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Ein Medizinmann bei der Krankenheilung.

Ein Medizinmann bei der Krankenheilung. - Foto © picture-alliance / dpa

Die Medizinmänner Südamerikas

Das Wissen der Schamanen

  • Artikel vom 09. Januar 2013

Ihre Rituale sind rätselhaft, ihre Tränke exotisch. Doch die Weisen Südamerikas heilen nicht durch Wunder, sondern durch uralte Kunst.

Wassertropfen zerspringen wie Kristalle auf hartem Boden. Moos liegt wie ein weicher Teppich auf den mächtigen Baumstämmen. Unter der letzten Sonne des Tages beginnt der Dschungel zu dampfen. Es zirpt, pfeift, trillert im Dickicht. In der Hütte am Rand eines Dorfes im Regenwald aber wird es still. Dort steht ein rot bemalter Mann. Er verbrennt ein Pulver aus Pflanzen, die er gesammelt und zerstoßen hat. Er zieht den Rauch durch den Mund ein und haucht ihn über dem Körper eines fiebergeschüttelten Jungen wieder aus.


Deutsche Schamanen und ihre Naturmedizin

Heilpflanze Borretsch
- Foto © picture alliance / WILDLIFE

Weise Heiler gibt es sogar hierzulande. Sie kennen sich mit Wald- und Wiesenkräutern aus, wissen um den Nutzen beliebter Heilpflanzen. Hier eine Auswahl:
1. Borretsch (siehe Foto) Das Öl aus der Pflanze hilft bei Ekzemen, Neurodermitis und trockener Haut. Borretschtee lindert Husten und übergroße Nervosität.
2. Huflattich Als Tee helfen seine Blätter wegen der darin enthaltenen schleimlösenden Stoffe gegen Husten, Heiserkeit und Bronchitis.
3. Mariengras ist schmerzstillend und entzündungshemmend. Es wirkt bei Erkältungen, Fieber, Magen- und Darmproblemen.
4. Rose Gut bei Menstruationsbeschwerden, wirkt gegen Heuschnupfen und Herzbeschwerden. Ein Tee aus Rosenblüten reinigt das Blut und lindert auch Entzündungen.


Der Mann ist Schamane, sein Rauchritual soll dem Jungen helfen. Schamanen sind die heimlichen Herrscher über viele Eingeborenenstämme hier im Dschungel zwischen Brasilien und Peru. Auch die Huni Kuin, mit 6000 Menschen das größte und bedeutendste der Urvölker, sind alle überzeugt: Die Schamanen können heilen. Weil sie nicht nur die Welt verstehen, die wir sehen, sondern auch die Welt auf der anderen Seite, die der Geister, der Seelen von Tieren, Menschen und Pflanzen.

Die Gaben der Geister

Früher gab es bei den Huni Kuin nur einen Auserwählten, von dem man glaubte, er habe diese Gabe von den Geistern bekommen. Nur er durfte Ayahuasca trinken, den Sud aus Lianen, der einen auf weite Traumreisen schickt. Heute trinken ihn viele Männer der Huni Kuin, wenn sie sich auf den Weg zu ihren Ahnen und den Seelen der Dschungelwesen begeben wollen, um von ihnen mehr über die Macht der Pflanzen zu erfahren. Oder um die Geister zu rufen, die Yuxin. Es klingt geheimnisvoll, auch ein bisschen unheimlich. Doch es geht nicht nur um Übersinnliches.

Wie die Huni Kuin glauben viele Naturvölker seit jeher daran, dass in der Natur die Antwort auf viele Fragen verborgen liegt. Dass ihre Schätze heilen und helfen können. Schamanen tragen dieses Wissen in sich und bewahren es. Als die ersten europäischen Forscher Anfang des 18. Jahrhunderts auf sibirische Heiler stießen, taten sie die fremden Rituale als Aberglauben ab. Doch gegen Ende des 18. Jahrhunderts erkannten sie: Schamanen können tatsächlich heilen!

Der ganze Urwald ist eine riesige Apotheke

Auch Alexander von Humboldt staunte damals auf seiner Ecuadorreise über die Kunst der indianischen Kräuterweisen. Heute lernen Naturchemiker aller Länder von den Schamanen. Kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der 150 wichtigsten Medikamente mindestens einen potenten Naturwirkstoff enthält. Zehn Prozent aller Pharmazeutika basieren auf Heilkräutern aus Entwicklungsländern. Es sind Blätter, Blüten, Pilze oder auch Sekrete von Tieren, etwa von Fröschen. Manchmal auch Borke. Jene des Chinarindenbaums, mit der Eingeborene Fieber bekämpfen, steckt etwa in Malariamitteln.

Aus dem Wurzelstock der Ipecacuanha, die Urvölker bei Verdauungsbeschwerden einsetzen, gewinnt man Mittel gegen die Ruhr. "Der ganze Urwald ist eine riesige Apotheke“, sagt Prof. Athanassios Giannis vom Institut für Organische Chemie in Leipzig. Seit Jahren begeistert ihn das alte Wissen der Eingeborenen. "Doch die Urwaldvölker haben nichts aufgeschrieben, alles ist nur mündliche Überlieferung", so Prof. Giannis. In Asien dagegen haben die Heiler oft schriftlich festgehalten, was sie der Nachwelt hinterlassen wollten.

In Curare, dem Pfeilgift der Amazonasindianer, fanden die Europäer bereits vor 100 Jahren ein muskelentspannendes Mittel, das die Medizin revolutionierte: Da es die Muskulatur lähmt, sorgte es damals während Operationen dafür, dass sich die Bauchdecke im Magenbereich nicht zu sehr anspannte und besser vernäht werden konnte. Die Menge des Narkoseäthers ließ sich so erheblich reduzieren. "Ein Student von mir ist gerade in Peru", erzählt Giannis. "Er kletterte 6000 Meter hoch, um bestimmte Pflanzenteile zu sammeln." Vielleicht steht damit ein neuer Wirkstoff kurz vor seiner Entdeckung.

Reisen zu den Ahnen

Irgendwo im brasilianischen Urwald braut der Schamane schon wieder magischen Lianensud für die Männer der Huni Kuin. Die Reise zu den Ahnen und den Seelen der Tiere und Pflanzen kann beginnen. Alle sind gespannt, was die Natur ihnen diesmal zeigen wird. Vielleicht eine neue Medizin. Der kleine Junge, den das Fieber gepackt hatte, ist längst wieder gesund.

Autor: Silke Pfersdorf

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