Tiere
Löwen sind zwar gefährlich, aber sehr verschmust.

Löwen sind zwar gefährlich, aber sehr verschmust. / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Kevin Richardson

Ein Leben für die Löwen

  • Artikel vom 23. November 2012

Sie legen ihm ihre Babys vor die Füße, schlecken seinen Kopf ab, dösen gemeinsam mit ihm in der Sonne. Manchmal umarmen sie ihn sogar. Kevin Richardson (38), der Löwenmann aus Südafrika, gehört zu ihrem Rudel. Die Raubkatzen sind seine Familie. Kein Mensch darf, so wie er, mit ihnen spielen. Keiner legt sich zu ihnen auf Augenhöhe ins Gras oder tollt mit ihnen auf dem Boden herum. Kraul mir die Mähne, fass mich an, umarm mich und spiel mit mir! Das scheinen die Löwen zu sagen, wenn Richardson in ihrer Nähe ist.

Für den Umgang mit den gefährlichen Wildtieren gibt es klare Regeln: Schau ihnen nicht in die Augen. Dreh ihnen nie den Rücken zu, bück dich nicht, lauf nicht, mach keine hektischen Bewegungen. Schrei nicht, red leise. Trag einen Stock oder eine Waffe bei dir. Richardson hält sich an keine dieser Regeln. Er brüllt: "Woaahhh, woaahhh!" Und ein großer weißer Löwe schmiegt sich an ihn. "Einige von ihnen sind meine Brüder, andere nur Bekannte, manche halten mich tatsächlich für einen Löwen", sagt Richardson.

Alle seine 28 Raubkatzen hat er mit großgezogen. Einige streichelte er schon kurz nach der Geburt, andere lernte er als halbstarke Teenager kennen. Dann sind Löwen etwa zwei bis drei Jahre alt. "Hey, Jungs kommt her", ruft Richardson, und zwei ausgewachsene Löwen laufen auf ihn zu. Die Männchen wiegen bis zu 270 Kilogramm und gehen dem Südafrikaner bis zur Brust. Sie schmiegen ihre Köpfe an seinen Körper.

Minuten später raufen alle im Staub: zwei männliche, zwei weibliche Löwen und ihr Mensch. Zwei tellergroße Pranken legen sich um seinen Hals, er erschwindet fast unter der Mähne, aber meist passiert ihm nichts.

Gefährliche Freunde

Richardsons Löwenleidenschaft fing 1998 an. Er war damals 23, Physiotherapeut und liebte Tiere, als ihn der Besitzer des Lion Park bei Johannesburg mit ins Gehege nahm. Sechs Monate waren Tau und Napoleon alt. " Ich konnte es damals noch nicht wissen, aber die beiden sollten meine engsten Freunde, meine Brüder werden", sagt Richardson heute. Als er das erste Mal mit ihnen allein war, traktierten sie ihn. Mist, die wollen mich fressen, dachte er. "Aber Tau wollte einfach nur spielen", weiß er heute. Das Spiel glich einer Misshandlung.

Und lange Zeit kaufte Richardson seine Hemden nur noch im Discounter, weil pro Woche mindestens eines in Fetzen ging. Täglich verbrachte er damals wenigstens drei Stunden mit den Halbstarken Tau und Napoleon, setzte sich zu ihnen ins Gras, beobachtete sie. Er tut das noch heute, weil er Löwen liebt.

Mit seinem Engagement möchte er die Tiere schützen. Denn wilde, frei lebende Exemplare gibt es auch in Südafrika nicht mehr. Allein in den letzten 15 Jahren dezimierte sich die Löwenpopulation von 350.000 auf geschätzte 25.000 Tiere. Sie leben auf Löwenfarmen, im Nationalpark oder in Privatgehegen wie jenem von Richardson, das rund 800 Hektar umfasst.

Nicht jeden Tag ist es dort für den Löwenflüsterer wie im Streichelzoo. Den einen Tag darf er zur zutraulichen Pelokghale, die gerade Junge geworfen hat, am nächsten zeigt sie mit ihrem Schwanz, der wild hoch- und niederpeitscht, dass etwas nicht stimmt. Richardson sieht das, geht aber doch zu den Löwenbabys, bis Pelokghale ihn abdrängt und nach draußen befördert.

