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Sagrada Família

Zwei der ursprünglich siebzehn geplanten je 100 Meter hohen Türme der Sagrada Família / Foto: © dpa - Fotoreport

130 Jahre Baustelle

Sagrada - Das Geheimnis der Schöpfung

  • Artikel vom 18. Dezember 2012

Helle Säulen strecken sich meterhoch in den Kirchenhimmel. Wie Baumstämme wachsen sie empor und verzweigen sich oben, weit oben, mehrfach in eine Art Geäst. Dieses mündet in ein abstraktes Blätterdach – als befände man sich in einem versteinerten Wald. Schwer zu sagen, was Besucher stärker empfinden im Temple Expiatori de la Sagrada Família, in der Sühnekirche der Heiligen Familie: Ehrfurcht vor Gott oder aber vor der spektakulären Architektur.

Für Letztere ist der katalanische Architekt Antoni Gaudí verantwortlich, der ein Jahr nach der Grundsteinlegung 1882 mit dem Bau beauftragt wurde. Gaudí ließ zunächst die bereits begonnene Krypta nach den Entwürfen des Architekten Francesc de Paula del Villar im neuromanisch-neugotischen Stil fertigstellen, entwarf aber gleichzeitig ein grundlegend neues Konzept für die Kirche: Sie sollte deutlich größer werden, 18 Türme und eigenwillige gotische Formen bekommen.

So nahm etwa die Apsis, jene halbrunde Altarnische über der Krypta, unter seiner Regie mehr Raum ein als vormals geplant. Auf den Hinweis, dass die Fertigstellung viele Jahrzehnte dauern werde, soll der Architekt in Anspielung auf Gott geantwortet haben: "Mein Kunde hat keine Eile."

Antoni Gaudí

Zeitgenössische Aufnahme des spanischen Architekten Antonio Gaudi / Foto: © dpa - Bildarchiv

Gaudí konnte jedoch nur noch das Entstehen der Geburtsfassade mitgestalten. Reich verziert erzählt sie mit vielen Skulpturen die Geschichte von Ursprung, Kindheit und Jugend Jesu. Um eine Säule windet sich eine Schlange mit dem Apfel der Sünde, weiter oben krönt eine steinerne Zypresse mit 21 weißen Tauben die Front. Nur einer der vier Fassadentürme, die Gaudí in der markanten runden Form tropfender Kerzen bauen ließ, war zum Zeitpunkt seines Todes fertig: 1926 wurde der "Architekt Gottes" direkt vor seiner Kirche von einer Straßenbahn überfahren.

Mitarbeiter setzten das Werk in Gaudís Sinn fort, bis Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg sämtliche Bauzeichnungen und Modelle zerstörten. Alles musste rekonstruiert und neu zusammengesetzt werden.

Sagrada Família

Die Ostfassade der Sühnekirche La Sagrada Familia, Antoni Gaudis berühmtestes Bauwerk und bekanntestes Wahrzeichen von Barcelona, hat die Geburt Christi zum Thema. Die drei Portale stellen Glaube, Liebe und Hoffnung dar. / Foto: © dpa - Report

Heute ist das imposante Gebäude zu ungefähr 60 Prozent fertiggestellt. Das bis zu 75 Meter hohe Kirchengewölbe ist geschlossen, im Jahr 2010 weihte Papst Benedikt XVI. die Sagrada Família und erhob sie zur Basilika. Seitdem werden in der Kirche Gottesdienste gefeiert. Vollendet sind auch acht der 18 Türme, Teile des Kreuzgangs sowie die Passionsfassade.

Ihre groben, kantigen Figuren hatte Gaudí während einer schweren Krankheit entworfen, die Umsetzung übernahm später Bildhauer Josep Subirachs. Die expressionistischen Skulpturen zeigen die Leidensgeschichte Christi vom letzten Abendmahl bis zu seinem Tod. Weil sie nicht zu den sonst vorherrschenden Kunstrichtungen Neugotik und Modernisme Català passen, scheiden sich an ihnen die Geister.

