Psychologie
Nehmen Sie sich mehr Zeit für sich.

Jede zweite Hausfrau und Mutter gibt an, für sich selbst gerade mal 30 Minuten Freizeit pro Tag zu haben, 15 Prozent sagen sogar, dass ihnen überhaupt keine Zeit bleibt. - Foto © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra

Plus: Psychotest

Die Kunst des Loslassens

  • Artikel vom 02. November 2012

Immer mehr Termine, Pflichten, Dinge, die zu tun sind. So entsteht in uns das Gefühl, vom Alltag überrannt zu werden. Höchste Zeit, Ballast abzuwerfen.

"Die Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden. Sie loslassen bedeutet, dass man sie sein lässt.“
Jack Kornfield, buddhistischer Lehrer


Achtung, Ballast! - Zeitdiebe und Energiefresser

Psychotest: Wie gut können Sie wirklich loslassen?


Es ist, als sei mit dem Sommer auch alle Leichtigkeit verschwunden. Die grauen Tage im Herbst und Winter lassen uns wieder spüren, dass nicht alles rund läuft in unserem Leben und wir Ballast mit uns herumschleppen, der im Alltag zur Bürde wird. Wir können uns von diesem Bewusstsein in ein Stimmungstief ziehen lassen – oder es aber als willkommene Chance begreifen, Dinge zu ändern. Eine Option, die niemandem Angst machen muss. Sie erfordert keine radikalen Schritte oder dramatischen Veränderungen, denn wie so oft steckt auch in unserem Leben der Teufel im Detail.

Häufig sind es die vielen kleinen Zeit- und Energieräuber des Alltags, die uns niederdrücken und uns das Gefühl geben, dass sie uns im Griff haben statt wir sie. Wir schleppen sie unbewusst mit, weil sie sich in unserem Tagesablauf, in unserem Terminkalender, in unserem Zuhause versteckt haben. Weil sie so selbstverständlich scheinen, dass sie uns nicht mehr auffallen. Es können Gegenstände sein, Menschen oder auch Verhaltensweisen: Gerümpel zum Beispiel, das wir in Schränke stopfen, damit es uns nicht im Weg steht, und das wir trotzdem jedes Mal, wenn wir den Schrank öffnen, zwangsläufig in die Hand nehmen.

Vielleicht auch Menschen, die uns einst vielleicht nahe waren, denen wir eigentlich aber schon lange nichts mehr zu sagen haben. Oder aber die Routineeinkäufe, die den halben Samstag kosten, nur weil man sich nach der Arbeit in der Woche nicht aufraffen kann, zum Großeinkauf in den Supermarkt zu fahren. "Je mehr die Berge wachsen, desto schwieriger wird es, sie anzugehen", warnt Birgit Medele, Organisationscoach und Autorin von Hier bestellen: "Leben statt kleben!" (Lichtland, 200 Seiten, 12,80 €). Das gehe so, "bis sie uns irgendwann über den Kopf wachsen".

So vieles frisst Zeit

Dazu kommt auch: Das Leben um uns herum wird immer schneller, hektischer. Wir werden mit Informationen überschüttet, eine Veranstaltung jagt die nächste, noch nie hatten wir mehr Freizeitmöglichkeiten. Mails und SMS drängen. Gerade für sie unterbrechen wir Aufgaben, brauchen danach aber Zeit, wieder hineinzukommen. Oder das Internet: toll – aber ein weiterer Zeitfresser. Laut "ARD/ZDF-Onlinestudie 2012" verbringen Erwachsene täglich 83 Minuten im Internet, dazu kommen 242 Minuten Fernsehzeit und 191 Minuten Radiozeit.

Unser Tag ist überfüllt, unser Leben überfrachtet. Wir haben alles – nur keine Ruhe mehr, keine Muße für das, was uns wichtig ist: 83 Prozent der Deutschen wünschen sich, mehr Stunden mit ihrer Familie verbringen zu können, aber nur 23 Prozent finden diese Zeit tatsächlich. Jede zweite Hausfrau und Mutter gibt an, für sich selbst gerade mal 30 Minuten Freizeit pro Tag zu haben, 15 Prozent sagen sogar, dass ihnen überhaupt keine Zeit bleibt. Gegen all das hilft nur eines: eine groß angelegte Entrümpelungsaktion. "Loslassen ist wichtiger Bestandteil unseres Lebens, daran kommt keiner vorbei", sagt Medele. "Solange wir das ausblenden oder vermeiden, verschwenden wir kostbare Energien und machen uns das Leben schwer."

Nehmen Sie sich mal wieder Zeit für sich.

Kunst des Loslassens
Foto © picture-alliance / Creasource

Hören Sie lieber auf sich selbst, erkennen Sie die Warnzeichen wie Antriebslosigkeit, Trägheit, Müdigkeit. Auch das Gefühl, sich schon lange nicht mehr auf etwas gefreut zu haben, zeigt: Ihr Lebensrucksack ist deutlich überladen. Alarmglocken sollten auch schrillen, wenn Sie ständig nach Dingen suchen müssen. Tipp: Beobachten Sie eine Woche lang Ihren Alltag, schreiben Sie auf, welche Tätigkeiten wie viel Zeit kosten, oder listen Sie wenigstens auf, was Sie erledigen. Vergessen Sie dabei nicht die Beantwortung von Mails oder SMS, das Klingeln des Telefons, auf das man dann doch genervt reagiert und sich stören, ablenken lässt in dem, was man eigentlich gerade zu Ende bringen wollte.

