Weihnachts-Spezial
Die berühmten Engelfiguren aus Grünhainichen werden von Hand bemalt.

Die berühmten Engelfiguren aus Grünhainichen werden seit beinahe 100 Jahren von Hand bemalt. / Foto: © dpa

Weltweit begehrte Handwerkskunst

Die Engel aus dem Erzgebirge

  • Artikel vom 24. Dezember 2012

Wenn Hannelore Lohr bei der Arbeit aus dem Fenster blickt, schaut sie auf die bewaldeten Züge des Erzgebirges. Manchmal sind die Tannen schwer von Schnee, manchmal leuchtet ihr Grün noch bis weit in den Dezember. Wenn Frau Lohr dann wieder auf den Tisch blickt, sieht sie in Heerscharen strahlender Engelsgesichter. In liebe Augen, auf kleine Mündchen und rosige Bäckchen. Lediglich fünf Frauen dürfen die Gesichter der berühmten Engelfiguren aus Grünhainichen bemalen. Hannelore Lohr, 62, ist eine von ihnen. Seit mehr als 35 Jahren tupft sie das Glück ins Antlitz der geflügelten Erzgebirgler.

Schon in dritter Generation versorgt die Firma Wendt & Kühn Sammler und Fans mit allerliebsten Figuren, vor allem Engeln und Blumenkindern. Von einem kleinen Fachwerkhaus mit angegliederten Produktionsräumen aus werden die herzigen Kleinen in alle Welt verschickt, bis nach Australien, Russland, Singapur.

Fast 100 Jahre ist es her, dass die Kunstgewerbestudentinnen Margarete "Grete" Wendt und Margarete Kühn in Grünhainichen beschlossen: Hier machen wir etwas gemeinsam. Mit kleinen Beerenmädchen gewann Grete Wendt 1913 den zweiten Platz in einem Wettbewerb für Reiseandenken. Ein Jahr später hatte sie die Idee mit den Engeln. Ein kleiner Weihnachtsbote sollte ihrem Bruder an der Front Zuversicht schenken.

Hoffnung, Trost, Wärme: Was könnte ein Engel mehr geben? Tatsächlich brachten die himmlischen Boten aus Grünhainichen in all den Jahrzehnten schon oft Licht ins Dunkel. Immer wieder, gerade zur Weihnachtszeit, bekommt die Firma Briefe, in denen Leute ihre Geschichten erzählen: vom Mann, der beim Luftangriff nur sich selbst und sein Holzengelchen in den Bunker rettete; von der Frau, die von ihrem Grünhainichener Schutzengel durch schwere Krankheiten begleitet wurde. Immer wieder mal werden Sammlerstücke zur Reparatur eingeschickt. So sehen die Engel Grünhainichen ein weiteres Mal. Jenen Ort, den Ahornbäume, Linden und Buchen prägen, die einzigen drei Hölzer, aus denen die Engel gefertigt werden.

Nur ein Zehntel der Arbeit erledigen Maschinen, für den Rest sind 160 Mitarbeiter zuständig, zumeist gelernte Holzspielzeugmacher. Die Grundkörper werden gesägt, gedrechselt, geschliffen, die Rohlinge dann mit den Armen, Beinen, den winzigen Laternen oder Musikinstrumenten in der Leimerei verklebt.

Engel aus dem Erzgebirge

Bevor sie bemalt werden, bekommen die Weihnachtsengel aus Grünhainichen ein Farbbad. / Foto: © dpa

Jeweils dreimal werden die Engelchen anschließend in die weiße Grundfarbe und den Lack getunkt, bevor sie als Hundertschaft auf einer Art Tablett zu den 80 Malerinnen und Malern wandern. Bei Hannelore Lohr und ihren vier Kolleginnen bekommen sie dann ihr Gesicht. Satte 36 Arbeitsschritte sind es bis zum fertigen Figürchen. Grüne Flügel mit elf kleinen Punkten sind ihr Markenzeichen.

Warum es denn ausgerechnet elf Punkte sind, wurde Grete Wendt häufig gefragt. "Weil es gerade so auskam", antwortete sie dann stets. Bei den Gesichtern war sie immer besonders eigen. Die mussten verzaubern, allerliebst gucken. Das war ihr wichtig.

Engelmuseum im Schrank

Tante Grete, wie sie zärtlich genannt wurde, ist längst verstorben, aber ihr Andenken wird liebevoll bewahrt. Im Arbeitszimmer, ihrem ehemaligen Wohnzimmer, steht noch immer das Sofa, auf dem sie ihren Großnichten und Großneffen Geschichten vorlas. Und im alten Schrank im Musterzimmer steht aufgereiht ein Exemplar von jeder jemals bei Wendt & Kühn gefertigten Figur.

Früher, so erinnern sich die Nachkommen, verhängte ein Tuch die Glasscheiben. Nur zu besonderen Gelegenheiten lüftete es Tante Grete mit geheimnisvoller Miene. Heute darf jeder einen Blick in den Schrank werfen, er ist wie ein kleines Museum. Skizzen der kreativen Großmutter fanden die Enkel übrigens noch in den letzten Jahren auf dem Spitzboden des Hauses: Entwürfe, auf eine Serviette gekritzelt oder auf eine Eintrittskarte. "Manchmal", weiß Marketingleiterin Lena Tetzner, "ist da sogar noch ein Kaffeefleck von Tante Grete drauf."

Die Dämmerung senkt sich über das Erzgebirge. Feierabend im Dorf der Engel. Auch Hannelore Lohr geht jetzt nach Hause. Ihre Figuren lächeln weiter. Allerliebst, zauberhaft, herzerwärmend.


Sendehinweis: ''Die weltberühmten Engel aus Grünhainichen''

Reportage aus dem Erzgebirge
MO, 24.12., 3sat, 10.35 Uhr

Autor: Silke Pfersdorf

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