Psychologie
Fünf Merkmale sind prägend für jeden Menschen.

Fünf Merkmale sind prägend für jeden Menschen. Manche Menschen fahren besonders schnell aus der Haut, andere bleiben auch bei Stress gelassen. - Foto © picture-alliance / dpa

Fünf Merkmale sind prägend

Das Geheimnis der Persönlichkeit

  • Artikel vom 10. Dezember 2012

Wer bin ich? Und bleibe ich für immer so? Wissenschaftler entschlüsseln die Grundzüge des Charakters und seinen Einfluss auf unser Leben.


Persönlichkeit: Fünf Merkmale sind prägend für jeden Menschen

In der Psychologie werden fünf wichtige Faktoren definiert, mit denen sich die Persönlichkeit eines Menschen treffend darstellen lässt. Diese Merkmale können bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Die Kombination aus den verschieden intensiven Eigenschaften ist ein Teil unserer Individualität.

1. Extraversion
Sehr ausgeprägt: Gesprächig, gesellig, dominant, zupackend, spontan, herzlich, heiter, optimistisch.
Nicht ausgeprägt: Zurückhaltend, ruhig, gern allein aktiv, ernst, unabhängig, gehemmt, in sich gekehrt.

2. Emotionale Stabilität
Sehr ausgeprägt: Entspannt, zufrieden, ausgeglichen, selbstsicher, ungezwungen, stressresistent.
Nicht ausgeprägt: Gestresst, ängstlich, sorgenvoll, angespannt, unsicher, verlegen, pessimistisch, traurig.

3. Offenheit
Sehr ausgeprägt: Vielseitig, neugierig, philosophisch, kreativ, eher unkonventionell, reflektiv, fantasievoll.
Nicht ausgeprägt: Traditionell, bewahrend, wenig offen für Neues, engstirnig, konservativ, eher konventionell.

4. Gewissenhaftigkeit
Sehr ausgeprägt: Ordentlich, überlegt, arbeitsam, pünktlich, verantwortlich, planend, sorgfältig, zuverlässig.
Nicht ausgeprägt: Unvorsichtig, spontan, eher willensschwach, unachtsam, ungenau, nachlässig.

4. Verträglichkeit
Sehr ausgeprägt: Harmoniebedürftig, friedlich, kooperativ, mitfühlend, nett, hilfsbereit, nachgiebig.
Nicht ausgeprägt: Egozentrisch, stur, aggressiv, misstrauisch, hart, sehr skeptisch, wettbewerbsorientiert.


Man kann es ruhig mal laut sagen: Sie sind einzigartig. Eine ganz besondere Persönlichkeit. Man muss allerdings auch sagen: Das gilt nicht nur für Sie, sondern für alle anderen Menschen ebenfalls. Jeder von uns ist ein singuläres Wesen, geprägt von verschiedenen Charakterzügen, Gedanken, Gefühlen, Verhaltensweisen. "Diese Gesamtheit an Eigenschaften nennen wir Persönlichkeit", so Entwicklungspsychologe Prof. Jaap Denissen von der Universität Tilburg (Niederlande). Dazu gehören alle Wesenszüge, die eine gewisse Stabilität haben. "Etwas, das sich von Tag zu Tag relativ leicht verändern kann, wie etwa schlechte Laune am Morgen, hat per Definition nichts mehr mit Persönlichkeit zu tun."

Fünf wichtige Wesenszüge

Trotz dieser Eingrenzung bleibt die Persönlichkeit ein vielfältiges, schwer zu fassendes Phänomen. Im Sprachgebrauch stehen uns exakt 17.953 Begriffe zur Verfügung, um sie zu beschreiben. Das zumindest ermittelten vor einigen Jahren zwei Psychologen, die alle Begriffe aus einem Wörterbuch herausschrieben, mit denen sich ein Mensch charakterisieren lässt: von A wie aggressiv bis Z wie zuverlässig. "Aus dieser Liste hat sich ein Muster von Zusammenhängen ergeben", so Prof. Denissen. "Man konnte fünf Faktoren extrahieren, anhand deren jeder Mensch beschrieben werden kann. Das war die Geburt der 'Big Five'."

