Tiere
Bonobo-Jungtier

Ein Bonobo-Jungtier. Bild: © dpa

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Menschen und Affen

  • Artikel vom 10. August 2011

Der sprechende Affe

Das Affenkind Koko (11 Jahre) zeigt auf ein Foto von einem Vogel und wird neckisch: "Das ich", sagt es zur Wissenschaftlerin Barbara Hiller. Die fragt zurück: "Bist du das wirklich?" Antwort: "Koko guter Vogel." Hiller: "Ich dachte, du bist ein Gorilla." Koko schwindelt weiter: "Koko Vogel." Hiller: "Kannst du fliegen?" Koko: "Gut." Hiller: "Was bist du wirklich?" Koko lacht und sagt schließlich: "Koko Gorilla." Die Sensation hätte kaum größer sein können, wäre Koko wirklich geflogen.

Ein Tier konnte sich mit Menschen unterhalten. Seit frühester Kindheit wurde Koko von Forschern betreut und im Gebrauch der amerikanischen Zeichensprache für Taubstumme (ASL) trainiert. Sie beherrschte bald rund 1000 Zeichen. Außerdem verstand die heute 40-jährige Koko schon als Kind mehrere Tausend englische Wörter – von Bundeskanzler Konrad Adenauer heißt es, er sei mit 1500 deutschen Wörtern ausgekommen. Nur wie ein Mensch sprechen konnte Koko nicht, denn dafür fehlen Affen bestimmte anatomische Voraussetzungen im Rachen.

Mensch oder Tier?

Es war das erste Mal in der Geschichte, dass Menschen wie durch ein Fenster in die Gefühls- und Wissenswelt von – ja, was eigentlich: Tieren? Menschenaffen? Menschen? – blicken konnten. Und sie sahen, dass es in der Seele eines Gorillas nicht viel anders zugeht als in unserer. Koko empfand Angst, Hoffnung, Schmerz und Glück wie wir, sie benutzte Wörter wie "glücklich", "furchtsam", "traurig" und immer wieder "Liebe".

Bis dahin war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass es zwei Gruppen von Lebewesen gibt: hier die Menschen, dort die Tiere. Und die Forscher waren stets bemüht, die Einzigartigkeit ihrer eigenen Art herauszustellen. Noch vor 50 Jahren war es gängige Meinung, dass Tiere nur instinktgesteuert und allein Menschen intelligent seien. Dieses Idealbild ist heute gründlich überholt.

HÖRZU fragte den Primatenforscher Volker Sommer, Anthropologieprofessor und Theologe, was für ihn das Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber den Menschenaffen sei. "Das gibt es meiner Meinung nach nicht", sagt er. "Es sei denn, wir wollten sagen: Nur Menschen sind diejenigen, die mindestens einen Kölner Dom bauen oder die Formel von Coca-Cola kennen – dann gehören Sie und ich aber auch nicht dazu."

Sind wir Menschen Affen?

Sind Menschen und Menschenaffen also eins? Ein Schimpanse sieht ja deutlich anders aus als wir: behaart, Überaugenwülste, Gang auf vieren. Doch im Inneren ist die Übereinstimmung erstaunlich. Organe, Sinne, selbst die Feinchemie des Blutes, alles identisch. Und dann die Gene: Mehr als 98 Prozent der Erbmasse von Mensch und Schimpanse sind gleich. Der US-Evolutionsbiologe Jared Diamond bezeichnet den Menschen auch deswegen als "dritten Schimpansen". Professor Sommer geht sogar noch weiter: "Alternativ begreifen wir Schimpansen und Bonobos als zwei weitere Menschenarten."

Säugetiere gibt es seit etwa 200 Millionen Jahren. Im Lauf der Zeit spalteten sich alle anderen Arten von der Linie ab, die zu uns Menschen führt. Heute rund 5500. Von den großen Menschenaffen verließen als Erste die Orang-Utans die gemeinsame Linie, vor 11,3 Millionen Jahren. Die Gorillas folgten vor 6,4 Millionen Jahren. Der letzte gemeinsame Vorfahr von Menschen und Schimpansen lebte vor 5,4 Millionen Jahren, und von der Schimpansenlinie spalteten sich vor 1,5 Millionen Jahren noch die Bonobos ab.

Diese enge Verwandtschaft von Affen und Menschen will nicht jeder wahrhaben. Vor allem nicht diejenigen, die Darwins Evolutionstheorie noch immer ablehnen. Sie hätte vielleicht eine Begegnung mit Washoe überzeugen können. Die 2007 gestorbene Schimpansenfrau beherrschte ebenso wie Koko die US-Taubstummensprache.

Eines Tages hatte sie es sich in ihrem Raum im Institut der Central Washington University gemütlich gemacht und sah sich die Bilder in einer Illustrierten an. Und wie das so ist: Sie nickte ein, die Zeitschrift fiel zu Boden. Das sah Loulis, ihr Adoptivkind, griff sich das bunte Heft und flitzte ins Kinderzimmer, wohin Washoe dem Lümmel nicht folgen konnte. Empört wiederholte sie immer wieder auf ASL: "Schmutzig, schmutzig!" Keine Frage, dass sie aus vollem Herzen über die freche Jugend schimpfte.

Forschung im Urwald

Als erster moderner Forscher beschäftigte sich der Anthropologe Louis Leakey (1903 bis 1972) mit den drei großen Menschenaffen. Zudem stellte er sich die Frage, wer die Menschen wirklich sind und wo sie herkommen. Deswegen schickte er in den 60ern und Anfang der 70er-Jahre drei junge Mitarbeiterinnen in den Dschungel: Dian Fossey ging zu den Berggorillas nach Ruanda. Sie wurde wegen ihrer höchst erfolgreichen Arbeit ermordet, ihr Leben verfilmt ("Gorillas im Nebel"). Jane Goodall sandte er zu den Schimpansen nach Tansania. Sie führte ihr Projekt mit Glanz durch, heute ist sie Friedensbotschafterin der Uno. Biruté Galdikas ging nach Borneo und widmet ihr Leben bis heute den rothaarigen Orang-Utans.

Autor: Walter Karpf

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