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Gesundheit
Pillenberg: Patienten über 65 nehmen oft bis zu neun Arzneimittel.

Experten warnen: Wir schlucken zu viel Arznei! Patienten über 65 nehmen oft bis zu neun Arzneimittel.

Experteninterview

Gute Pillen, schlechte Pillen

  • Artikel vom 19. Dezember 2011

Medizin ist zum Heilen da. Denkt man. Was aber, wenn es nichts zu kurieren gibt? Auch dann lassen sich Medikamente verkaufen. Alles, was man braucht, ist eine Diagnose. Und der kann man nachhelfen – indem man Alterserscheinungen für behandlungsbedürftig oder Stimmungsschwankungen zu Störungen erklärt, indem man die Grenzwerte für Blutdruck oder Cholesterin immer niedriger ansetzt.


Gesundheits- und Pharmaexperte Jörg Schaaber im großen HÖRZU-Interview.


Seit Jahren schaffen sich Pharmafirmen auf diese Weise ihre Patienten selbst – und machen damit ein Riesengeschäft. Mehr als 41.000 rezeptpflichtige Medikamente sind in Deutschland derzeit auf dem Markt, für rund 32 Milliarden Euro pro Jahr konsumieren wir Tabletten, Tinkturen und Kapseln. Keineswegs immer zu unserem gesundheitlichen Wohl. Denn an den Senioren zeigt sich, was passieren kann, wenn gegen jedes tatsächliche und auch vermeintliche Leiden Medikamente zum Einsatz kommen:

Hohe Dosis: Wie viel und was die Deutschen einnehmen

Ab einem Lebensalter von 60 Jahren steigt der Arzneimittelverbrauch deutlich. Viele Patienten schlucken mehrere Medikamente. Die Hitliste der meistverordneten Präparate wird angeführt von Blutdrucksenkern, Antibiotika und entzündungshemmenden Mitteln.

Die verordnungsstärksten Arzneimittelgruppen 2010

Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 626,3 Millionen Verordnungen. Davon entfielen allein 51,4 Millionen Verschreibungen auf blutdrucksenkende Mittel.

Gut 44 Prozent vom Umsatz des gesamten Fertigarzneimittelmarktes entfielen 2010 auf Versicherte ab 65 Jahren. Im Durchschnitt wird jeder von ihnen täglich mit 3,6 Tagesdosen behandelt, nimmt also mehrere Medikamente gleichzeitig ein. Ganze 42 Prozent dieser Betroffenen erhalten innerhalb eines Quartals sogar fünf oder mehr Wirkstoffe! Dabei ist gerade im Alter eine solche Multimedikation wegen der unüberschaubaren Neben- und Wechselwirkungen höchst problematisch.

Prof. Gerd Glaeske vom Institut für Sozialpolitik in Bremen stellte fest, dass etwa 10,2 Prozent der älteren Patienten an nichts anderem leiden als an solch unerwünschten Wirkungen von Arzneimitteln. Viele der Betroffenen müssen deswegen sogar im Krankenhaus behandelt werden. Geschätzte Kosten dieser Fehlentwicklung: bis zu 600 Millionen Euro pro Jahr! Dass die Pharmaindustrie um des eigenen Profits willen fahrlässig das Wohlergehen ihrer "Kunden" gefährdet, kritisiert auch der anerkannte Gesundheits- und Pharmaexperte Jörg Schaaber.

Seine Thesen erläutert er im großen HÖRZU-Interview.

Autor: Nicole Simon

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