Tiere
Ein Schützenfisch wartet auf eine erbeutete Ameise.
Zur Bilderstrecke

Ein Schützenfisch wartet auf eine erbeutete Ameise. / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Raub, Mord und Betrug

''Verbrechen'' im Tierreich

  • Artikel vom 16. Februar 2013

Sie schleichen sich still und heimlich an und schlagen dann brutal zu. Sie überfallen ihre Opfer ohne Vorwarnung oder betrügen sie hinterhältig. Die Täter: unschuldig wirkende Delfine, Möwen und Glühwürmchen. Ihre Motive: Hunger und Fortpflanzungstrieb. Mit ausgefeilten Techniken, die jenen menschlicher Einbrecher, Räuber und Heiratsschwindler in nichts nachstehen, versuchen die Tiere, an ihr Ziel zu kommen. Ihren Opfern lassen sie dabei keine Chance. Wenn es um das Überleben der eigenen Art geht, können Tiere sogar zu Verbrechern werden.

Lautlos und unbemerkt nimmt er seine Opfer ins Visier. Ein präziser Schuss – schon ist ihm seine Mahlzeit sicher. Der Schützenfisch ist der Bandit unter den Tieren. Seine Waffe: eine körpereigene Wasserpistole. Er ernährt sich hauptsächlich von noch lebenden Insekten, die ins Wasser fallen. Um diesem Absturz nachzuhelfen, hat der Verwandte des Barsches eine erstaunliche Jagdtechnik entwickelt. Mit Hochdruck schießt er seine Beute ab, indem er die Zunge an die Gaumenrinne drückt und Wasser durch Zusammendrücken der Kiemendeckel als Strahl herauspresst. Manche Fische treffen dabei ihr Ziel sogar aus vier Metern Entfernung.

Doch mit dem Abschuss allein ist es nicht getan: Der Schützenfisch muss auch Flugbahn und Landepunkt seiner Beute berechnen und dort hinschwimmen. Das alles innerhalb weniger Sekunden, bevor einer der zahlreichen Konkurrenten ihm den Fang wegschnappt.

Eine Raubmoewe auf Beutezug

Eine Raubmöwe auf Beutezug / Foto: © dpa - Report

Wesentlich einfacher machen es sich bestimmte Möwenarten wie die Raubmöwe. Anstatt selbst auf Jagd zu gehen, lässt der Vogel oft andere für sich arbeiten. Meist erwischt es Seeschwalben oder kleinere Möwen. Haben die einen Fisch gefangen, attackiert die diebische Raubmöwe sie so lange mit Schnabel, Flügeln und Krallen, bis sie die Beute wieder fallen lassen. Dann heißt es schnell sein: Da die Möwe selbst nur geringe Tiefen tauchen kann, muss sie den geraubten Fisch fangen, bevor er wieder die Wasseroberfläche erreicht. Das gelingt der wendigen Luftakrobatin allerdings mit Leichtigkeit.

Auch ein anderer Luftikus erleichtert sich das Leben auf illegale Weise – der Kuckuck. Der Vogel mit dem charakteristischen Ruf überlässt die aufwendige und kräftezehrende Brutpflege seiner Jungen anderen und legt seine Eier in gemachte Nester von Rohrsängern, Grasmücken und Zaunkönigen.

Kriminelle Gene

Zuerst beobachtet das Kuckucksweibchen die potenziellen Wirtsvögel genau, um in ihrer Abwesenheit in Sekundenschnelle ein Ei zu legen. Dies ist dem des Wirtes in Farbe und Muster sehr ähnlich. Damit der Schwindel nicht auffällt, entfernt das Weibchen meist noch ein Ei des Wirtsvogels. Nach einer kurzen Brutzeit von etwa zwei Wochen schlüpft der junge Kuckuck – noch vor seinen Stiefgeschwistern.

Kuckuck

Eine Heckenbraunelle füttert einen jungen Kuckuck im Nest. / Foto: © picture alliance / Arco Images GmbH pixel

Schnell zeigt sich, dass seine Eltern ihm das kriminelle Gen vererbt haben. Unter größter Anstrengung schiebt der Jungvogel die übrigen Eier über den Nestrand, bis er schließlich ganz allein im Nest sitzt. So hat er viel Platz und keine Konkurrenz mehr. Die unfreiwilligen Adoptiveltern können sich nun ausschließlich um ihn kümmern.