Diese "Großen Fünf" heißen: Extraversion, emotionale Stabilität, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. (Mehr dazu siehe oben.) Jedes dieser Persönlichkeitsmerkmale ist bei jedem einzelnen Menschen unterschiedlich stark entwickelt. Ihre Ausprägung kann man auf einer Skala einordnen: von sehr hoch bis ganz niedrig. Wer Lust hat, seinen Charaktertyp einzuschätzen, kann dies ganz einfach mit einem Test im Internet machen: www.psytests.de.

Unsere Persönlichkeit wird bestimmt von Genen und Umwelteinflüssen. "Jede Eigenschaft ist zu etwa 50 Prozent erblich, die andere Hälfte wird beeinflusst durch die Umwelt", sagt Prof. Denissen. Deshalb ist bereits bei kleinen Kindern der Kern des Charakters erkennbar: Sind sie schon als Baby weinerlich, bleiben sie es häufig auch in späteren Jahren. Das konnte man unterdessen in Studien nachweisen. Am Anfang des Lebens ist die Persönlichkeit noch relativ schwach, mit den Jahren verfestigt sie sich jedoch immer mehr.

Stress führt leicht zu emotionaler Instabilität

Durch Erlebnisse, Erinnerungen und den Umgang mit anderen Menschen wird die genetische Anlage von außen beständig weiter geformt. Ein Beispiel für solche äußeren Einflüsse ist die Ehe: "In einer Studie hat man Männer untersucht, die schon einmal strafrechtlich auffällig geworden waren", berichtet Prof. Denissen. "Diejenigen, die danach heirateten, wurden anschließend weniger aggressiv und seltener erneut kriminell." Weitere Studien zeigen: Menschen in einer stabilen Beziehung sind weniger neurotisch. Und: Stress führt leicht zu emotionaler Instabilität.

Mit der Form, die unsere Persönlichkeit durch innere und äußere Einflüsse angenommen hat, sind wir übrigens selten rundum zufrieden. Viele Menschen würden sich gern optimieren, zum Beispiel gelassener sein, positiver, selbstsicherer. Aber kann das funktionieren? Lässt sich Persönlichkeit nach eigenen Wünschen verändern? Grundsätzlich: Ja. Doch einfach ist es nicht. Es kostet Zeit – Monate, wenn nicht gar Jahre. Und es braucht eine große Portion Selbstkontrolle. Wer beispielsweise weniger ängstlich sein möchte, wird seine Denkweise ändern müssen, um die Sorgen durch Gedanken an Schönes zu ersetzen.

"Wer die Tendenz hat, Gefahren und Widrigkeiten sehr negativ zu sehen, sollte lernen, diesen Stress als positive Herausforderung zu deuten. Eine Übungsstunde in positivem Denken reicht dafür natürlich nicht", weiß Prof. Denissen. Sinnvoller ist es, auch Einfluss auf prägende Außenfaktoren zu nehmen und die eigene Umwelt ein wenig zu verändern. Sich etwa mit Menschen zu umgeben, die positiv bestärken und Sicherheit vermitteln. Am leichtesten fällt eine bewusste Persönlichkeitsveränderung jenen, die von Natur aus geduldig und ausdauernd sind und Anstrengungen gut ertragen können. Als Faustregel gilt jedoch: Je stärker der Erbanteil einer Eigenschaft, desto schwieriger das Vorhaben. "Zum Beispiel sagt man, Intelligenz werde etwas stärker vererbt als die 'Big Five'", so Denissen. "Aber Intelligenz kann trotzdem durch Förderung gesteigert oder durch Vernachlässigung gesenkt werden. Es gibt keine Eigenschaft, die immun ist."

