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Eine Genveränderung färbt das Fell der sogenannten ''Geisterbären''.
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Eine Genveränderung färbt das Fell der sogenannten ''Geisterbären''. / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Die heiligen Tiere der Indianer

Das Geheimnis der Geisterbären

  • Artikel vom 08. Dezember 2012

Sie nennen ihn Mooksgm’ol – Geisterbär. Die Indianer vom Stamm der Gitga’at an Kanadas Pazifikküste bezeichnen damit ein weißes Tier, dem sie übernatürliche Kräfte zuschreiben und das ihnen seit Urzeiten heilig ist. Nie haben sie diesem Wesen eines der weißen Haare gekrümmt. Selbst heute, da der Kult bei den Indianern keine große Rolle mehr spielt, schützen sie den hellen Petz mit großem Engagement, denn die Traditionen ihrer Ahnen sind ihnen noch heilig.

"Unser Volk hat die Geisterbären nie gejagt", bestätigt Helen Clifton, mit 86 Jahren die Stammesälteste der Gitga’at. "Ich rate unseren jungen Leuten immer: ‚Wenn ihr mal einen Geisterbären sehen solltet, sagt das auf keinen Fall weiter.‘" So schützen die Indianer ihr Kulttier auch davor, von anderen abgeschossen zu werden, beispielsweise von weißen Jägern.

Moos und Mammutbäume

Es gibt nicht allzu viele Menschen, die jemals einen Geisterbären gesehen haben. Die Tiere leben fast nur im Great Bear Rainforest, dem "Regenwald des großen Bären" an der Küste der kanadischen Provinz British Columbia. Es ist ein geheimnisvoller, unzugänglicher Urwald, viele der Bäume dort sind mehr als tausend Jahre alt und nahezu hundert Meter hoch. Unablässig schickt der Pazifik eine Regenfront nach der anderen übers Land,alles ist feucht, Moose überziehen die Bäume und Felsen. Auf 400 Küstenkilometern erstreckt sich der rund 65.000 Quadratkilometer große Wald, für Naturliebhaber ein einzigartiger Schatz und einer der letzten seiner Art.

Es ist ein Zauberwald für Mooksgm’ol, den weißen Bären, der kein Albino und auch kein Eisbär ist, sondern ein genetisch leicht veränderter Schwarzbär. Irgendwann, vor vielen tausend Jahren, muss es eine Genmutation gegeben haben, die das Fell eines Schwarzbären weiß färbte. Dieses veränderte Gen steckt nun in der Bärenpopulation des Great Bear Rainforest, ohne dass es immer in Erscheinung tritt. Nur wenn sich zwei Bären paaren, die beide das Weiß-Gen in sich tragen, kann der Nachwuchs ein Geisterbär werden. Bei jedem zehnten Jungen tritt das ein. Insgesamt wird die Zahl der seltenen Tiere auf 150 bis 200 geschätzt.

So sehr sie von den Indianern verehrt werden, so begehrt sind sie bei Jägern, die sich gern ein weißes Schwarzbärenfell vor den Kamin legen.

Ob weiß oder schwarz – schöner als hier können Bären nicht leben. Im November suchen sie sich eine Höhle zwischen den Wurzeln der riesigen Bäume, polstern sie mit Blättern aus, grunzen wohl noch mal wohlig und schlummern dann durch bis zum Frühjahr. Sind sie weiblich, bringen sie fast im Schlaf meist zwei Junge zur Welt. Wenn im Frühjahr der Schnee schmilzt, führt die Mutter ihre Kleinen in ein Paradies für Bären. Nahrung finden sie in Hülle und Fülle: Beeren, Nüsse, Honig, kleine Wirbeltiere. Im Herbst fangen sie in den Flüssen Lachse. Sie müsssen niemanden fürchten – außer die Grizzlys.

Der größte Feind des Zauberwaldes ist jedoch die Provinzregierung von British Columbia. Sie will das Terrain den Holzkonzernen ausliefern. Ein trauriges Schicksal, das anderen Küstenwäldern und jenen auf Vancouver Island bereits widerfahren ist. Häufig blieb von ihnen nichts als ein wenige Meter breiter Waldstreifen entlang der Straßen, der für Touristen verdecken soll, dass sich dahinter nur gigantische einförmige Plantagen mit schnell wachsenden Bäumen erstrecken.

Stück für Stück wird nun auch der Wald des Geisterbären zum Abholzen freigegeben. Dass die Regierung das Tier als offizielles Symbol für die Provinz gewählt hat, wirkt da beinahe wie eine Ironie des Schicksals.


Sendehinweis:

''Welt der Tiere - Komm wieder heim, kleiner Geisterbär!''
Doku über diese seltenen Geschöpfe
SO, 9.12., BR, 15.45 Uhr

Autor: Walter Karpf

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