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Was geschah damals wirklich in Bethlehem? Vatikan-Korrespondent Andreas Englisch schreibt exklusiv in HÖRZU über die spannendste Geschichte der Bibel.
"Jesus wurde in Bethlehem in Judäa geboren, zur Zeit, als König Herodes das Land regierte." (Matthäus, Kapitel 2, Vers 1*) Die Geburt des Heilands, für jeden Christen das bedeutendste Ereignis der Weltgeschichte, wurde von Matthäus ausführlicher beschrieben als von allen anderen Evangelisten. Obendrein erzählt er die Ereignisse so spannend wie einen Krimi - etwa den Plan von König Herodes, alle männlichen Säuglinge ermorden zu lassen. Doch trotz Matthäus' Detailgenauigkeit sind Historiker, Bibelforscher und Theologen 2011 Jahre nach der Geburt von Jesus Christus noch immer uneins darüber, was in der Heiligen Nacht genau geschah. Wurde Jesus tatsächlich in einem Stall geboren? Stand dieser wirklich in Bethlehem? Strahlte über ihm ein Stern? Folgten ihm Könige aus dem Morgenland?
"Die Weihnachtsgeschichte ist das größte Rätsel der Heiligen Schrift", sagt auch Vatikan-Experte und Autor Andreas Englisch (46) zu HÖRZU. Seit mehr als 20 Jahren ist er Korrespondent in Rom, hatte über viele Jahre hinweg enge Kontakt zu Papst Johannes Paul II. und gehört heute zu den Journalisten, die Papst Benedikt XVI. auf allen Reisen begleiten. Er beschäftigt sich seit Langem intensiv mit der Forschung über die Rätsel der Heiligen Nacht, diskutierte mit zahlreichen Wissenschaftlern - und sagt heute: "Die Heilige Nacht ist ein Fall für den ,Tatort: Bethlehem'!" Laut Andreas Englisch sind folgende sieben Elemente der Erzählungen über die Geburt Jesu unter Experten umstritten.
Die Reise: Nach dem Lukas-Evangelium begaben sich Josef und die schwangere Maria von ihrem Wohnort Nazareth aus nach Bethlehem, in jene Stadt, aus der Josef stammte. Grund: der Erlass einer Steuerschätzung durch Kaiser Augustus. Er wollte alle Untertanen in Listen eintragen lassen. Fakt ist: Es gibt keinen Beleg für eine solche Schätzung. Vielmehr war seit der Antike üblich, was noch heute gilt - dass Bürger dort besteuert werden, wo sie wohnen. "Das war im Fall von Josef und Maria Nazareth", so Andreas Englisch. Warum aber waren sie dann auf Reisen? Zumal Maria schwanger war. Ein Rätsel, das die nächste Frage aufwirft.
Der Ort: Wurde Jesus in Wahrheit in Nazareth geboren? Für viele Theologen ist das denkbar. Sie glauben, dass seine Geburt vom Evangelisten Matthäus nach Bethlehem "verlegt" wurde, weil Nazareth ein Nest am Ende der Welt war, das den Evangelisten als zu unwürdig für den Herkunftsort des Heilands erschien. "Hätte Jesus das Licht der Welt offiziell in Nazareth statt in Bethlehem erblickt, entspräche das einer Geburt in Hamm-Bockum-Hövel statt in der Weltstadt Berlin", sagt Englisch. Bethlehem dagegen war damals eine bedeutende Stadt. War die Verlegung ein Kunstgriff? "Wir werden es wohl nie ergründen können", urteilt der Vatikan-Experte Englisch.
Die Könige: Bald nach Jesu Geburt kamen "Sterndeuter aus dem Osten" - die Heiligen Drei Könige. Das überliefert Matthäus in Kapitel 2, Vers 1. Doch gab es sie? Ja, glauben Experten. Allerdings hat es sich, so nehmen viele heute an, um eine bis zu achtköpfige Reisegruppe von babylonischen Astronomen gehandelt. "Die Bibel nennt sie sogar Magier", so Andreas Englisch. "Nicht undenkbar, dass Kaspar, Melchior und Balthasar tatsächlich Zauberer aus dem Orient waren."
