Urlaub
Tina Hassel vor dem Amts- und Wohnsitz des US-Präsidenten.

Leiterin ARD-Studio Washington Tina Hassel vor den Weißen Haus in Washington. - Foto © WDR/Stefan Falke

ARD-Korrespondentin Tina Hassel

Neue Heimat USA

  • Artikel vom 07. November 2012

Sie hat ihren Traumjob gefunden: Tina Hassel ist seit Kurzem Leiterin des ARD-Studios Washington. Ihr Mann, ein Arzt, und ihre drei Kinder gingen mit in die USA. Exklusiv in HÖRZU beschreibt die Auslandskorrespondentin, wie es für die Familie war, sich in Washington neu einzurichten, wo die schönsten Plätze der amerikanischen Hauptstadt liegen – und wie sehr die bevorstehende Präsidentenwahl das Land zerreißt.

Wahl des US -Präsidenten im TV

Das sind die wichtigsten Sendungen zur Präsidentenwahl in den USA am 6. November:

US-Wahl 2012 – Die Wahlparty im Ersten
Di, 6.11., 22.45 Uhr, Das Erste
Live aus dem E-Werk in Berlin und aus Washington.
Mit Jörg Schönenborn, Matthias Opdenhövel, Sandra Maischberger, Tina Hassel u. a.

Die Nacht der Entscheidung
Di, 6.11., 23.50 Uhr, ZDF
Live aus Washington und Berlin mit Bettina Schausten, Markus Lanz, Claus Kleber, Theo Koll

Amerika wählt
Di, 6.11., 1.00 Uhr, rtl + n-tv
Gemeinsame Wahlsendung von RTL und N-TV
Mit Peter Kloeppel, Christoph Teuner


Die ältere Dame begrüßt mich mit einem sonoren: "Hi, sweetheart, how are you today?" – "Na, wie geht’s heute, Schätzchen?" Sie heißt Sonia, ist 80, strahlt übers ganze Gesicht. Als ich sie auf ihre wunderbar rauchige Stimme anspreche, erzählt sie, dass sie Bluessängerin in Saint Louis war. Typisch. Kaum einer in Washington ist in der Hauptstadt geboren. Hier zieht man kreuz und quer durchs riesige Land, auf der Suche nach einem Job, dem großen Glück – oder der Liebe wegen. Als ich Sonia frage, ob sie ihre Familie vermisst, verdreht sie erstaunt die Augen. "Such is life", sagt sie. "So ist das Leben." Und setzt sich wieder ans Kassenhäuschen der Tiefgarage, wo sie augenblicklich gute Laune verbreitet.

Ein Traum wird wahr

Das begeistert mich an meinem neuen Leben: Hier hat man stets das Gefühl, willkommen zu sein. Mehr noch: von Anfang an ein wenig dazuzugehören. Das tut gut! Vier Monate lebe ich jetzt zusammen mit meiner Familie in Washington. Unsere Möbel waren wochenlang über den Atlantik unterwegs. Alle Elektrogeräte sind unterdessen auf US-Norm angepasst oder ausgetauscht. Und wenn unsere drei Kinder morgens in den gelben Schulbus steigen, kneife ich mich schon längst nicht mehr, um zu prüfen, ob ich träume.

Wir sind angekommen! Nicht nur, weil wir schnell amerikanische Freunde gefunden haben, die uns zeigen, wie man den Truthahn zu Thanksgiving richtig stopft und wie die Regeln beim Baseball lauten. Nein, das Gefühl dazuzugehören hat eine kleine, unscheinbare Plastikkarte mit sich gebracht: die "social", die Sozialversicherungsnummer. In den USA gibt es ein Leben ohne und ein Leben mit der "social". Ohne sie geht fast nichts. "So sorry", heißt es dann, selbst als wir nur versuchen, neue Telefone anzumelden. Klingt höflich, verheißt aber nichts Gutes.

Da ist sie, die Gummiwand, gegen die jeder prallt, der bei der Frage nach der "social" nicht sofort die korrekte Nummer nennt. Man kann kein Konto eröffnen, kein Auto kaufen oder den für uns Journalisten so wichtigen Presseausweis beantragen. In einem Land ohne Meldepflicht ist die "social" das wichtigste Ausweismittel, Kollegen von mir warten noch immer verzweifelt auf sie.

