Psychologie
Andere warten lassen, während man telefoniert, gilt als unhöflich.

Andere warten lassen, während man telefoniert, gilt als unhöflich. / Foto: © picture alliance/Denkou Images

Weniger Ellenbogen

Bitte mehr Respekt - vor anderen und vor sich selbst!

  • Artikel vom 14. November 2012

Andere Menschen ausreden lassen, sie nicht abschätzig abbügeln, nur weil sie eine andere Meinung haben. Nicht die Ellenbogen ausfahren, weil man zügig durch die Menge möchte. Dem Straßenverkäufer, der vor dem Supermarkt das Obdachlosenmagazin anbietet und freundlich grüßt, ein Lächeln schenken. Es sind oft kleine Gesten, in denen sich etwas Großes ausdrückt: Respekt.

Respekt ist ein Wert – und die Haltung, mit der man anderen Menschen gegenübertritt. Auf Augenhöhe nämlich. Respekt kennt kein Oben, kein Unten. Er sorgt dafür, dass wir uns zurücknehmen können, anderen nicht mutwillig auf die Nerven gehen, jedem seinen Platz in dieser Welt zugestehen. Aber kein Wert wird so sehr missverstanden: Wenn Leute sagen, sie hätten Respekt vor einem Hund, meinen sie eigentlich Angst. Wenn ältere Menschen beklagen, die Jüngeren ließen es an Respekt fehlen, verwechseln sie das mit Höflichkeit. Und wenn ein Lehrer Respekt erwartet, möchte er vor allem Gehorsam.

Respekt macht die Arbeit angenehmer, die Liebe wertvoller, das Leben schöner. Jede dritte Frau hält den Respekt ihres Partners für fast so wichtig wie Treue – das zeigte jüngst die Umfrage einer Singlebörse. Für Frauen über 50 steht er sogar an erster Stelle. Laut einer Studie, die das Personalberatungsunternehmen Mercer 2011 durchführte, gibt es nichts, was Mitarbeiter einer Firma so sehr motiviert wie Respekt. Studenten nannten ihn in einer Umfrage der US-Universität Berkeley in einem Atemzug mit Anerkennung als wichtigste Bedingung dafür, dass es einem gut geht. Für 71 Prozent aller Eltern führt Respekt gar die Liste ihrer Erziehungsziele an.

Mobbing und Rosenkriege

Doch dann sehen wir, wie Menschen wirklich miteinander umgehen. Wir lesen von den Schlammschlachten der Politiker und den privaten Rosenkriegen, in denen sich Expartner bekämpfen. Wir erleben, dass das Miteinander an vielen Stellen der Gesellschaft wie ein Gegeneinander wirkt – an allen Fronten. Facebook und andere soziale Foren und Chats im Internet werden von einigen Leuten benutzt, um andere systematisch zu beleidigen, zu verunglimpfen, bloßzustellen. Leicht gemacht wird es ihnen durch die Anonymität der Pseudonyme, hinter denen man sich im Netz verstecken kann.

Viel zu selten wehren sich Betroffene gegen Onlinemobber, indem sie diese bei den Betreibern der Seiten melden, sie blocken oder anzeigen. Die Bundesbürger, so klagte jüngst die Deutsche Knigge-Gesellschaft, würden sich zu einem Volk von Rüpeln entwickeln.

Was ist nur mit dem Respekt passiert? Er ist nicht verschwunden, sondern im Umbruch, sagen Forscher der Respect Research Group der Universität Hamburg. Wir leben in einer Phase, in der wir ihn neu aushandeln. Unsere Gesellschaft wird immer vielschichtiger, die ehemals gemeinsamen Werte werden nicht mehr von allen gleich verstanden.

Prof. Niels Van Quaquebeke, Psychologe und Leiter der Respect Research Group, nennt ein Beispiel zum Thema Höflichkeit: "Für eine ältere Frau im Bus aufzustehen mag für diese heute in manchen Fällen eher eine Beleidigung darstellen."

Respekt bedeutet unterdessen auch anzuerkennen, dass es immer mehr unterschiedliche Sichtweisen gibt. Ein gutes Stück Arbeit: "Das ist gewissermaßen auch eine Zumutung – das Zusammenleben in der Gesellschaft ist viel komplexer geworden", versucht Prof. Van Quaquebeke zu erklären. "Das ist sehr anstrengend." Aber nicht aussichtslos: Je mehr wir mit unterschiedlichen Menschen zusammenkommen, desto besser können wir Respekt lernen, wenn wir dabei erkennen: Jeder von uns leistet etwas – auf seine Art. Ganz wichtig: Wir müssen auch Respekt vor uns selbst haben. Wer seinen eigenen Wert nicht kennt, kann auch andere nicht als gleichwertig betrachten.

Ist der Respekt füreinander nicht vielleicht doch weniger geworden? "Das redet sich wohl jede Generation ein", beruhigt Van Quaquebeke. "Wir Menschen sind als soziale Wesen darauf angewiesen, miteinander auszukommen. Respekt ist dabei unser gesellschaftliches Schmiermittel, ohne das ständig Reibung entstehen würde. Wir wissen nur nicht immer automatisch, wie wir ihn kommunzieren können."

Unsere Kinder könnten das von uns lernen – wenn wir es ihnen vorleben. Wenn wir sie lehren, verschiedenartigste Menschen zu akzeptieren. Wenn wir vermitteln, dass es sich besser lebt, wenn man anderen ein Lächeln schenkt, sich nicht über sie erhebt, ihre Zeit nicht verschwendet, sie wertschätzt. Respekt kann man üben. Jeden Tag von Neuem.

Autor: Silke Pfersdorf

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