Touristen interessiert die kunsthistorische Diskussion weniger: Die Sagrada Família ist mit zwei Millionen Besuchern pro Jahr schon jetzt das meistbesuchte Monument Spaniens. Sie gilt als berühmteste Baustelle der Welt, besitzt das höchste Kirchengewölbe und eines Tages vielleicht den höchsten Kirchturm der Welt – 170 Meter soll er einmal messen.

Wegen seiner Dimensionen wird das Bauwerk oft als Kathedrale bezeichnet, doch offiziell ist es das nicht – diese Bezeichnung tragen nur Kirchen mit einem Bischofssitz, und der befindet sich in Barcelona in der Catedral de la Santa Creu i Santa Eulàlia.

Hoch und Heilig

Dennoch wirkt die Sagrada Família, in der insgesamt 9000 Menschen Platz finden, schon auf den ersten Blick so außergewöhnlich wie gigantisch: von außen wie eine riesige Sandburg, von innen wie ein sakrales Wunderland. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man ihre vielfältige Natursymbolik und die organischen Strukturen. So erinnern etwa die Verzweigungsknoten der baumartigen Säulen an die wulstigen Narben, die sich häufig an Bruchstellen von Ästen bilden. Einige Turmspitzen haben die Form von Lavendel, Weizenähren oder Gräsern. Und wer über die 400 Steinstufen der schneckenförmigen Wendeltreppen in einen der Türme hinaufsteigt, erkennt, dass deren Spitzen mit filigranen bunten Mosaiksteinen besetzt sind. Zudem schmücken lateinische Sprüche und das Wort "Sanctus" (auf Deutsch: heilig) als Mosaike die Türme.

Die Kirche wahrt aber auch Geheimnisse, die vielen Besuchern verborgen bleiben, denn wer sie lüften will, muss sich mit Mathematik auskennen. Nur so lässt sich ein System hinter der willkürlich anmutenden Bauweise entdecken. "Es ist leichter, Gaudí zu folgen, als man glaubt", sagt der verantwortliche Architekt Jordi Bonet. "Er hat so viele Elemente hinterlassen, die gut durchdacht sind, dass wir als seine Nachfolger ihn besser verstehen können, als es scheint."

Gemeint sind etwa sogenannte Regelflächen, geometrische Formen, die Gaudí auch in der Natur entdeckte und in seinen Plänen oft statt des rechten Winkels benutzte. Regelflächen entstehen aus gekrümmten, verdrehten oder gebogenen Ebenen. "Alles in dieser Kirche ist Mathematik", sagt Bonet, dessen Vater, ebenfalls Architekt, noch mit Altmeister Gaudí zusammengearbeitet hat. Jordi Bonet, Jahrgang 1925, restaurierte zunächst als junger Architekt die zerstörten Modelle, bevor er ab 1987 die Arbeiten an der Sagrada Família koordinierte.

Besichtigung der Sagrada Família

Für 12.50 Euro kann die Sagrada Família besichtigt werden. Die Eintrittsgelder helfen dabei, den Bau zu finanzieren. / Foto: © picture alliance/Robert Harding World Imagery

Insgesamt beschäftigen sich heute 30 internationale Architekten und mehr als 150 Handwerker mit der Fertigstellung des Bauwerks. Dafür steht ihnen ein Jahresbudget von 20 Millionen Euro zur Verfügung, das zum größten Teil aus Eintrittsgeldern besteht (12,50 Euro pro Person), dazu kommen Spenden. Im Jahr 2026, zum hundertsten Todesjahr Gaudís, soll die Kirche vollendet werden. Ob das zu schaffen ist? Vielleicht muss man einfach nur daran glauben.


Kinotipp: ''Sagrada: Das Geheimnis der Schöpfung''

Dokumentarfilm über das einzigartige Kirchenbauprojekt in Barcelona
Start: 20.12.2012

Autor: Melanie Schirmann

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