Zerrissene Weltmacht

Wir hatten Glück beim obligatorischen Aufnahmegespräch. Die unwirsche Dame an Schalter 6 wurde sofort honigsüß, als ich ihre schrill lackierten Fingernägel bewunderte. Man muss wissen, dass Nägel neben Haaren und Zähnen für Amerikanerinnen ein immens wichtiges Thema sind. Plötzlich fanden sich unsere Einreisedokumente im Computer, und nach einer knappen Stunde galten wir als "cleared", als überprüft und akzeptiert. So sende ich nun seit über fünf Monaten aus den USA und bin begeistert, dass man hier aus einem Land berichtet, aber stets die ganze Welt im Fokus hat.

Sechs Zeitzonen, mehrere Sprachen und Gesichter aus allen Ländern. Es gibt kaum ein Ereignis auf dem Globus, das keiner Reaktion aus Washington bedarf. Der überstrapazierte Begriff "Weltmacht" hat noch immer seine Berechtigung. Ich bin viel gereist in den letzten Wochen. Weg aus der "Bubble Washington", der "Blase", dem Mikrokosmos der Hauptstadt. Raus ins große, weite Amerika, in die bei der Wahl entscheidenden "Swing States", jene Bundesstaaten, die keinem politischen Lager angehören.

Ich habe im tiefschwarzen Süden glühende Obama-Anhänger kennengelernt. War in Ohio im heruntergekommenen Kohlerevier mit Arbeitern unterwegs, die sich kaum die Miete für ihr Häuschen leisten können, aber Wahlkampf für den Multimillionär Mitt Romney machen. Die keinen Sozialstaat wollen, sondern einen Geschäftsmann, der Jobs schaffen kann. In Kalifornien habe ich erfahren, was es heißt, wenn in Städten mehr Spanisch als Englisch gesprochen wird, und wieso Latinos die Wahl entscheiden könnten.

Höher, schneller, weiter

Zurück in Washington merke ich, wie anders und schnell diese Stadt tickt. Die Mitarbeiter der vielen Denkfabriken, Botschaften, Medien und internationalen Organisationen sind viel beschäftigte Menschen mit eng getaktetem Kalender. Zeit ist hier ein Gut, das man nutzen oder vergeuden kann. Da ist es wunderbar, dass Washington ein herrliches Freizeitleben bietet.

Wir lieben es, auf dem Potomac River Kajak zu fahren. Auf der einen Seite atemberaubende Blicke auf das Kulturzentrum Kennedy Center und die mächtige Apartmentund Büroanlage Watergate Building. Am anderen Flussufer schon ein Hauch von Wildnis. Im Anschluss, beim Absacker auf der Terrasse von "Fletcher’s Boat House", schauen wir den Personal Trainern zu. Da versuchen junge, gut gebaute Männer im Armeelook bei übergewichtigen Mittfünfzigern die Pfunde purzeln zu lassen. Mal charmant, mal im Kasernenton: Seilspringen, Powerlaufen, Gymnastik.

Meine Familie verfolgt das Treiben halb beeindruckt, halb belustigt. Höher, weiter, schneller – auch im Sport testen Amerikaner ihre Grenzen aus. An Sonntagen tauchen wir gern ein ins bunte Treiben des Eastern Market, eines Kleinkunstmarkts im Nordosten der Stadt, nahe des Capitol Hill. Hier wird gefeilscht und gehandelt wie auf einem arabischen Basar. Hier liegen Düfte aus Asien und Afrika in der Luft, es gibt fast nichts, was man hier nicht findet.

Nach einigen Stunden brunchen wir gemütlich, vorausgesetzt, der "Familienrat" kann sich auf eines der vielen Cafés einigen. Im ethnisch bunten Gemisch rund um den Capitol Hill spürt man sie, die "vereinigten Staaten von Amerika". Im heißen Endspurt dieses Wahlkampfs habe ich jedoch eher die "zerstrittenen Staaten von Amerika" erlebt, die weltanschaulichen Unterschiede, die ungebremst und unversöhnlich aufeinanderprallen. Faszinierend sind auch sie. Langweilig wird es hier nie. "Hi, sweetheart, have a nice one!", ruft mir Sonia am Abend zu. "Schönen Abend, Schätzchen!" Wer kann da schon schlechte Laune haben?

Autor: Tina Hassel

Themen

Der Klick auf eine Kategorie führt Sie zur Übersicht aller passenden Einträge.

Anzeige