Falsche Versprechungen sind das Spezialgebiet von Heiratsschwindlern. Wer sich auf sie einlässt, erlebt oft eine böse Überraschung. Während menschliche Betrüger meist nur finanziellen Schaden verursachen, endet der Schwindel in der Tierwelt für den Betrogenen oft tödlich. So auch bei den Glühwürmchen. Zur Fortpflanzungszeit locken die Weibchen mit einer bestimmten Blinkfolge paarungsbereite Männchen an. Jede Art hat dabei ein ganz eigenes Muster.

Die Weibchen der Leuchtkäfer-Spezies Photuris setzen ihre Leuchtorgane besonders raffiniert ein: Sie sind in der Lage, die Signale anderer Arten zu imitieren. Manche beherrschen sogar ein ganzes Repertoire an Mustern, das sie je nach Bedarf nutzen. Mit dem Leuchten bezirzen sie männliche Käfer der entsprechenden Art, die glauben, eine willige Partnerin gefunden zu haben. Noch ehe die getäuschten Männchen den Schwindel durchschauen, werden sie schon von der hungrigen Leuchtkäferdame verspeist.

Die Delfinschule der Diebe

Besonders gerissen stellen sich auch die Delfine an Sardiniens Nordküste an. In Scharen zieht es sie zu einer Fischfarm direkt vor der Hafenstadt Golfo di Aranci. In riesigen Netzen schwimmen dort große Fischschwärme, durch die Maschen rieselndes Futter lockt weitere Meeresbewohner an – ein reichhaltiges Buffet für die Großen Tümmler. Im Winter allerdings ist die Zeit des Überflusses für die Delfine vorbei: Dann verschwinden die kleineren Fische von der Küste, übrig bleiben allein die Schwärme in den Netzen – scheinbar unerreichbar.

Doch die intelligenten Delfine wissen sich zu helfen. Meeresforscher haben beobachtet, wie die Säuger die Netze der Farm öffnen, um tote Fische herauszuangeln. Oder um den Zuchtfischen einen Weg in die Freiheit zu bahnen – der für diese meist im Magen der Tümmler endet. Das Besondere an diesem Verhalten: Die Biologen konnten feststellen, dass die Delfinmütter diesen diebischen Trick an ihre Jungen weitergeben. Damit sorgen sie dafür, dass es eine Gruppe der Tiere schafft, schon seit Generationen im mittlerweile völlig überfischten Mittelmeerraum zu überleben.

Einbrecher sind in der Tierwelt weitverbreitet. In Mittel- und Südamerika lebt ein besonders raffinierter Täter: der Ameisenbär. Er muss sich auf der Suche nach seinem nächsten Einbruchsziel auf seinen Geruchssinn verlassen. Das Seh- und Hörvermögen dieses Ganoven ist nur mäßig entwickelt. Hat er einen geeigneten Termiten- oder Ameisenbau gefunden, macht er sich an die Arbeit.

Ein Ameisenbaer

Ein Ameisenbär auf der Suche nach lohnender Beute / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Seine persönlichen Einbruchswerkzeuge hat er immer dabei: Mit langen Krallen knackt er selbst die härtesten Termintenhügel. Ist die Behausung der Insekten erst einmal aufgebrochen, ist das Ausräumen der "Beute" ein Kinderspiel für ihn. In diesem Fall hat es der Dieb auf die Bewohner selbst abgesehen.

Mit einem weiteren Hilfsmittel, seiner bis zu 60 Zentimeter langen, schmalen Zunge, leckt er die Ameisen aus ihren Bauten. Bis zu 150-mal pro Minute schnellt sie vor und zurück, zudem ist sie mit klebrigem Speichel bedeckt, an dem die Insekten haften bleiben. Erst nach 35.000 Tieren ist der Ameisenbär satt. Der clevere Dieb achtet sogar darauf, ein Nest bei seinem Raubzug nicht völlig zu zerstören, und er steuert immer mehrere Bauten an: ein echter Serientäter.


Sendehinweis: ''W Wie Wissen''

Tierisch raffiniert – erstaunliches Verhalten im Reich der Tiere
SO, 17.2., Das Erste 17.00 Uhr

Autor: Nicole Wronski

Themen

Der Klick auf eine Kategorie führt Sie zur Übersicht aller passenden Einträge.

Anzeige