Winton. Königin Elizabeth II. adelt den heute 102-Jährigen, er erhält zudem den Freiheitspreis der Hauptstadt Prag und wird für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Aus tiefer Dankbarkeit engagieren sich viele der Geretteten als Erwachsene selbst karitativ. Auch ihre Kinder und Enkelkinder folgen diesem Beispiel. So löst das mutige Eingreifen des bescheidenen Briten eine Welle guter Taten aus.
Autor: Thomas Kunze
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