Tiere
Ein Elefantenkalb und seine Mutter haben ohne Herde kaum eine Chance.

Ein Elefantenkalb und seine Mutter haben ohne Herde kaum eine Chance. Zu leicht könnten die beiden Raubtieren zum Opfer fallen. / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Das Abenteuer Überleben

Tierbabys in der Wildnis

  • Artikel vom 01. Januar 2013

Patsch! Schon hat Äffchen Gremlin sich eine Ohrfeige gefangen. Und watsch! Da kommt von einem anderen Artgenossen gleich noch die zweite. Verstört flüchtet sich das kleine Affenmädchen zur Mutter, die es schützend in ihre Arme schließt. Gremlin, wie das Kamerateam das neun Wochen alte Tier getauft hat, gehört zu einer Gruppe von etwa 70 Ceylon-Hutaffen, die in den Tempelruinen von Polonnaruwa auf der Insel Sri Lanka ihr Revier hat.

Die Makakenart lebt in einer strikt hierarchischen Gesellschaft, in der die Geburt über Wohl und Wehe entscheidet. Gremlin hat das Pech, Tochter eines rangniederen Weibchens zu sein. Die Ruppigkeiten ihrer Artgenossen sind nicht etwa Strafe für Fehlverhalten, sondern sollen der Kleinen einfach ihren Platz zeigen. Eine harte, aber wichtige Schule, denn nur Unterwürfigkeitsgesten sichern Gremlin das Überleben in der Sippe.

Ein schwieriger Start

Überleben – das ist für alle Tierkinder die größte Herausforderung, egal ob groß oder klein, ob Raubtier oder Pflanzenfresser. Für die Reportage ''Born to be Wild'' hat die BBC an verschiedenen Orten der Welt sechs Jungtiere durch den Monat Mai begleitet – neben Makakenäffchen Gremlin auch ein Löwenjunges, ein Elefantenbaby, ein Erdmännchen sowie zwei junge Schwarzbären.

Da alle Tiere in speziellen Schutzgebieten geboren wurden, trugen sie bereits Namen oder wurden vom jeweiligen Kamerateam benannt. Nicht überall gestalteten sich die Dreharbeiten so unkompliziert wie in Polonnaruwa,wo Makaken und Menschen in friedlicher Nachbarschaft leben. Zumal die Population, in der Gremlin aufwächst, schon seit 1968 von Wissenschaftlern untersucht wird und Objekt der weltweit längsten Primatenstudie ist. Von klein auf an zweibeinige Beobachter gewöhnt, zeigen sich die Affen unbeeindruckt von Kameras und Mikrofonen. Ganz im Gegenteil: Neugierig nutzen sie jede Gelegenheit, um die merkwürdigen Geräte intensiv zu erkunden.

Ceylon-Hutaffen

Schon kleine Ceylon-Hutaffen müssen ihren Platz in der Hierarchie lernen. / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Noch zutraulicher wurden die Erdmännchen, die Kameramann Toby Strong in der Kalahari filmte. Sie gehören zum Kalahari Meerkat Project, bei dem in einer Langzeitstudie seit über 20 Jahren diverse Gruppen wilder Erdmännchen beobachtet werden. "Die Tiere sind an Menschen gewöhnt", sagt Strong. "Vermutlich nehmen sie uns als einen Teil der Landschaft wahr." So zumindest fühlte sich der Naturfilmer, als ihm eines der drolligen Kerlchen auf den Kopf kletterte, um das Gelände besser überblicken zu können.

Mit seinem Team begleitete Toby Strong eine Gruppe von etwa 25 Erdmännchen, in der Studie "The Whiskers" genannt. Um die Tiere aus einer "privateren" Perspektive zu zeigen, ersann Strong einen Trick: "Wir haben das Schwebestativ umgedreht und die Kamera darunter montiert, sodass wir uns 30 Zentimeter über dem Boden bewegten." Genau auf Augenhöhe mit seinen quirligen Protagonisten, darunter vier erst wenige Wochen alte Jungtiere.