Ein weiterer Faktor erschwert die Veränderung: das Alter. Mit etwa 50 Jahren gilt der Charakter eines Menschen als gefestigt. Kleiner Trost für alle, die dann noch mit ungeliebten Wesenszügen hadern: Alle unsere Anlagen haben auch gute Seiten. "Wäre eine Eigenschaft immer nur gut oder nur schlecht, würde sie sich im Lauf der Evolution in eine Richtung entwickeln", so der Psychologe. "Sogar eine Eigenschaft wie Neurotizismus, also emotionale Instabilität, die normalerweise als ungünstig betrachtet wird, kann in Gefahrensituationen lebensrettend sein." Dafür macht sie leider nicht so glücklich. Denissen: "Eine niedrige emotionale Stabilität geht oft mit depressiven Gedanken und Gefühlen einher. Extravertierte Menschen empfinden dagegen mehr Fröhlichkeit."

Unbewusste Kräfte

Unsere Persönlichkeit kann also unsere Gefühlslage beeinflussen, unsere Gesundheit, unsere Beziehungsmuster, ja sogar unseren Lebenslauf. Prof. Jaap Denissen nennt Beispiele: "Menschen, die gewissenhaft sind, haben oft mehr Erfolg im Beruf. Menschen, die sehr offen sind für neue Erfahrungen, arbeiten häufiger in kreativen Berufen." Unser Charakter ist auch mitverantwortlich für unser Verhalten – zumindest für jene häufigen, eingeübten, gewohnten Verhaltensweisen, die spontan und ohne langes Nachdenken erfolgen. Vermutlich werden sie irgendwann im unbewussten Teil unseres Ichs gespeichert.

Dieses Unbewusste ist wie eine geheimnisvolle Kraft, die uns lenkt: Mal lässt sie uns zornig werden, mal euphorisch, mal fühlen wir uns stark von etwas angezogen, mal empfinden wir tiefe Abneigung. Solche instinktiven Reaktionen zu kontrollieren ist schwer. Sie scheinen wie aus dem Nichts zu kommen. Wie entstehen sie eigentlich? Um das zu ergründen, versuchen Forscher seit Jahren, Licht in die verborgenen Nischen unserer Psyche zu bringen. Sie glauben, dass sich im Unbewussten unter anderem jene Wesenszüge verbergen, die sich in der Kindheit formen, etwa Neugier, Introvertiertheit oder Gelassenheit. Sie bilden den unbewussten Kern unserer Persönlichkeit.

Auch Eindrücke und Erinnerungen sollen dort gespeichert sein. Zum Teil gehen sie bis in die früheste Kindheit zurück und können von uns gar nicht mehr bewusst abgerufen werden. Ohne dass wir ahnen, warum, wecken sie bei uns in bestimmten Situationen diffuse Gefühle. Sogar vorgeburtliche Einflüsse sind im Unbewussten gespeichert: Ist eine Schwangere etwa depressiv oder übermäßig oft frustriert, wirken sich ihre Stresshormone auf das Ungeborene aus, das später zu einer unausgeglichenen, ängstlichen Persönlichkeit werden kann.

Das Unbewusste bestimmt einen Teil unseres Lebens – ob wir es wollen oder nicht. Dennoch ist es möglich, die engen Bahnen, die unser Charakter vorgibt, zu sprengen. Es kostet nur Energie. Eine extravertierte Persönlichkeit kann sich etwa zurücknehmen. Eine introvertierte Persönlichkeit ist in der Lage, ausdauernden Small Talk zu betreiben – zumal das für sie positive Folgen haben kann: "Es gibt Studien, die zeigen, dass Introvertierte davon profitieren, sich extravertiert zu verhalten", sagt Prof. Denissen. "Durch die Gespräche mit anderen wurden die Introvertierten fröhlicher, obwohl dieses Verhalten gar nicht ihrer Natur entsprach." Jeder hat also die Wahl. Sie können sagen: "So bin ich, basta!" Oder: "Will ich wirklich so sein?" Es liegt bei Ihnen.

Autor: Melanie Schirmann

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