Schauen Sie am Ende der Woche auf die Liste – und streichen Sie alle unnötigen Aktionen und Tätigkeiten. Was wirklich wichtig ist, entscheiden nur Sie, nicht andere. Denken Sie daran: Sie können nur vorwärtsgehen, wenn Sie unter dem Rucksack, den Sie gepackt haben, nicht zusammenbrechen.

Ballast blockiert uns

Kaufen, Dinge anschaffen – eigentlich ist das ein Riesenspaß. Aber einer, der uns in neue Ketten legt. Ein Handykauf zum Beispiel hat Nebenwirkungen: Im Vorfeld informieren wir uns stundenlang, welches Modell für uns das beste ist, und nach dem Kauf arbeiten wir uns durch seitenlange Gebrauchsanweisungen, beschäftigen uns mit Downloads, Software, notwendigen Updates. Was wir anschaffen, müssen wir auch irgendwann aufräumen. Oder überhaupt erst wiederfinden.

Studien gehen davon aus, dass wir 19 Prozent unserer Zeit nur mit Suchen verbringen. Und: Nur rund 20 Prozent unserer Besitztümer benutzen wir oft und gern. Der Rest? Streng genommen unnötig. Ballast, der uns blockiert. Erinnerungsstücke, die man seit Jahrzehnten durchs Leben schleppt, zum Beispiel. Die man natürlich nicht einfach wegschmeißen kann. Oder doch? Bei Uromas Lieblingsvase, der Obstschüssel, die ein Hochzeitsgeschenk war, einem Bild, das man im ersten Griechenlandurlaub gekauft hat, geht es weniger um den Gebrauchswert als um die Frage: Tut mir das wirklich gut?

Manche Erinnerungen stimmen uns unmerklich traurig oder nachdenklich, weil sie eben nicht nur mit schönen Gedanken verbunden sind. "Gehen Sie die Dinge durch, die Sie umgeben", rät Birgit Medele, "und fragen Sie sich ehrlich: Was füllt mich mit Energie, und was laugt mich beim bloßen Anschauen oder Anfassen schon aus?" Trennung ist manchmal die beste Lösung. Das gilt auch für alte Ideen und Gedanken, die man mit sich herumträgt. Der Wunsch, irgendwann doch wieder in Größe 36 zu passen, der Traum, ein Haus auf dem Land zu kaufen oder im Job völlig umzusatteln, sind kein Ansporn, sondern eine Belastung. Dann jedenfalls, wenn sie nur unrealistische Hirngespinste sind.

Routine: Feind beim Ausmisten des Lebens

Sie mitzuschleppen bedeutet, sich stets an das zu erinnern, was man nicht erreicht hat, nicht besitzt – und das drückt gewaltig auf die Stimmung. Wenn man solche Belastungen endlich loslässt, hat man den Kopf wieder frei. Unter anderem für Ziele und Projekte, die man wirklich verfolgen sollte. Der allergrößte Feind beim Ausmisten des Lebens ist die Routine.

So selbstverständlich sie Handgriffe und Erledigungen macht, so sehr hindert sie uns auch daran, sie infrage zu stellen: Der Englischkurs an der Volkshochschule, den wir vor drei Jahren so begeistert begonnen haben – macht uns der wirklich noch Spaß, oder passt er längst nicht mehr in unseren Alltag? Und was ist mit der Gewohnheit, am Sonntagnachmittag bei den Schwiegereltern zum Kaffee zu erscheinen, obwohl man manchmal viel lieber einen Spaziergang mit der Familie machen oder einfach in aller Ruhe ein Buch lesen möchte.

Auch wenn die Routine meckert: Kurse kann man kündigen, den Schwiegereltern darf man ruhig vorsichtig klarmachen, dass man mehr Zeit für den Partner oder für die Familie braucht. Gewohnheiten sind warm und wonnig. Loslassen kann dagegen ein flaues Gefühl im Magen bereiten. Weil es bedeutet, Abschied von Dingen oder Menschen zu nehmen, die ein Gewohnheitsrecht in unserem Leben hatten. Uns macht es Angst – aber auch den anderen. Die Freundin befürchtet vielleicht, dass man sie nicht mehr überallhin begleitet, Eltern sorgen sich, dass man sie abschreiben könnte, der Partner ist verwirrt, weil man mehr Zeit für sich selbst haben möchte.

Loslassen braucht Mut. Aber es schenkt einem ein völlig neues Gefühl, die Leichtigkeit des Seins. Und ganz nebenbei auch Klarheit. In jeder Hinsicht: "Das Äußere spiegelt auch unser Inneres wider", erklärt Coach Birgit Medele. "Mit jeder positiven Veränderung im Äußeren geht eine parallele Veränderung im Inneren einher. Ausmisten ist also aktive Persönlichkeitsentwicklung. Wir lernen, Entscheidungen zu treffen und loszulassen." Es ist Zeit, den Alltag aufzuräumen, das Leben zu entrümpeln. Weil das eine Bürde von unseren Schultern nimmt, Luft zum Atmen gibt und uns offen macht für Neues. Machen wir uns frei. Endlich.

Autor: Silke Pfersdorf

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