"Inzwischen habe ich den sechsten Sinn bei Löwen. Manchmal verstehe ich sie besser als Menschen", sagt der Tierfreund. "Löwen sind direkt, sie haben keine Hintergedanken. Sie zeigen dir Respekt und Liebe, und wenn du sie nervst, zeigen sie das auch."

Er studiert ihr Verhalten, beobachtet sie, registriert, ob sie leise und freundlich knurren oder bedrohliche Laute ausstoßen. "Es ist wie bei allem anderen auch. Am Anfang macht man Fehler, für die bezahlt man. Später lernt man immer mehr und versteht, worum es wirklich geht", erklärt er. Zusehends feiner wird sein Sinn für die großen Katzen.

Eine Lektion lernte er schmerzhaft, als ihn Tsavo, einer seiner Lieblingslöwen, fast in Stücke riss: Tsavo legte die Ohren zurück und knurrte. Dann rannte er auf Richardson los, stellte sich auf die Hinterbeine und schlug ihm von oben die Pranke ins Gesicht. Die Kratzer waren tief, aber gottlob nicht lebensbedrohlich. Für Richardson waren sie dennoch eine Lehre. "Bei Löwen geht es immer um Respekt, und ich habe die erste Warnung von Tsavo nicht ernst genommen", weiß er jetzt. An dem Tag, als Tsavo ihm die Pranke zeigte, wollte er ihn einfach nicht in seinem Revier haben.

Mehr als ein paar Risse, Bisse oder Abschürfungen gab es nie. Dennoch: Im Krankenhaus kennen ihn alle, denn er wird dort oft verarztet. Die Standardfrage, die dann kommt, lautet: "Löwe oder Hyäne?" Anschließend erleben Ärzte und Schwestern, was niemand versteht: Der Mann, der mit Wildtieren spricht und spielt, hat panische Angst vor Spritzen.

Richardsons Liebe gehört nicht nur den Löwen, auch Hyänen und Leoparden zieht er auf. Können Muttertiere ihre Jungen nicht säugen, springt er ein. Am Anfang schmuggelte er die Tiere mit seiner Frau Mandy in die eigene Wohnung. Haustiere waren dort zwar streng verboten – aber wo sollten sie hin? In Kartons kamen sie ins Apartment. Schnell lernten Kevin und Mandy, dass man Hyänen am besten in Bad und Küche hält, da sich beide Räume einfach reinigen lassen.

Inzwischen hat das Paar ausreichend artgerechten Platz für die Tiere: im Privatgehege The Kingdom Wildlife Sanctuary in Dinokeng bei Pretoria, wo noch in diesem Jahr ein neues, größeres Areal eröffnet wird. Die bis zu 20.000 Dollar, die seine Löwenpflege pro Monat verschlingt, bringt Richardson durch Dokumentar- oder Werbefilme auf – und durch den Erlös seines soeben erschienenen Buches "Der Löwenflüsterer". Zudem zahlen viele freiwillige Helfer eine Gebühr, um den Löwen näherkommen zu dürfen.

Die Löwenbabys, die Richardson großgezogen hat, würden heute fast alles für ihn tun. Auch Dinge, die sich für Raubkatzen eigentlich nicht gehören. chwimmen etwa. Als Richardson zu einem kleinen Teich läuft und hineinspringt, schwimmt Löwin Meg ihm hinterher. Im Wasser legt sie ihre Pranken auf seine Schulter, ohne den kleinsten Kratzer zu hinterlassen. Meg und Ami sind laut Richardson "die beiden sanftesten Löwinnen, die ich kenne". Eines Tages aber schmissen sich beide vor lauter Liebe auf ihn – und erdrückten ihn fast. "Das war die gefährlichste Situation, in der ich je steckte. Fast eine Nahtoderfahrung."

Meg und Ami wiegen zusammen mehr als 300 Kilo und raubten ihm förmlich die Luft zum Atmen. Zum Glück war ihr Liebesanfall bald vorbei, und sie rollten zur Seite. "Löwen sind extrem liebebedürftig", so Richardson. "Sie brauchen mehr Körperkontakt als irgendjemand sonst."


Buchtipp - Kevin Richardson: ''Der Löwenflüsterer'', Unimedica Verlag, 272 Seiten, 19 Euro

Der Loewenfluesterer

Cover: © Unimedica Verlag

Autor: Esther Langmaack

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