Tiere
Im alten Rom waren Gänse Tempelwächter.

Im alten Rom waren Gänse Tempelwächter. / Foto: © picture alliance/chromorange

Fasizinierendes Federvieh

Von wegen dumme Gans

  • Artikel vom 14. Dezember 2012

Wenn Angelika Hofer heute am Hopfensee im Allgäu spazieren geht, kann sie Gänse vom Himmel holen – mit nur einem Ruf. An den verschiedenen Flugformationen, die über den See schweben, erkennt die Biologin, die als "Gänsemutter" bekannt wurde, ihre "Familie" genau. Stößt sie ein lautes, lockendes "Komm! Komm!" aus, stürzt eines der Tiere förmlich vom Himmel, watschelt der blonden Frau entgegen und macht einen langen Hals – was in der Gänsesprache so viel bedeutet wie: "Ich grüße dich."

"Die freut sich immer noch sakrisch, wenn sie mich sieht", sagt die Wissenschaftlerin aus Füssen. Der Vogel glaubt nämlich, kein Witz!, sie sei seine Großmutter. Das Familien- und Sozialleben der Gänse ähnelt unserem so sehr, dass die Tiere für uns besonders leicht verständlich sind. Deshalb gilt Verhaltensforschung an Gänsen auch als besonders ergiebig.

Verliebte junge Männchen werben etwa mit Kraftmeierei um junge Weibchen, die sich mit abgewandtem Kopf zieren. Die Verlobung ist förmlich, die Ehe hält, wenn nichts dazwischenkommt, ein ganzes Leben.

Etwas aber ist besonders bei Gänsen: Wen immer sie nach dem Schlüpfen aus dem Ei um sich haben, nehmen sie als Mutter an – und sei es Reineke Fuchs persönlich. Prägung nennen Biologen dieses Phänomen.

Als Angelika Hofer Ende der 80er-Jahre im Auftrag des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie herausfinden sollte, was Gänse gern fressen, machte sie sich die Prägung zunutze: Sie brütete zehn Grauganseier in einer Brutglocke aus und war da, als die Küken schlüpften. So wurde sie zur "Gänsemutter". Die Kleinen fragten alle naselang: "Wiwiwiwiwi" – übersetzt: "Ich bin hier, wo bist du?" Ganz nach Gänseart antwortete die Biologin: "Gang, gang, gang" – "Ich bin da, seid unbesorgt!"

Gänsemutter Angelika Hofer

Angelika Hofer wurde deutschlandweit als ''Gänsemutter'' bekannt. / Foto: © ZB - Fotoreport

In der Natur schlüpfen Küken oft ins Gefieder der Mutter, bei Angelika Hofer krochen sie unter den Pulli. Als die Biologin einmal so in den Supermarkt ging, wurde sie an der Kasse promt gefragt: "Entschuldigung: Piept’s bei Ihnen?"

Eine Gänsemutter ist 24 Stunden am Tag für ihre Jungen da, redet mit ihnen, zeigt ihnen, was eine Gans wissen muss. Hofer machte es genauso: Sie brachte den Jungtieren erst in einer Pfütze, dann im Fluss Ach bei, dass Wasser ihr Element ist. Sie stieß einen schrillen Schrei aus, wenn sich am Himmel ein Habicht zeigte – und alle zehn stürzten zu ihr.

Wenn sie später "Gaak!" rief, flogen die Vögel auf. "Für mich war es eine Chance, ins Leben der Gänse zu blicken", sagt die heute 55-Jährige. So lernte sie zu verstehen, wann die Tiere nach einer Wanderung nach Hause wollten, wann sie sich fürchteten, wann Streit drohte. Das enge Verhältnis zu ihren Ziehkindern übertrug sich sogar auf deren Junge, die Hofer heute noch vom Himmel rufen kann.

Einer wacht über alle

Es ist bewundernswert, wie Gänse ihr Sozialleben organisieren. Wenn Gans und Ganter sich einmal verpaart haben, bauen sie gemeinsam ein Nest. Während das Weibchen vier bis sechs Eier legt und etwa vier Wochen lang ausbrütet, hält das Männchen Wache. Es schützt seine Familie auch, wenn die Jungen geschlüpft sind. Mit langem Hals und scharfem Zischen versucht es, alle zu vertreiben, die nur in die Nähe kommen. Kinder, die auf dem Dorf aufgewachsen sind, kennen die Furcht vor dem bösen Ganter, der keinem erlaubt, am Nest vorbeizugehen.

Gänseküken

Gänseküken schließen sich neben ihrer Mutter auch anderen Tieren oder gar Menschen an, wenn sie auf diese geprägt werden. / Foto: © picture alliance / Arco Images GmbH

Graugänse sind die Vorfahren unserer Hausgänse, schon in der Jungsteinzeit, vor etwa 8000 Jahren, wurden sie domestiziert. Sie sind wachsam wie Hofhunde. In der Antike sollen die heiligen Gänse des Kapitols die Römer vor dem Angriff der Gallier gewarnt haben.

Die Vögel reden unablässig miteinander. Sie erkennen sich an den Rufen. Selbst im Flug kommunizieren sie, man hört ihr Schreien Hunderte Meter weit. Bewundernswert, mit welcher Raffinesse sie die aerodynamisch beste Anordnung finden, wenn sie V-förmig durch die Luft reisen.

Früher flogen Graugänse im Herbst meist bis nach Nordafrika. Heute landen viele von ihnen schon in den Niederlanden – oder ziehen gar snicht mehr weg. Seit in unseren Breiten intensiv Mais angebaut wird, bleiben auf Stoppelfeldern genügend Körner liegen, um sie mit Kraftfutter zu versorgen.

Angelika Hofer hat bei ihren Beobachtungen übrigens festgestellt, was Gänse bevorzugt fressen: Hahnenfuß und Löwenzahn. Sie selbst kann seither allerdings eines nicht mehr essen: Gänsebraten. "Nimmermehr!" Und wie steht es mit der Annahme, der größte Liebhaber von Gänsefleisch sei der Fuchs? Wäre er vielleicht gern. Das Lied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" gehört wohl eher ins Reich der Fabel. Wehe dem Rotpelz, den eine Herde Gänse erwischt. Der wird so gnadenlos verprügelt, dass er sich nur noch mit eingekniffenem Schwanz davonschleichen kann. Wenn überhaupt.


Sendehinweis: ''Dumme Gans, schlaue Gans''

Doku, die eine junge Graugans vom Schlüpfen an begleitet
SA, 15.12., MDR, 13.00 Uhr

Autor: Walter Karpf

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