Dieser Nachwuchs wird zwar noch gesäugt, braucht zusätzlich aber schon feste Nahrung. Doch genau die ist nach einer langen Dürre knapp. Zudem bricht in der Kalahari im Mai der Winter an, nachts wird es bitterkalt. Für die Jungen eine ernste Gefahr, denn trotz Gemeinschaftskuscheln im unterirdischen Bau verlieren sie über Nacht bis zu 50 Prozent des Körpergewichts allein für die Anstrengung, sich warm zu halten. Umso wichtiger ist Nahrung.

Erdmaennchen

Kleine Erdmännchen sind auf Futtergaben der erwachsenen Tiere angewiesen. / Foto: © picture alliance / empics

Bei den täglichen Beutezügen nach Insekten, Eidechsen und Eiern sind die kleinen Erdmännchen auf die Sippe angewiesen: Da sie selbst nicht genug Kraft zum Graben haben, müssen sie bei jedem Familienmitglied um einen Happen betteln – den sie in mageren Zeiten nicht immer bekommen. Nur die Hälfte der Jungen wird den Winter überleben.

Schule des Überlebens

Auch bei vielen anderen Tieren entscheidet der Familienverband über Leben und Tod des Nachwuchses. Ein Löwenbaby, das im Rudel aufwächst, hat beispielsweise deutlich bessere Überlebenschancen als der kleine Moja, der im kenianischen Masai-Mara-Wildreservat von einer einzeln lebenden Löwin aufgezogen wird. Auch hier ist der Mai ein Hungermonat, da erst im Juli die riesigen Gnuherden aus der Serengeti zurückkehren. Auf sich allein gestellt kann die Löwin nur wenig Beute machen, die ihr oft auch noch von Hyänen abgejagt wird.

Doch ihrem Jungen droht nicht nur das Verhungern, es ist weiteren Gefahren ausgesetzt: Würde es von einem benachbarten Löwenrudel entdeckt, würde der Anführer den fremden Nachwuchs töten. Und während Rudelkinder spielerisch das Jagen und Kämpfen erlernen, ist Moja allein auf seine Mutter angewiesen – kein idealer Start ins Löwenleben.

Loewenbaby

Ein Löwenbaby, das ohne Rudel aufwächst, hat es deutlich schwerer. / Foto: © picture alliance/Anka Agency International

Gerade für den Nachwuchs ist die Gemeinschaft nicht nur Schutz, sondern zugleich Schule des Überlebens. Das gilt besonders für Elefanten, die ausgeprägte Sozialstrukturen haben. Während die Bullen oft als Einzelgänger umherziehen, schließen sich Kühe zu einer Herde zusammen, in der die Älteren ihre Erfahrungen weitergeben. Elefantenbaby Maya ist im Samburu-Nationalpark in Kenia abseits ihrer Herde zur Welt gekommen: Da die Geburt zu lange dauerte, zogen die Tiere weiter.

Ein BBC-Team verfolgt, wie die Mutterkuh das nur wenige Stunden alte Kalb auf der Suche nach Anschluss durch die heiße Savanne treibt. Eine Strapaze für den Minidickhäuter, der sich nicht mal mit einem ersten Schluck Muttermilch stärken konnte. Und doch überlebenswichtig: Allein mit der Mutter, wird das Kalb zur leichten Beute für hungrige Löwen.

Seine Rettung ist die besondere Kommunikation der Elefanten: Sie verständigen sich per Infraschall – für Menschen unhörbare Schwingungen, die in der Luft und im Boden bis zu 30 Kilometer weit tragen. Mit dem Erreichen der Herde hat Maya das erste große Abenteuer ihres jungen Lebens überstanden. Im Schutz der Großfamilie wird sie nun alles lernen, was sie für das Leben in der Wildnis braucht.


Sendehinweis: ''Born to be Wild''

BBC-Reportage über sechs Jungtiere und ihre abenteuerliche Kindheit
DI, 1.1., N24, 12.05 Uhr

Autor: Judith Heisig

Themen

Der Klick auf eine Kategorie führt Sie zur Übersicht aller passenden Einträge.

Anzeige