Der Stern: "Und der Stern, den sie schon bei seinem Aufgehen beobachtet hatten, ging ihnen voraus." (Matthäus 2,9) Gemeint ist der Stern von Bethlehem, der die Heiligen Drei Könige zur Krippe führt und dann über dem Stall leuchtet. Nur ein poetisches Motiv? "Die Existenz des Sterns ist umstritten", weiß Englisch. "Aber möglicherweise leuchtete er tatsächlich, denn zu dieser Zeit gab es einen großen Kometen am Himmel. Und wahrscheinlich kam dieser Komet der Erde in der Heiligen Nacht sehr nahe."
Die Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe, diese Geschenke legten die Könige laut Matthäus (Kapitel 2, Vers 11) vor Jesus nieder. Experten glauben: Sie waren Symbole. Seit dem Altertum galt Gold als angemessenes Geschenk für einen König, Weihrauch als Gabe für einen Priester und die Heilpflanze Myrrhe als Huldigung für einen Heiler oder "Heiland". Experte Englisch: "Weihrauch und Myrrhe waren sehr teuer. Insofern handelte es sich um wertvolle Geschenke. Wahrscheinlich wurde diese Szene von Zeitzeugen exakt so beobachtet und weitererzählt." Wäre die Bibelstelle eine Fälschung, hätte Matthäus wahrscheinlich geschrieben, dass Jesus Gold, Silber und Edelsteine bekam.
Das Datum: Weihnachten wird vom 24. bis 26. Dezember gefeiert. Doch wurde der Erlöser zu dieser Zeit geboren? "Heute wissen wir, dass das nicht der Fall war", sagt Englisch. "Wer einmal am 25. Dezember nach Bethlehem fährt, merkt, dass es dort extrem kalt ist. In der Bibel aber steht, dass in der Weihnacht Hirten mit ihren Schafen auf den Feldern sind. Das wäre um diese Jahreszeit vollkommen unmöglich." Die Beschreibung lässt laut Englisch wohl eher vermuten, dass Jesu Geburt im Sommer oder Herbst stattfand.
Der Mordbefehl: Laut Matthäus-Evangelium befahl König Herodes, "in Bethlehem und Umgebung alle kleinen Jungen bis zwei Jahren zu töten" - aus Angst, mit Jesus Christus könnte der "neu geborene König der Juden" heranwachsen. Englisch: "Herodes lebte. Das ist historisch gesichert, weil ein Theater gefunden wurde, das er bauen ließ." Ob jedoch der Kindermord stattfand? Unter Bibel-Experten gelten, so Englisch, heute zwei Thesen als denkbar: Erstens könnten die Evangelisten den Massenmord erfunden haben, um die Geschehnisse zuzuspitzen - und so der Geburt Jesu besonderes Gewicht zu verleihen. Andererseits könnte es sich um eine Anleihe aus der Geschichte von Moses handeln, der ebenfalls getötet werden sollte - und als "Helden- oder Schicksalskind" in die Geschichte einging. "Dass es den Kindermord gab, kann niemand ausschließen", resümiert Englisch.
Was aber bedeutet die Meinung der Wissenschaftler für uns heute? Ist die Geburtsgeschichte von Jesus ein Märchen? Englisch beruhigt: "Keineswegs! Es gibt viele Christen, die überzeugt sind, dass die Bibel schlicht und einfach Gottes Wort ist - also wahr. Andere halten es für möglich, dass sie ein Buch ist, dessen Geschichten aus von vielen Autoren gesammelten Legenden zusammengesetzt sind." Der Vatikan-Kenner: "Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht mit 100-prozentiger Sicherheit ergründen können, was wirklich geschah."
(* Die aufgeführten Bibelzitate entstammen der "Immendorf Bibel". Wissen Media Verlag. Gütersloh/München, und Axel Springer Verlag. Hamburg/Berlin. 2006)
Autor: Mike Powelz
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